The Russian DoctorsTheRussianDoctors

tour_tagebuch
06. Januar 2018, Eschenbach/Kunsthaus Eigenregie PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 08. Januar 2018 um 21:09 Uhr

Mega und Giga (380)

 

Matschwinterwetter. Der Morgen dämmert nicht, er bleibt im Geburtskanal stecken, und ehe man sich versieht, wird’s windelvoll Nachmittag. Gebückt, wie ein alter Priester beim Kommunionverteilen, schleichst du durch einst sinnlich-buntbilde Landschaften. Nur um eine Heizung zu erreichen, einen Hort der Wärme und Güte. Als das Tourauto an der Shell-Tankstelle im Gewerbegebiet Eula West 1 stoppt, just dort, wo ein Aufsteller auf die erklecklichen Dienste des Bornaer Möbelkaufhauses „Die Schramme“ (Subtitel: „Hochwertige Qualitätsmöbel mit zu EXTREM reduzierten Preisen“) hinweist, sind es vom Ausstieg bis zum rettenden Bockwursterhitzer wenige Meter. Und dann sind die Würste auch noch kalt. „Wer konnte mit sowas rechnen?!“ Die ketchup-senffarben beschürzte Tresendame ist außer sich. „Wir hatten gerade einen Ansturm und jeder wollte eine heiße Bockwurst.“ Das Gewerbegebiet Eula West 1 verfügt scheinbar über Einträge im Guide Michelin der Fernfahrer.

 

Nachdem Fürst Fedja die darob versteinerte Mine mitsamt Senftüte und Serviette zum Müllschlucker trägt, Makarios (seit Tagen gehört‘s zum guten Ton) eine Conny Cocker-Zeile rezitiert, wird die Reise fortgesetzt, werden Metropolen hinter sich gelassen, bis der weiblichen Navigationsstimme im Oberen Vogtland nur noch Gebietsverzeichnungen einfallen. Kurz hinter Oelsnitz ist die Zuordnung von gewohnten Straßenabschnitten ("Meisenweg", "Bundesstraße XY") vollends passé. Das hört sich so an: „Von der K751-irgendwas jetzt rechts auf die K654-irgendwas abbiegen.“ Hase und Igel? Fehlanzeige. Dafür jede Menge Rüsselhunde auf Spielwiesen, die sich als Weltrekord-Übungsgelände für das Durchrasen von Kontinenten oder Staaten eignen.

 

 

Das Kunsthaus Eigenregie wird schließlich erreicht, abgeschieden in der Natur gelegen. Ein wahres Ziel, eines, das man sehr gerne erreicht. Von außen noch Stillleben, von innen bereits künstlerisch bevölkert, ofenwarm. Draußen riecht es nach Schnee, drinnen nach später gepriesenen Kohlnudeln. Geherzt wird Herbergsvater Mario. Käsekuchen, es gibt Käsekuchen und Quarkbällchen zum Kaffee am Küchenkachelofen.

 

Mit dem Eintreffen des Vollmonddichters M. Kruppe aka Sergeant Ron Miller, formally known as Ronny Müller (verfügt über eine begnadete Lesestimme, die nach wenigen Gläsern einem Mitternachtswolf jedwede rauchige Herdennoblesse abläuft) ist der Kulturtross komplett. Gebeten wird zum Bühnenbau, zum Soundcheck, zur Schnapsbar, zum Rauchen. Bis aus dem Galeriesaal ausschließlich feinste Töne zu vernehmen sind. Es ist also angerichtet, mitten im Elstergebirge, und binnen kurzer Zeit ist kein Stuhl mehr frei. Konzert Nummer 1 des Jahres 2018 vermeldet: „ausverkauft“ und das noch bevor die erste Flasche Bulbash leergetrunken auf dem Tische liegt.

 

 

Makarios führt den Pratajev-Kahn rein ins Fahrwasser, Pichelstein rudert mit der Erlenholzgitarre gen offene See. Der Kampf gegen den Durst zieht ungebrochen Bahnen, die Doctors starten mit dem „Rotarmisten“. Sie führen das Publikum durchs russische Landleben und so nimmt der Abend große Fahrt auf. Abwechselnd mit M. Kruppe am Lese-Operationstisch, abwechselnd mit großen und kleinen Gläsern in den Händen. Pratajev wird zelebriert, gefeiert. Dass es darunter keine wollende Unterwäsche auf die Bühne herabregnet kann passieren.

 

Mit brachialromantischer Sinnlichkeit trifft Musik auf Kunst, Bulbash auf Gläser, treffen sogar Ukulelen auf Gitarren. Jeder im Saal weiß es: Hier findet sie heute statt, einzig hier, im Kunsthaus Eigenregie: eine Verkettung glücklicher Umstände. Solange man nicht hier ist, ist man definitiv am falschen Ort. Keiner will zur Pause - mit all den brandenburgischen Minuten und Interludien - gehen. M. Kruppe gibt noch einmal, trinkt hernach noch einmal alles. Ebenso die Doctoren. Zugaben. „Da hält der Wind den Atem an“, „Schnaps und Weiber“, „Der Bauch“, dann raus an die Schnapsbar mit Gesang, Spiel und Tanz. Ja, die Plakate des Abends sprechen bis zur tschechischen Grenze wahr: Mega und Giga!

 

Danke, lieber Mario, danke liebe Ines. Danke, liebe dreifarbige Glückskatze in der Old School. Es war den Doctoren ein Fest, das den nächsten Tag lange überdauerte.

 

 

 

 

Bild: Dreifarbige Glückskatze (!)


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 09. Januar 2018 um 07:51 Uhr
 
24. November 2017, Leipzig/Frau Krause PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 28. November 2017 um 19:28 Uhr

Urlaub im Bermuda Dreieck (379)

 

Prächtig fing der Tag an, die Sonne schien, doch je näher die Neuauflage des Jahresabschlusskonzertes in Leipzigs Frau Krause rückte, umso mehr verfinsterte sich der Himmel. Schließlich nässte es aus dicken Wolken und hörte einfach nicht mehr auf. Doch sei’s drum, jedwede Larmoyanz gehört zum Teufel, bedarf es heute gleich mehrerer Regenschirme nebeneinander. Als Berlins Pratajev-Forscher Eademakow am Leipziger Bahnhof eintrifft, spannt er bereits den heute zweiten käuflich erworbenen auf. Regenschirme lieben, getreu den Gesetzen der Schwarzloch-Physik, Urlaub im Bermuda Dreieck. Also dort, wo es vor einzelnen Socken nebst Makarios-Sonnenbrillen nur so wimmelt. Kein Wunder, dass späterhin auch Schirm Nummer zwei dorthin entschwindet. Soviel sei vorausgesagt. Der Rest ist, nach Aufbau und Soundcheck, ein Warten der pratajevschen Modellathleten Makarios und Pichelstein auf Schlag 21 Uhr, denn dann ist Showtime.

 

Von sehr weit reiste niemand an – so gewinnt Cottbus den Bulbash dieser Kategorie kilometerknapp vor Berlin. Fürst Fedja selbst verkonsumiert nur einen einzigen, den erst ganz am Schluss, und so fehlen selbstredend übermütige, aussagekräftige Konzertbilder sehr. Insgesamt drückte Fürst Fedja dreimal auf den Auslöser. Wir wollen die Bilder nicht im Pixelarchiv verstauben lassen, hier sind die ersten beiden. Vielleicht lässt sich damit noch was unter dem Titel „Novemberdepression“ gewinnen.

 

 

 

Fünf Holzlöffel verlieren sich anfangs im Saal, Ratten- und Biberfraktionen? Scheuen das Wetter, Fehlanzeige. Dabei sind die Russian Doctors doch irgendwo als Tagestipp gemeldet. Eine uralte Musiker-Weisheit spricht aus dem Off: „Wehe! Niemals Tagestipp sein, das riecht wie nach der Ungunst, einen Oskar fürs Lebenswerk gewonnen zu haben“. Doch nun Ende mit Jammern, halbvoll ist auch toll, aber eben ungewohnt, und schließlich findet kein Vortrag zum Thema „Die Arthrose-Lüge von Liebscher und Bracht“ statt.

 

Schlag 21 Uhr beginnt sie, die Krause-Sause. Umso doller, ein Quell abgedrehter Freude: Das Konzert, das Mitsingen, das Feiern und Tanzen bis Schlag Mitternacht die erste Gitarrensaite reißt und Doctor Pichelstein glücklich und erschöpft eine eher ablebende Haltung an den Tag, respektive in die Nacht legt. Dabei wurden nur zwei Wodka zur Bühne gereicht. Zwei! Nicht drei, nein, zwei. Nach der letzten Zugabe folgt in bester Tradition die Talkrunde am Merchstand. Eine salbungsvolle Rhetorik, das Ziehen mehrerer Hüte schließt sich an. Mit Band und Schleife versehen werden Tonträger, Bücher, Plakate unterschrieben. Ein sonniger Urlaub im Bermuda Dreieck wäre jetzt angebracht.

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 03. Dezember 2017 um 11:40 Uhr
 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Seite 6 von 86