The Russian DoctorsTheRussianDoctors

15. September 2018, Rathmannsdorf / Privat in der Ochelbaude PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 19. September 2018 um 18:33 Uhr

Opfer der Fauna (395)


Was gibt der Tourkalender der Russian Doctors heute her? „Privatpartyausflug ins sonnige Herz der Sächsischen Schweiz.“ Hat doch der Sommer die letzte Verlängerung ausgerufen. Der Weg nach Rathmannsdorf, zwischen Bad Schandau und Hohenstein gelegen, wird hurtig ins Navigationsgerät eingegeben und der Sprecherton auf Null gestellt. Man möchte schließlich nicht, dass die Verkünderin interessanter, wenn auch zum Teil durchaus wertvoller Botschaften, sich mittenmang in den Sound der Dropkick Murphys einmischt. Oder keck verlangt: „Bitte wenden und dann die neue Element of Crime-CD einlegen.“ Weder das eine noch das andere könnte man vor allem Fürst Fedja abverlangen. Obschon zu Anfang der Reise, eigentlich wie immer, viel gewendet werden muss. Grund: dauernd hat wer was vergessen einzupacken. Heute ist es das Endstufengerät zur Beschallung des Publikums. Was weiterhin, wie immer, dazu führt, dass man auf der Autobahn Gummi geben muss. Heute, um einigermaßen pünktlich das Sonnenuntergangsherz der Sächsischen Schweiz erreichen zu können.

 

Doctor Makarios reist im zweiten Gefährt getrennt an, doch keine Sorge: von einer potzblitz bestandenen Führerscheinprüfung ist nicht die Rede. Er wird anderweitig chauffiert und strebt am Tag nach Konzertschluss einem kulinarisch wertvollen Urlaub entgegen. Wer das Urlaubsverhalten der Doctoren kennt, wird wissen, dass es zuallererst lecker zu sein hat. So richtig lecker und zwar weit abseits einer Mitropa-Speisekarte. Wie später in der Ochelbaude, dem Ort des heutigen Geschehens, direkt im Felsengebiet der Ochelwände gelegen. Ein Fest für Kletterfreunde, der Weg dorthin ist auf den letzten Kilometern ein steiler Serpentinenspaß ohne Mittelstrich, gewürzt mit der frechen Beschilderung: Tempo 100 km/h erlaubt. Einige Verkehrsteilnehmer schafften es sogar weit darüber hinaus. Die Holzkreuz-Einfriedungen am Waldesrand zeugen davon. So idyllisch die Gegend auch ist, man möchte hier bitte kein Opfer der Fauna werden. Denn: wen soll man wie um Hilfe rufen, wenn alle Handynetze und LTE bis G-Internetverbindungen sich bereits kurz hinter Pirna verabschieden?

 

 

Großes „Hallo“ an der Ochelbaude. Beide Geburtstags-Gastgeber werden vorstellig, Backline und Anlage flinker Hand in den Baudensaal transportiert. Pichelstein und Fürst Fedja beziehen Quartier im Vierbettzimmer mit Hüttencharakter. Und damit nicht noch ein Dudelsackspieler samt Slowhand-Gitarristin einziehen, wird das Gemach ordentlich beschriftet. Dann gibt’s den Soundcheck und, tata, leckeres vom Buffet. Die Kaltgetränke munden, das bunt gescheckte Vorprogramm der Doctors startet. Was in Höhe der Bühne geschieht, ist schwer zu beschreiben, so mögen die Bilder für sich sprechen, bitte sehr. Zu sehen sind auch der Dudelsackspieler samt Slowhand-Gitarristin.

 

 

 

Nach alldem geht’s los mit dem ersten Set. Das Publikum besteht aus wenigen textsicheren Fans und einem breiten Meer an Pratajev-Novizen. Erstere versammeln sich direkt vor der Bühne, die anderen trauen sich nur schwerlich nach vorne. Man spürt förmlich den Drang, Pratajevs Namen zu tanzen! Russisch natürlich, mit viel Wodka im Blut. Pichelstein betankt die Gitarre bei jedem Boxenstopp mit Feuerwasser. Der erste Reifenplatzer geschieht somit bereits vor der Pause. Die Ersatzgitarre wird geschultert, schließlich muss eine Schnapsbar erreicht werden. In der Pause läuft eine Offline-Spotify-Playlist, online ist hier nur, wer den WLAN-Zugangscode für glatte zwei Empfangsstriche knackte.

 

 

Weiter geht’s, immer weiter. Bis in die letzte Zugabe hinein. Und weil auch den Textsichersten im Saal vor lauter Trank-Überschwang irgendwann die Wunsch- und Wahllieder ausgehen, schließen die Doctoren eigenmächtig mit „Schnaps und Weiber“ das Konzert. Nass wie die Schwimmer liegen sie sich in den Armen. Um nicht doch noch ein Opfer der Fauna zu werden, bleibt man nah an der Ochelbaude. Fürst Fedja liegt als erster im Vierbettzimmer mit Hüttencharakter und lauscht den Wölfen, die draußen heulen wegen der Offline-Spotify-Playlist. Oder singen sie mit? Das Lied vom Schatzi mit dem Foto? Nein, eigentlich nicht.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 19. September 2018 um 19:01 Uhr