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29. September 2017, Rostock/Pleitegeier 2 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 03. Oktober 2017 um 13:59 Uhr

Ungefährlicher als Pilzesammeln ist das Sammeln von Flaschenpfand (376)


Nach fulminantem Frühstück startet Fürst Fedja die Schmette, auf geht’s einem logischen Motiv folgend gen Ostsee. Tschüss, Hamburg. Gespielt wird erst am Abend im Rostocker Pleitegeier 2, verbleibt ergo genügend Zeit für einen ausgiebigen, sonnendurchfluteten Wohlfühltag. Fischteller müssen her, gefunden werden sie in Rerik, im „Sailor’s“. Tata: Dorschfilets auf eigener Haut gebraten, dazu Ducksteiner Bier und trockener Riessling. Fürst Fedja verlangt den Beef-Burger nach Art des Hauses. Das sollte man in einem Fischrestaurant tunlichst unterlassen, aber Fürst Fedja leidet nun mal an einem unerklärlichen Flossen- und Fischtrauma. Die ganze Welt des Meeres wird ihm für immer verschlossen bleiben. Krabben, Krebse und Wattwürmer inklusive. Nun, dafür gibt es pappige Brötchendeckel mit einem Mittelteil von klopsähnlicher Trauer. Salat und Sauce verteilen sich rasch auf dem gesamten Freisitz. Eine Wespe, zwei Möwen greifen an. Kaffee ist der Nachtisch, schon stapft der Tross am Strand entlang. „Neid ist unser Tagesziel“, sagt ein Doctor zum anderen und stellt ein entsprechendes Foto mit eben dieser Unterschrift zur Internetverfügung. Teile der Weltöffentlichkeit weinen, andere packen spontanes Gepäck zusammen und reihen sich auf den Autobahnen gen See ein.



Da in der Schmette nicht geraucht wird, bedarf es im weiteren Tagesverlauf einiger Pausen, im Herbst werden sie Pilz-Pausen geheißen. Die Abläufe ähneln sich: Doctor Makarios verschwindet im Wald und kommt daraus meist mit einem imposanten Fungi-Corpus in der Hand wieder heraus. Es folgt die Pilz-Kunde und Pichelstein ist sich jedes Mal sehr sicher: Ungefährlicher als Pilzesammeln ist das Sammeln von Flaschenpfand. Denn die eine Art zerstört auf Dauer die Leber, die andere sorgt dafür, dass man stante pede auf die ITS muss. Dann gibt es Pilze, die immerhin nur für Magenbeschwerden, Schüttelfrost, Herzjagen, Schweißausbrüche und Übelkeit sorgen. Von Fliegenpilzen war da noch gar nicht die Rede. Aber! Doctor Makarios entstammt einer biologisch-pädagogischen Sippe, die Augen wurden früh bei Waldspaziergängen geschult. Sätze wie: „Fast jede Pilzart hat einen fiesen Zwilling“ werden fachlich erörtert. Pichelstein liest in der lokalen Twitter-Timeline: „Erneut verschwanden Pilzsammler im Wald, aufgegriffen wurden sie tags drauf völlig verdreckt und ausgemergelt nahe der polnischen Grenze.“ Ungeduldige Finger trommeln derweil aufs Dach der Schmette. Weiter geht's, das Ziel ist nunmehr Warnemünde. Fürst Fedja trifft dort den verehrten Wissarion Josefowitsch Ktonibutjew, diesmal nicht in seiner Funktion als Ruinenführer der Pratajev-Gesellschaft, nein, des Genossen Ktonibutjews Kontakte reichen bis hinunter in die Vodka-Welt. So steht ein Wirte-Meeting zur Bulbash-Verkostung an, während Makarios und Pichelstein Promenaden-Cocktails schlürfen. Warnemünde, wie eh und je von Busladungen voller Graulocken überfüllt, gerne hätte man in dir noch Backfische zu sich genommen, doch satt ist satt. Auf zum Rostocker Hotel Hopfenmarkt, ein wenig ruhen und das Hygieneporzellan testen.



Wow, gleich um die Ecke eröffnet gerade ein E-Zigaretten-Store. Es wird gedampft, was die kleinen Kohlekraftwerke im Akku haben. Nebelschwaden durchwabern die Kröpeliner Straße. Wer so ein Gerät im Hotelzimmer in Betrieb nimmt, muss mit einem Feuerwehreinsatz rechnen, sofern die Sprinkleranlage nicht gleich aktiviert wird. Wenn herkömmliches Rauchen schon mit einem Strafzoll von 250 € belegt wird, was kostet wohl genüssliches Schmausen an einem E-Dampfer? Nun denn. Michael vom Pleitegeier 2 wartet, hinein ins Rostocker Einbahnstraßensystem, was keines ist. Will sagen: Man kommt nur einbahnig überm Kopfstein voran, zweibahnig darf aber gefahren werden. Klappt bloß nicht, Fürst Fedjas Blutdrucktabletten wirken. Tja und dann ist’s vorbei mit den weitläufigen Faulenzereien; beide Doctoren schrauben sich eine gemütliche Bühne zurecht. Allzu laut darf es wegen der Nachbarn nicht werden, die Russian Doctors sind seit Jahren wieder die erste Band im Club, sollten erst unplugged spielen, aber das wäre total schiefgegangen. Nehmen wir wieder mal etwas vorweg: Die Gäste und Fans hätten lauter als ein schreiendes Pratajev-Duett auf der Bühne gesungen.



Während Fürst Fedja mit den Herren Pleitegeiern Bulbash, im Gegenzug beste Whiskeys verkostet, füllt sich der Laden. Präziser gesagt platzt er aus allen Nähten. Fein, es gibt wieder Astra für den Pi-Doc und "Tonic mit was drin" für den Maka-Doc. Warten auf 20:30 Uhr, auf die Showtime: mit vagem Lächeln den Irrungen und Wirrungen der nächsten Stunden entgegensehen. Noch eine rauchen, noch zwei, noch dies und das und dann (wie beim ersten Docs-Konzert hier vor acht Jahren, Tradition verpflichtet) wird der „Rotarmist“ aus dem Keller geholt. Oder besser: gejagt, denn von der ersten Minute an, der zur Bühne getragene Vodka sorgt dafür, rast Pichelstein wie ein Kampfjet durchs Set. Einzig bei getragenen Nummern, wie dem „Rundblick vom Turm“, gönnt er sich Verschnaufpausen. Sehr schön: Direkt vor der Bühne wird darunter Stuhl auf Stuhl gestapelt, wird stolz und erhobenen Hauptes vom Turm geschaut. Und weil’s so voll ist, der gemeine Doctoren-Konzertianer sich jedoch tanzenden Rumpfes bewegen möchte, werden dafür Tische bestiegen. Es ist ein Fest, ein verrückter Abend, gespielt wird ohne Pause locker mal 2,5 Stunden durch. Zweifelsohne findet nirgendwo anders auf der Welt gerade derartiges statt.



Pichelstein wird vom Makarios zum neuen Weltrekord im Schnellgitarrespielen getrieben, dass sich darunter eine Stahlsaite ins Nagelbett bohrt, was soll’s? Fürst Fedja stolpert rasch zur Heilung einen Bulbash herbei, womit die Eingangsfrage: „Seid ihr die Band mit dem eigenen Wodka?“ endgültig mit „Ja“ geklärt sein dürfte. Schlussendlich wird er erreicht, der selige Hafen der letzten Schnapsbar, und damit nicht genug. Am Merchstand liegt bereits die erste Tommy Hilfinger-Unterhose. Eben erst ausgezogen, gelüftet und zur Unterschreibung feilgeboten. Man liegt sich in den Armen, als hätte Hansa Rostock soeben die Champions League gegen Paris St. Germain gewonnen.


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 03. Oktober 2017 um 15:09 Uhr