The Russian DoctorsTheRussianDoctors

tour_tagebuch
23. Juni 2017, Pirna-Liebethal/Jugendgästehaus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 23. Juli 2017 um 15:25 Uhr

Love Valley (368)


Liebethal ist ein Stadtteil von Pirna. Würden auf diesem kaleidoskopischen Leuchtturm der Wanderer und Sammler amerikanische TV-Serien gedreht werden, hieße der Ort beflissentlich „Love Valley“. Dafür müsste man nur die Bewohner austauschen, denn was da alles am Wegesrand skandalfrei hackt und furcht, ist keineswegs netflixverdächtig. Gut, es sei denn, die Kamerateams von „Brisant“ oder „Hallo Deutschland“ rücken an. Dann ist etwas ganz Furchtbares passiert - Vergleiche Pratajevs Weise: „Der Raucher von Bolwerkow“. Aber soweit soll es nicht kommen, wenn schon Kamerateams, dann mögen sie im Jugendgästehaus Feierlichkeiten einfangen. Genau dorthin kurven die Doctoren an diesem herrlichen Freitagabend, empfangen von einer jungen Damenwelt, die sommerlich gewandet nicht auftritt, sondern erscheint.



Gleich mehrere Geburtstagskinder taten sich in familiärer Bande zusammen und luden ein. Doch wer ist oder war zuletzt vom kalendarischen Stichtag betroffen? Bestenfalls schüttelt man jedem die Hand und nuschelt „Herzlichen Glückwunsch“. Doch dafür sind es zu viele. Flehentlich wird sogleich von höchster Seite geäußert, den mitgeführten Bulbash-Vorrat zu verdecken. Unter den Gästen sollen sich ein paar Schnapsdanebenbenehmer tummeln. Keine Begehrlichkeiten wecken! So wird auch die Frage, ob man später eine Flasche in den Kühlschrank stellen dürfe, stante pende nicht mit „Nein“, sondern mit „Um Gottes Willen“ beantwortet. Vorweggesagt: Ein stiller Konsum, verdeckt, wie in amerikanischen TV-Serien, ging am Ende durch und dass daran einige Gäste heimlich teilnahmen, führte nicht zum Anrücken der Kamerateams von „Brisant“ oder „Hallo Deutschland“. So ein Glück. Die Aussage eines honetten Herrn an der Frühstückstafel: „Ich war noch nie so nüchtern nach einer Feierei“, sprach Bände. Aber richtig – man kann auch ohne Vodka fröhlich sein. Und ist es auch gewesen.



Kaum ist die familiäre Fotosession vorüber, stromert Fürst Fedja um die reichlich gedeckten Kochgaben herum. Während sich die Tische darunter biegen, wächst der Hungerast. Der Soundcheck ist am Ende gleich mehrfach getan; Mister Mixer fing nach jeder Endeinstellung wieder von vorne an, bis Doctor Makarios schließlich „bitte nicht mehr dran drehen“ rief und endlich in Feuerstellennähe gefuttert werden darf. Ein Lob den Köchinnen, ein Dank an die Gastgeber. Das Leben als Russischer Doctor hat schon seine Vorteile. Rasch einen heimlichen Verdauungsschnaps, pssst, nicht so laut, dann rauf auf die Bühne. Pichelstein schaut ein wenig leidend, rammte er sich doch am Vormittag das Metall eines Aktendullis in die linke Zeigefingerkuppe. Damit war zunächst gar nicht gut „Griffe greifen am Gitarrenhals“ – doch dank einer Kombination aus Ibuprofen, Sprühpflaster, Bulbash (heimlich), Fixomull und Sekundenkleber wird’s irgendwie schon gehen.


Man muss nicht lange beifallheischend in die Runde blicken, die Familienbande ist sofort bei der Sache und lässt sich tanzend, feiernd auf die obskursten Pratajev-Geschichten ein. Die Reise beginnt in einem Rotarmisten-Keller, führt über eine Bierbar-Pause in den zweiten Block und endet schließlich mit der Zugabe aller Zugaben in ländlichen Regionen. Der „Raucher von Bolwerkow“ darf nicht fehlen und solange nur von ihm gesungen wird, möchte Liebethal weiterhin nicht „Love Valley“ heißen.


Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 23. Juli 2017 um 15:35 Uhr
 
17. Juni 2017, Leipzig/Frau Krause Open Air PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Samstag, den 22. Juli 2017 um 18:18 Uhr

Ärzte ohne Bremsen (367)


Auf nach Leipzig-Connewitz, wo Scheusale verboten sind, jeder Tag Wunder und Sensation zugleich sein darf. Die Doctoren fanden bereits eine Woche nach dem Abgesang auf Pichelsteins Portugal-Spanien-Vibrato wieder zusammen und was gemeinhin nie vorkommt: sie probten für den Open-Air-Ausflug ins Krausische! Lange und gerecht, Doctor Jeans gab den Takt vor. Denn von nun an gibt es Pratajevs Erben auch live in der Musikerfarbe HART. Wenn man schon justament eine Platte produziert, die dieses epische Label verdient, dann muss HART dafür gerungen, respektive geprobt werden. Qualitativ wertvoll. Mit unwirscher Quantität hat das nichts zu tun. Sonst könnte man auch gleich Banken mit Heißklebepistolen überfallen wollen.



Das Krausische, der Biergarten an der Frau Krause, über dem Sommers durstige Sonnen und Monde scheinen. Im letzten Jahr spielten die Rostocker Bulbash-Freunde Grüßaugust auf Empfehlung des Fürst Fedja hier (wir lieben sie auch unterm Sujet „Inchtabokatables“) und am 17. Juni 2017 sind die Doctors dran, The Russian Doctators, die Ärzte ohne Bremsen. Quartier wird nach Anlieferung der Backline zunächst in Thekennähe bezogen. Postkartenwolken ziehen vorbei, es ist heiß und noch bevor der Soundcheck erste Töne preisgibt, sind die Tische vollends besetzt. Spaziergänge werden nur noch unternommen, wenn die Gläser schreiend leer sind. Dann wuchtet das Schlagwerk des Doctor Jeans los, ramentert die pichelsteinige E-Gitarre, überwiegt die Baritonfreude in des Doctor Makarios‘ Stimme, schon ist der Check de Sound erledigt. Beifall gibt’s, der Outdoor-Rink füllt sich weiter. Brandenburger Herrenknuffs prasseln auf die Bühnenseligen hernieder: Die Pratajev-Sektion Teschendorf-Oranienburg gibt sich zu erkennen, rasch einen Vodka aus dem Bulbash-Fass dazu, bestenfalls gleich eine Runde, so spielt es sich hinterher wie von selbst. Den Doctators gefällt’s, der Begrüßungsreigen reißt gar nicht mehr ab. Schön. Die Schnitzelteller von eben sind nur noch nachhängende Gedanken. Alles ist leichter und gleich ist Showtime.


Schwerlich ist der Weg zur Bühne, links wie rechts lauern Gefahren aka volle Schnapsgläser, die Chefwirte sind sich einig: So voll war’s im Krause-Biergarten noch nie. Die erste Runde, noch akustisch: Makarios dirigiert all die Menschen mit pratajevumflortem Blick, mit Stimme und Ansage ins pralle russische Landleben hinein. Und da heute alles anders ist, gibt’s die „Ratte“ gleich dazu - als Plüschpendant gleich vorne rechts (von der Bühne aus betrachtet), oh und rudimentäre Holzlöffel werden dito gesichtet! Was braucht man mehr? Bulbash! Fürst Fedjas Schnapsanlage steht auf Durchzug und weil dem so ist, müssen die notleidenden Wirte heute hungern, die Spendendose bleibt im Verborgenem. Gescheppert wird indessen unterm Bühnenschirm, gejohlt, gelacht, gehelgabauert knapp davor. Marcel Pichelstein-Kittel im gedankengrünen Trikot gibt sich keine Blöße, der Weltrekord im Schnellakustikspielen (immerhin stehen wir kurz vor der Tour de France) liegt in der Luft. Angepeitscht vom immer wieder in die Flanke rennenden Schattenkämpfer Makarios (weshalb die Gitarre kurzzeitig ausfällt) wird er knapp verfehlt. So ein Pech. Und jetzt wird es HART.


Doctor Jeans nimmt Platz, die E-Gitarre sitzt, das Einspiel läuft. Ja - und nun verrät dieses Tourtagebuch mal gar nichts mehr über die nächste phänomenale Konzertstunde. Man muss sie erlebt haben und kann da nichts in Worte pressen. Lassen wir die Bilder wirken und erzählen noch knapp, wie der Abend rund ums Krausische endete: Mal überlegen. Irgendwann kamen die Taxen, denen man mit flackernden Blicken entgegenstrebte und da niemand als Eintagsfliege aus dem Ei schlüpfte, ging das Leben weiter.

 



 


Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 22. Juli 2017 um 18:39 Uhr
 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Seite 6 von 80