The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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03. März 2018, Wittenberg/Irish Harp Pub PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Donnerstag, den 08. März 2018 um 18:57 Uhr

Die Natur erobert Sachsen-Anhalt zurück:

Bei Coswig, ein Elch (384)


Kulinarisch herausfordernd ist die Weiterreise nach Wittenberg. Zuletzt werden dampfende Currysaucen auf Grillopfern in Pappschalen verteilt. Nicht umsonst besteht das klassische 6-Gänge-Menü in Sachsen-Anhalt aus fünf Bier und einer Wurst. Da streikt der Fürst Fedja, zeigt auf den Grill und kriegt einen Rappel: „Holzkohle! Ich will keine Holzkohle!“ Niemand beobachtet die Welt halt so kunstvoll boshaft wie der Wodkartell-Boss. Mühsam gelingt es Makarios und Pichelstein den liebsten Tourmanager mit einem leckeren Schuss Sarkasmus bei Laune zu halten: „Warte ab, gleich kriegst du einen Teller vom Araber mit viel Knoblauchsauce und Kraut. Denn niemand wird uns um diese Zeit ein Wildschwein braten.“ Fürst Fedja hadert mit dem Schicksal eines gelernten Hammer- und Sichelkochs, der er einmal war.

 

Wittenbergs Gassen sind beinahe menschenleer. Wäre da nicht der Gästestrom, der sich frierend auf den Weg in Richtung Irish Harp Pub in der Collegienstraße aufmachen würde, könnte die Stadt ruhig schließen. Zwei Ausnahmen bestätigen die Regel. Zum einen wollen wir den bereits zur frühen Abendstunde völlig betrunkenen Radfahrer nicht vergessen, der in Höhe Schlosskirche einen um Sylvester herum vergessenen Luther-Böller aus dem vietnamesisch geprägten Grenzgebiet hochgehen lässt. Die kalten Hosen früh zu Bett geschlichener Hoteltouristen fallen ob des Lärms glatt vom Kleiderdiener. Luther! Luther! Fürst Fedja fragt: „Ob die hier auch Luther-Puller anbieten? Für teures Geld gegen Siechtum und was noch alles?“ Zum anderen fallen junge, kunstpelzbejackte Mädchen auf. Sie huschen wie vom Funkloch verfolgt über den Kopfstein und verschwinden in der Vollmondigkeit. Neulich wurde in der Nähe, bei Coswig, ein Elch gesichtet. Ein Elch! Die Natur erobert Sachsen-Anhalt zurück. Erst waren es beißende Biber, dann zogen Wölfe ein, fehlt nur noch der erste Braunbär. Junge, kunstpelzbejackte Mädchen würden bei so einer Begegnung aus dem Naturkundeunterricht dann gewiss sagen: „Total swaggy! Guckt mal da, so ein niedlicher Bär.“ Danach würden sie nichts mehr sagen. Ein Bär ist eben kein Nymphensittich, schaut er noch so sympathisch drein.

 

Was macht man zur Begrüßung in einer irisch anmutenden Gaststätte? Richtig. Zur Schnapsbar gehen, Kilkenny, Guinness, Whiskey on the Wasauchimmer ordern, den Chef begrüßen und warten, bis die Bühnenecke frei wird. Fedja ist heute der Schorlenmann, nach dem Konzert soll es zurück gen Leipzig gehen. Was gut ist, so schafft es Pichelstein noch pünktlich und ausgeschlafen zum Eishockey am Sonntagnachmittag.

 

 

Après Soundcheck geht’s speisen zum eingangs erwähnten Araber. Vielleicht ist der Mann aber auch Inder, jedenfalls kein Chinese. Das sieht man sofort. Flink saust das Messer über die Spieße, zwei vollgekübelte Teller sind letzthin kaum zu schaffen. Einer schon, der gehört Fürst Fedja. Ungeachtet dessen füllt sich das schmucke Irish Harp-Stübchen, wie aus dem Nichts tauchen immer wieder wetterverpackte Menschen auf. Als der nun arg nach Fritte muftende Pratajev-Tross zurückkehrt, möchte man glatt das Konzert ankurbeln. Zwei Kaltgetränke später fällt der Hammer.


 

Tragischer Start: „Als das Eis kam“, denn noch immer schleckt die Russenpeitsche durch die Gassen, erwischt Biber, Elche, Wölfe und Luthertouristen. Viel lieber würde Makarios „Als der Frühling kam“ anstimmen, doch das wäre ganz und gar unangemessen und vor allem schlichtweg weit hergeholt. So bleiben falsche Frühlingsgefühle aus, rasen die Docs durchs Set, heimsen Beifall und Erstaunen ein. Und natürlich: traditionell löst auch in diesem Jahr der Fetischblock in Wittenberg besonderes Entzücken aus. Was das bevorzugte Kochen von Mahlzeiten durch geschulte Frauenhände betrifft, hm, da sieht die feministisch angehauchte Lage ganz vorne an der Bühne kritischer aus. Doch, Makarios kann es nicht oft genug durchs Mikro sprechen, spielt die Geschichte Pratajevs in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in den Weiten Russlands. Da gab es keine Kaffeestuben-Damen, die sich mit den Künsten ihrer zuhause putzenden und kochenden Gatten brüsteten. Nur soweit bekannt, der Tourtagebuchschreiber lässt sich diesbezüglich gerne belehren.

 

Nach der ersten Schnapsbarpause ist vorm zweiten Konzertblock, weiter geht’s, die Kellnerin läuft um ihr Leben. Die Menschen haben Durst und Fürst Fedja kann heute keine Fotos machen. Die Kamera liegt auf der Bühne. Darauf eine weitere Schorle und noch eine bis in den Zugaben (natürlich und vor allem) der „Raucher von Bolwerkow“ wild und röhrend gefordert wird. Der Weg ins Herz vieler (männlicher) Fans führt eben über den Mord an einer misanthropischen Ehefrau. Doch Obacht, er führt in der letzten Strophe glatt ins Gefängnis. Drum: seid lieb zueinander, und wenn es zuhause schlimm wird, folgt dem Durst, auf ins Wirtshaus, das Irish Harp ist viel gemütlicher als eine Zelle. Mögen dort auch noch so viele bunte Bilder, natürlich aus der Ergotherapie, an der Wand hängen.

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 08. März 2018 um 20:18 Uhr
 
02. März 2018, Dresden-Weixdorf/Waldbadhaus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 06. März 2018 um 19:10 Uhr

Russenpeitsche (383)

 

Welch‘ frostige Wetterlage immer noch vorherrscht, welch übler Windchill-Faktor ist’s, über den sich einzig die Lippenbalsamindustrie freut. Die sibirische Kältezunge, von der Bild-Zeitung als „Russenpeitsche“ gebrandmarkt, schleckt nur so übers Tourauto und verfolgt jeden, der es verlassen muss. Einmal rauchen am Parkplatz ist gleich einmal durchgeschleckt, und weiter geht die Fahrt ins Weixdorf bei Dresden. In der Karosse sitzt ein völlig geknickter Doctor Makarios. Eben erst aus Fuerte heimgekehrt, in kurzen Hosen übers Vulkanland flaniert, fröhlich Drinks genossen, und nun das. Minus 8 Grad am helllichten Tag. Redlich müht sich die Sonne. Doch sie ist wahrlich zu schwach, um die Eisschollen auf der Elbe zum Bersten zu bringen. Damit nicht genug: Plötzlich duzt die Stimme im Navi, sie sagt einfach „Du“ zum verblüfften Fürst Fedja. Das gehört sich nicht ohne vorherige Absprache. Wir sind ja sonst nicht so, aber nein, ein höfliches „Sie haben ihr Ziel erreicht“ hätte dem Anlass eine würdigere Note verliehen. „Du hast dein Ziel erreicht“ ist tatsächlich etwas gewöhnungsbedürftig.

 

 

Das Waldbadhaus hat eine Ölheizung, drum beeile sich mit der Schlepperei, wer durch ansonsten geschlossene Außentüren hineindriften will. Draußen wird Eishockey gespielt. Der Hype nach der Silbermedaille fürs deutsche Team bei den Olympischen Spielen? Oder ist das hier winters immer so? Egal. Dr. Pichelstein freut's sehr. Wer wissen will, wie Eishockey gespielt wird, schlage im doppelten Sinne zu und erwerbe eines der Fachbücher des Eishockeypoeten im Magazin. Doch: Wie spielt man Eishockey unter dem Einfluss von Bulbash-Wodka? Wir werden es heute, an diesem saukalten Freitagabend, nicht mehr klären. Meister Flash-back sei Dank, steht die Anlage zur Beschallung des Publikums bereits spielfertig da. Während Fürst Fedja und Doctor Makarios noch rasch ein paar Wurstpakete von der Tankstelle besorgen, bastelt Doctor Pichelstein die Bühne zurecht. Als alle wieder glücklich kauend vereint sind, dauert der Soundcheck neun Minuten und dreißig Sekunden. Rekord knapp verfehlt, der liegt bei vier Minuten und zwölf Sekunden.

 

 

„Eintritt inklusive Begrüßungs-Wodka und Snack“ ist, oder besser gesagt: sind angesagt. Also: Nichts für tätowierte Schöngeister aus dem Poser-Katalog. Aufgetafelt werden unter anderem geschnittene Lachse an fulminanten Saucen, gebackenes Brot samt handgefertigter Pelmeni in einer Brüh‘ aus Huhn und was noch alles. Zwar keine Fleischspieße wie beim letzten Mal, aber sehr fein zubereitet. Und nach einem Holzlöffelschluck Borschtsch an Wodka, kann’s bald starten, das mittlerweile dritte Waldbad-Konzert der Doctoren. Ein Dank an Impressario Gerd an dieser Stelle, der das alles ermöglichte.

 

Der Saal ist besetzt, voll, man starrt bereits gebannt in die Bühnenecke – noch rauchen die dick eingemummelten Docs über einer Feuerschale unterm wandweißen Vollmond. Dann juckt es derart in den Fingern, dass es nur noch losgehen kann. Mit „Als das Eis kam“, womit auch sonst. Das Außenthermometer fällt auf minus 12 Grad, drinnen, im Waldbadhaus, steigt die Skala mit jeder nächsten Pratajev-Weise. Wusste jemand, dass Pratajev den Dart-Sport in den 1940er-Jahren professionalisierte, wenn nicht gar neu erfand? Nein? Doch! Oh! Weil: Wer als Impfer durch die Dorfschulen zog, übte vorher fleißig den Weitwurf der Spritzen mit einer von Pratajev entwickelten Zielscheibe. Wem das Glück kein entfernter Onkel war, durfte sich fortan Impfer nennen und genoss ein schönes Leben, die Bewunderung junger Lehrerinnen inklusive.

 

 

Mit derlei Sturzbachanekdoten aus der wandelnden Pratajev-Enzyklopädie führt Makarios das heutige Match durch zwei Halbzeiten plus Nachspielzeit. Pichelsteins Akkorde fliegen einem nur so um die Ohren. Auch heute ist es zum Luftzufächeln. Im Waldbad wird schon wieder ein Rekord gebrochen. Wie hoch die Zahl der Anschläge pro Sekunde war, müsste nachrecherchiert werden, das Messgerät qualmte. Der Titel „Schnellster Akustikgitarrist des Sonnensystems“ kann das nächste Ziel sein. Sofern sich Außerirdische finden, die gegen den Pi.doc antreten möchten – und zwar ohne darunter als Plektrumschleim zu enden. Charmant wie eh und je wird er später einem älteren Bewunderer am Merchstand erklären: „Ach, das kann eigentlich jeder, man muss es ohne Gicht und Teufel nur wollen. Auch die Freunde des Rennsports oder des Ice Speedways kommen bei einer schnellen Gitarre sicherlich eher auf ihre Kosten, als wenn sie einem Neil Young oder einem Faber bei der Arbeit zusehen würden.“

 

PS: Eine Ballade, die sonst keine ist, gab es in der Nachspielzeit, den „Gelben Fettfrosch“.

PPS: Wie eigentlich auf allen letzten Konzerten durfte der mordende „Raucher von Bolwerkow“ nicht fehlen. Das gibt uns zu denken. Aber gut. Smiley.

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 06. März 2018 um 20:22 Uhr
 
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