The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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23. März 2019, Halle / Kaffeeschuppen PDF Print E-mail
Written by Doktor Pichelstein   
Tuesday, 26 March 2019 19:36

Hall, Halle, Halleluja (405)

 

Auffallend ist an diesem Spätnachmittag eindeutig die Höflichkeit der Navi-Dame. Das haben die Doctoren auch schon ganz anders erlebt. Nur wird das R heute gerollt, als bestünde der Weg in die Derby-Stadt Halle aus einem Rock and Roll-Paternoster. „Rrriebeckstraße, Rrrrackwitzerstraße …“ so geht das in einem fort bis das Ziel, der Kaffeeschuppen an der Kleinen Ulrrrichstraße 11, erreicht ist. Ob die Navi-Dame mit der Zunge im Stacheldraht hängengeblieben ist? Nein, dann würde sie lispeln. Es soll ja auch lispelnde Wegweiserinnen geben, wie ein SUV-Forum verrät. Das Forum der Präriefahrer, die sich mit pupsenden Kuhpanzern in die Städte verirren. Sicherlich gibt es auch Wegweiserinnen, die nur Gebärdensprache können, ergo: sehr schweigsame Zeitgenossinnen sind.

 

Eine Pause von Zuhause. Während in Leipzig Buchmesse ist und gut 300.000 Menschen dem „Sog der Worte“ folgen, gastiert der Pratajev-Tross also in Halle. Dafür sind Nachbarstädte prädestiniert. Man fährt hin, wenn es zuhause ungemütlich wird. Mal eben schnell in die Leipziger Innenstadt, um einen Milchkaffee zu schlürfen? Keine Chance. Die Buchmesse ist ein viertägiger Weihnachtsmarkt mit dichtem Gedränge von der Neuen Messe bis zum Lindenauer Hafen. Man steht sich, man liest sich quasi in den Schuhen und trägt dabei ein Kleid aus Buch. Kulturell wertvoll, zweifelsohne. Toll, Bücher, super, auch Lesungen, all das. Oft genug traten die Doctors im Buchmesse-Rahmen auf, spielten Konzerte vor der Wurstabteilung im Marktkauf, im Artpa, im Kunstgeist, in der Naturbäckerei, mit Konstantin Wecker in der HGB. Nicht zu vergessen, tata, wo fand das allererste Konzert vor 16 Jahren statt? Genau. In der naTo. Zur Buchmesse. Doch heute ist man irgendwie froh, dem ganzen Bohei entfliehen zu können. Drum nichts wie raus an die Hallenser Schnapsbar. Schnapsbar geht schließlich immer. Wer noch nie in Halle war, der besuche bitte den Kaffeeschuppen und verkoste irische Kaltgetränke, Starkbier, Schnitzelteller … dazu die Leckereien der Tank Company, denn das Wodkartell des Fürst Fedja ist um eine Herrlichkeit reicher. Ab sofort wird gepanzert und Doctor Pichelstein erscheint als Role Model auf dem Catwalk zur Bühne.

 

 

Der Kaffeeschuppen ist voll. Kann losgehen, der Techniker hebt den Topdaumen, moderiert die Pratajev-Show an und kümmert sich in der Folge hochkonzentriert um das Leben und Gedeihen der Mischpultknöpfe. Hall, Halle, Halleluja! Da kann jetzt nur der „Rotarmist“ antworten. Das Ambiente verlockte zuvor derart zum Herumhängen, dass die Doctors glatt vergaßen laut über eine ungefähre Liedfolge nachzudenken. Bald wird den Impfgegnern, aka: Seuchenfreunden, ein Denkmal gesetzt, Bald rührt der „Löffel aus Holz“ durch den Schuppen und Wodka, der alte Schlüpferstürmer, wird in gläsernen Kübelchen zur Bühne gereicht. Die selige, trunkene Stimmung ist nicht mehr aufzuhalten. Neue Gäste akklimatisieren sich sofort. Makarios läutet schließlich mit einer ersten „Schnapsbar“ galant die Pause ein.

 

 

Gleich im Anschluss legt Pichelstein nach dem „Lied vom guten Leben“ mit der „Harten Wirtin“ los. Tja, das ist der Yo-Yo-Effekt. Eine Gesetzmäßigkeit, der zufolge sich ein abwärtsgerichteter Trend (beim „Guten Leben“ handelt es sich zweifelsohne um eine Ballade) an seinem Tiefpunkt gleichsam automatisch ins Gegenteil verkehrt. Vergleiche: Diät oder? Blues! Blues ist nichts anders als eingeschlafener Heavy Metal. Kein Yo-Yo-Effekt, immer nur: Bluuuuues. Und Bierglaaaas! Und: "Ritaaaa, ich geh mal eine rauuuuchen, gib mir mal die Kuuute." Kurzum: schon wieder wird ein Weltrekord geknackt. Das Enfant terrible auf der akustischen Schnellgitarre ist für den Rest des Konzertes nicht mehr zu bremsen. Dazu führt Makarios wie ein Bolschoi-Zeremonienmeister durch Pratajevs Themenparcours und die ewigen Fragen in den Zugaben: „Was soll’s sein? Was sollen wir noch spielen?“ werden mit Contenance und einem Gitarren- und Stimmgewitter rechtschaffen beantwortet. Wenn der heutige Abend ein Buch wäre, würde eine verdammt spannende Story mit extravagantem Plot dabei herauskommen. Doch der heutige Abend ist ein Konzert, ein ziemlich verrücktes obendrein. Wohl bekommt’s und Danke, Halle.

 

Last Updated on Tuesday, 26 March 2019 19:57
 
23. Februar 2019, Wittenberg / Irish Harp Pub PDF Print E-mail
Written by Doktor Pichelstein   
Wednesday, 27 February 2019 20:36

Fürst Fedja schnupft (404)

 

Mit einer Körperspannung, die an zerkochten Spargel gemahnt, hockt Fürst Fedja am Frühstückstisch. Kein Elend der Welt kann größer sein, als ein ausgewachsener Männerschnupfen, verursacht von einem hinterlistigen Killervirus. Da geht heute wenig bis nichts mehr. Die Anlage wird ins Auto verladen, Fedja düst schnaubend über Betonpisten nach Hause, landet weich und schaut Schießfilme. Im Schlafanzug. Was für ein Verlust. Ohne ihren Prince Charming-Tourmanager sind die Doctors auf Reisen stets unglücklich und so wird es auch eine stille Fahrt nach Wittenberg, als der späte Nachmittag in den kalten Abend hinein verreckt. Kein Radio läuft, manchmal fällt ein Wort, ein ganzer Satz, folgt ein kleiner Lacher, mehr nicht. Pichelstein lenkt den Diesel über den kargen Freiluft-Wurststopp knapp hinter Piesteritz direkt vor den Irish Harp Pub. Erst als beiden Doctoren leckere Getränke übergeholfen werden, ist die Welt wieder einigermaßen im Lot.

 

 

Im Irish Harp buckeln wie eh und je Wirt und Gitarrendoctor die Bühnenecke zurecht. Da alle Kabel mit XLR-Adaptern umgerüstet werden müssen, um ins Multicore Richtung Mischpult gesteckt werden zu können, zieht sich der Aufbau hin. Makarios rückt derweil den Kaufmannsladen ins schummrige Licht. Heute im Angebot: Mehr Schnaps in Flaschen als Musik in Dosen. Beim Soundcheck wächst die Überlegung, ob man nicht bald auch Kippen (aka Teezigaretten) ins Sortiment nehmen sollte? Wer kennt das nicht, vor allem als gestandener Festivalbesucher? Lauter Merch! Klamotten! Platten! Bücher! Sogar Bettwäsche! Wohin das Auge reicht. Und am dritten Tag nichts mehr zu rauchen dabei, alle Automaten leergezogen. Da würde man sich nach einer Stange weißrussischer Kippen die Finger lecken bis die Lunge wieder fiept.

 

Anschließend wird nach arabischer Karte gespeist, der Pub ist bereits proppenvoll. Viele Gesichter erkennt man wieder, das Ehepaar da am Klavier, das saß doch letztes Jahr schon da! Live-Grüße kommen sogar aus Kiel. Ohne Luther keine Kieler in Wittenberg. Eine ganz einfache Rechnung. Danke dafür, Martin. Ohne Luther gäbe es vermutlich auch keinen Irish Harp Pub. Da wollen wir uns Summa summarum gleich mal verbeugen. Für mittlerweile 11 Doctors-Konzerte an diesem feinen Ort. Am 01. März 2008 fand hier die erste Pratajev-Sause statt, in der Folge dann in jedem Jahr. Wie gut, dass man ein Tourtagebuch hat. Erinnerung daraus: „Vom Tresenwesen zurück an die Mikroständer – dem zweiten Intro folgen Heimat- und Tierlieder; Polytoxe und Polygame schunkeln sich in Stimmung. Jeder zweite im Publikum scheint einen Fotoapparat bei sich zu haben, Willis Kamera dreht die DVD zum Fanal und als Stunden später die Gitarren schweigen, bereits das Lied der Kassierer erklingt, da gibt es einen weiteren Zugabewunsch. Er lautet: Gefesselt. „Könnt ihr das noch einmal spielen? Das ist unser absolutes Lieblingslied“, fragen zwei Mädchen von ganz vorn. Doktor Makarios lässt sich nicht lang bitten und erwidert: „Na, Wittenberg hat’s aber gut …“ und legt mit ruinöser Stimme los.“

 

 

Hat sich seit dem Debüt mit der laufenden Konzertnummer 146 entscheidendes geändert? Ja. Das Gros der Wittenberger wechselte mit den Jahren vom aktiven zum passiven Fetisch. Heute wird lautstark (aber weiterhin polytox und polygam) „Beim Bücken“ verlangt. Nicht mehr „Gefesselt“. Die Wittenberger fallen nicht mehr von Barhockern und rennen danach vor die Tür. Dort, wo man heute raucht, wurde früher gebrochen. Denn der Weg zum Klo war stets voller Leiber. Unfallfrei wäre man nie am Hygieneporzellan angekommen ohne klamme Klamotten bei anderen Gästen zu verursachen (um es nett zu umschreiben). Noch ein Stichwort, respektive ein Stichtier: Biber! Denn – von anderswoher ist es bisher nicht bekannt – Wittenbergs Biber beißen. Vorsicht ist weiterhin geboten. Nicht vorm eingewanderten Wolf aus der Dübener Heide, nein, vorm Biber. Los geht’s, das Konzert. Und ein großes „Hallo“ dazu an B.N. Guinnessoff.

 

 

Die Setlisten der Doctors sind wie das Leben, von dem man behauptet, es sei wie ein Pralinenkasten: Man weiß nie, was man bekommt. Aber selbst Pichelstein, der rasende Gitarrist auf dem Yamaha-Boliden, ahnt oft nur das erste Lied. So rockt, poppt, punkt und flegelt der weitere Verlauf des Abends vor sich hin. Luther-Chöre! Alle singen: "Tote Katzen im Wind" usw. Bereits zum ersten Pausengong liegen sich die Doctors nass in den Armen. Beim erneuten Schnellgitarre-Weltrekord zur „Harten Wirtin“ staunt mancher Bauklötze und will gleich die Doping-Polizei rufen. Doch die hat gerade im Wintersport mächtig zu tun, bevor es im Frühjahr zu den Apothekenrundfahrten geht. Pichelstein rutscht stets durch alle Kontrollen, und, an dieser Stelle sei es gleich verraten: Es ist der Wodka Bulbash. Von dem späterhin der gesamte Vorrat über den Tresen geht. Der Wodka, den man sich heute erbetteln muss, weil Fürst Fedja schnupft und Schießfilme guckt. Je mehr Bulbash, desto schneller die Hände, die Finger, die Akkorde. Bis zum Diskant, bis zu „Tasche auf“, „Hack“ und - wie sollte es anders sein? Bis zur allerletzten Mokka-Milch-Eisbar.

 

 

Fotos: Dankeschön an Ralph Wildgrube

Last Updated on Thursday, 28 February 2019 18:02
 
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