The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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30. September 2017, Schwerin/Dr. K PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Donnerstag, den 05. Oktober 2017 um 19:26 Uhr

Die tun nichts, das sind bloß Menschen (377)

 

Es gibt ein Schwarz und es gibt ein Weiß. „Heute trinke ich keinen Tropfen.“ Der das sagt, das ist Fürst Fedja, und der hält stets, was er verspricht. Pichelstein, vor Müdigkeit ganz schön wirr im Kopf, eben noch mit der Neubesaitung von Gitarren beschäftigt, sieht die Sache dagegen schwarzweiß und hält sich am ersten Café Crème fest. Den zweiten gibt’s an einer Rostocker Tankstelle, den dritten nach einer Taxifahrt zum Pleitegeier 2 (aus den Boxen: geistige Askese statt Seelenkäse, sprich: „Oxygène - New Master Recording“ von Jean-Michel Jarre, darauf gleich mal eine Ibu 800 eingeworfen) bereits in Bad Doberan. Fürst Fedja wähnte zuvor einen schnitzelgeruchenthaltenden Lufterfrischer an Bord zu haben, er trat aufs Gas. „Das Rote war übrigens gerade ein Blitzer“, gab Makarios zu bedenken.

 

Die Molli dampft durch enge Gassen, die Restaurants schlossen pünktlich bevor die Doctoren eintrafen. So wird letzthin die Mittagskarte einer Fleischerei am Markt heimgesucht. Auf dem Schmettenweg zurück geht’s in einen Spirituosen-Laden. Noch ehe der erste Sanddorngrappa im Körbchen liegt, ruft da wer: „Ah! Die Musiker“ – man kennt sich und wie es der Zufall so will: Schwupps, bald schon könnte sich die Bulbash-Landkarte in Mecklenburg-Vorpommern vergrößern. Mehr dazu in Kürze, in den Topnews unseres wunderschönen Wodkartells. Das nächste Tagesziel ist Kühlungsborn (Strand, Fischbrötchen für Doc Pi, Kuchen, Kaffee uvm.), danach wird die Insel Poel (Strand, Eisbecher, gutes aus der Brauerei Lübz uvm.) besucht.

 

 

Während sich in Kühlungsborn tausende Saumselige in den Schuhen standen, ist der Schwarze Busch um die Insel Poel fast gespenstisch leergefegt. Einzig psychosomatisch belastete Gäste einer Mutter-Kind-Klinik säumen die Landschaft. Zumeist scheinen es junge alleinerziehende Mutter zu sein, die das Leben mit nun vielleicht 21 Jahren bereits hinter sich wähnen. Aber nein, so ist es doch gar nicht! Als drei schwarzgewandete Pratajevianer mit großkalibrigen Sonnenbrillen durchs Laub streifen, wird einer Kleinkindergruppe ganz bange. Komisch. Weder Makarios, noch Pichelstein, noch Fürst Fedja tragen rote Ballons im Clownskostüm spazieren. Und doch ruft eines der Naseweise, vermutlich um die anderen zu beruhigen: „Die tun nichts, das sind bloß Menschen!“ – „Da wäre ich mir nicht so sicher“, grummelt Makarios zurück und beschert den Kleinen hübsche Albträume. Aber gut, die kann man als Mitbringsel in einer Mutter-Kind-Klinik sehr wertvoll verarbeiten – und von ferne scheppert die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr einen bedrohlichen Popsong. Die Zeit rennt von der Uhr, auf nach Schwerin, der Noise and More e.V. gastiert heute im Jugendclub Dr. K, eingeladen sind die Russian Doctors. Und das erstmals wieder seit dem 10. März 2006. Damals lautete das Motto: „FRÜHJAHRS-ANTIDEPRESSIONSPARTY MIT: THE RUSSIAN DOCTORS und FIRST ARSCH.“ First Arsch spielten übrigens zuerst.

 

 

Herrlich ist die Begrüßung, im Backstage warten bereits lecker garnierte Brötchenteller. Der Soundcheck zündet wie eine alte Bumerang-Liebe. Umsorgt von der Veranstalter-Community sitzt, halbliegt man bald platt, satt und angetütert in dieser und jener Ecke. Nicht fehlen darf Nordexperte Peter aus Wismar, der hat immer ein paar Kuriositäten für die Doctors dabei. Heute wird eine Schnapsflasche (leer) mit den Unterschriften der Band Keimzeit (Edding) überreicht. Peter ist darüber so glücklich, dass er eine halbe Tüte Salzstangengebäck auf einmal in sich hineinschüttet. Mit Kauen war noch nicht viel; als Doctor Pichelstein die übliche Frage: „Was steht denn heute auf deinem T-Shirt?“ stellt, wird vorm Artikulieren ordentlich gespuckt. Aufs Sakko. Aber nun, Schnaps drüber, Prost Peter. Gereicht wird Jägermeister.

 

 

Fürst Fedjas Handy-Akku ist runter auf sechs Prozent, er barmt, und niemand hat ein Samsung-Ladegerät dabei. Außer er selbst. Aber wo ist das nur? Voller Unruhe wird bis zum get no erfolglos gesucht. Darunter fließt der Tonic-Apfelsaft in Strömen und so erklärt es sich auch, dass es vom Abend nur sehr spärliche Fotos geben wird. Egal, das Dr. K öffnet die Kasse, sogleich kann der Preis für die weitere Anreise vergeben werden. Nach Magdeburg! Glückwunsch an die Pratajev-Sektion Magdeburg! Darauf einen, genau, Jägermeister und noch einen, als das Bühnenlicht auf die Doctoren gerichtet wird, das Intro läuft, die Feldmänner beginnen.

 

Pichelsteins Pflaster am Daumen sitzt. Im Grunde eine prophylaktische Variante, um am nächsten Werktag nur kleinere Einblutungen verwinden zu müssen. Tja, das Schnellgitarrespielen mit rot-weichen Sharkfin-Pleks hat so seine Tücken. Finger sind aus weicher Masse und die 10er-Martin-Strings aus hartem Erzgebirgsstahl. Hätte es bloß Bulbash gegeben. Aber nein, ein Jägermeister folgt dem nächsten. Der Schnitt liegt bei 4:1. Vier Lieder, ein Meister. Oder vier Meisterlieder, ein Jäger. Und Makarios ist der Gejagte. Vor der Bühne kocht es, man singt, tanzt, springt. Sage bloß noch einer, die Schweriner seiner eher gemütliche Zeitgenossen. Das sind sie beileibe nicht. Das Konzert spielt sich wie von selbst, eine Pause ist heute drin, die "Schnapsbar" gibt’s wie die "Toten Katzen" mehrfach und auch den "Rotarmisten“ beim Zugabe-Finale ein weiteres Mal.

 

Doch nie möge ein doppelt gewünschtes Lied gleich wie beim ersten Mal erklingen (alte Prumski-Weisheit) und so bricht die Pi-Euphorie alle Dämme. Geboren ist die Karel Gott-Version „Rote Biene Maja im Keller“. Sie ist schnell, ebbt nur ab, wenn die Strophen gesungen werden, sie wird schneller und schneller und zack, die D-Saite reißt, bohrt sich in Pichelsteins Daumen, noch rasch einen Outro-Tusch in Moll, mehr geht nicht. „Mein Doctor braucht eine Schwesternschülerin…“ Ende.

 

 

PS: Ein Rettungssanitäter war auch da, doch Pichelstein, dem bereits après Soundcheck erkleckliche Geschichten aus dem Arbeitsalltag zu Ohren gekommen waren (u.a. post-koitales Liebespaar auf Koks, beide mit Intim-Piercings bestückt, Ringe verhakten sich, hoher Blutverlust, mehrere Operationen wurden nötig) wählte die Selbstfürsorge. Beim Krisentelefon war mal wieder besetzt.

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 05. Oktober 2017 um 20:41 Uhr
 
29. September 2017, Rostock/Pleitegeier 2 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 03. Oktober 2017 um 13:59 Uhr

Ungefährlicher als Pilzesammeln ist das Sammeln von Flaschenpfand (376)


Nach fulminantem Frühstück startet Fürst Fedja die Schmette, auf geht’s einem logischen Motiv folgend gen Ostsee. Tschüss, Hamburg. Gespielt wird erst am Abend im Rostocker Pleitegeier 2, verbleibt ergo genügend Zeit für einen ausgiebigen, sonnendurchfluteten Wohlfühltag. Fischteller müssen her, gefunden werden sie in Rerik, im „Sailor’s“. Tata: Dorschfilets auf eigener Haut gebraten, dazu Ducksteiner Bier und trockener Riessling. Fürst Fedja verlangt den Beef-Burger nach Art des Hauses. Das sollte man in einem Fischrestaurant tunlichst unterlassen, aber Fürst Fedja leidet nun mal an einem unerklärlichen Flossen- und Fischtrauma. Die ganze Welt des Meeres wird ihm für immer verschlossen bleiben. Krabben, Krebse und Wattwürmer inklusive. Nun, dafür gibt es pappige Brötchendeckel mit einem Mittelteil von klopsähnlicher Trauer. Salat und Sauce verteilen sich rasch auf dem gesamten Freisitz. Eine Wespe, zwei Möwen greifen an. Kaffee ist der Nachtisch, schon stapft der Tross am Strand entlang. „Neid ist unser Tagesziel“, sagt ein Doctor zum anderen und stellt ein entsprechendes Foto mit eben dieser Unterschrift zur Internetverfügung. Teile der Weltöffentlichkeit weinen, andere packen spontanes Gepäck zusammen und reihen sich auf den Autobahnen gen See ein.



Da in der Schmette nicht geraucht wird, bedarf es im weiteren Tagesverlauf einiger Pausen, im Herbst werden sie Pilz-Pausen geheißen. Die Abläufe ähneln sich: Doctor Makarios verschwindet im Wald und kommt daraus meist mit einem imposanten Fungi-Corpus in der Hand wieder heraus. Es folgt die Pilz-Kunde und Pichelstein ist sich jedes Mal sehr sicher: Ungefährlicher als Pilzesammeln ist das Sammeln von Flaschenpfand. Denn die eine Art zerstört auf Dauer die Leber, die andere sorgt dafür, dass man stante pede auf die ITS muss. Dann gibt es Pilze, die immerhin nur für Magenbeschwerden, Schüttelfrost, Herzjagen, Schweißausbrüche und Übelkeit sorgen. Von Fliegenpilzen war da noch gar nicht die Rede. Aber! Doctor Makarios entstammt einer biologisch-pädagogischen Sippe, die Augen wurden früh bei Waldspaziergängen geschult. Sätze wie: „Fast jede Pilzart hat einen fiesen Zwilling“ werden fachlich erörtert. Pichelstein liest in der lokalen Twitter-Timeline: „Erneut verschwanden Pilzsammler im Wald, aufgegriffen wurden sie tags drauf völlig verdreckt und ausgemergelt nahe der polnischen Grenze.“ Ungeduldige Finger trommeln derweil aufs Dach der Schmette. Weiter geht's, das Ziel ist nunmehr Warnemünde. Fürst Fedja trifft dort den verehrten Wissarion Josefowitsch Ktonibutjew, diesmal nicht in seiner Funktion als Ruinenführer der Pratajev-Gesellschaft, nein, des Genossen Ktonibutjews Kontakte reichen bis hinunter in die Vodka-Welt. So steht ein Wirte-Meeting zur Bulbash-Verkostung an, während Makarios und Pichelstein Promenaden-Cocktails schlürfen. Warnemünde, wie eh und je von Busladungen voller Graulocken überfüllt, gerne hätte man in dir noch Backfische zu sich genommen, doch satt ist satt. Auf zum Rostocker Hotel Hopfenmarkt, ein wenig ruhen und das Hygieneporzellan testen.



Wow, gleich um die Ecke eröffnet gerade ein E-Zigaretten-Store. Es wird gedampft, was die kleinen Kohlekraftwerke im Akku haben. Nebelschwaden durchwabern die Kröpeliner Straße. Wer so ein Gerät im Hotelzimmer in Betrieb nimmt, muss mit einem Feuerwehreinsatz rechnen, sofern die Sprinkleranlage nicht gleich aktiviert wird. Wenn herkömmliches Rauchen schon mit einem Strafzoll von 250 € belegt wird, was kostet wohl genüssliches Schmausen an einem E-Dampfer? Nun denn. Michael vom Pleitegeier 2 wartet, hinein ins Rostocker Einbahnstraßensystem, was keines ist. Will sagen: Man kommt nur einbahnig überm Kopfstein voran, zweibahnig darf aber gefahren werden. Klappt bloß nicht, Fürst Fedjas Blutdrucktabletten wirken. Tja und dann ist’s vorbei mit den weitläufigen Faulenzereien; beide Doctoren schrauben sich eine gemütliche Bühne zurecht. Allzu laut darf es wegen der Nachbarn nicht werden, die Russian Doctors sind seit Jahren wieder die erste Band im Club, sollten erst unplugged spielen, aber das wäre total schiefgegangen. Nehmen wir wieder mal etwas vorweg: Die Gäste und Fans hätten lauter als ein schreiendes Pratajev-Duett auf der Bühne gesungen.



Während Fürst Fedja mit den Herren Pleitegeiern Bulbash, im Gegenzug beste Whiskeys verkostet, füllt sich der Laden. Präziser gesagt platzt er aus allen Nähten. Fein, es gibt wieder Astra für den Pi-Doc und "Tonic mit was drin" für den Maka-Doc. Warten auf 20:30 Uhr, auf die Showtime: mit vagem Lächeln den Irrungen und Wirrungen der nächsten Stunden entgegensehen. Noch eine rauchen, noch zwei, noch dies und das und dann (wie beim ersten Docs-Konzert hier vor acht Jahren, Tradition verpflichtet) wird der „Rotarmist“ aus dem Keller geholt. Oder besser: gejagt, denn von der ersten Minute an, der zur Bühne getragene Vodka sorgt dafür, rast Pichelstein wie ein Kampfjet durchs Set. Einzig bei getragenen Nummern, wie dem „Rundblick vom Turm“, gönnt er sich Verschnaufpausen. Sehr schön: Direkt vor der Bühne wird darunter Stuhl auf Stuhl gestapelt, wird stolz und erhobenen Hauptes vom Turm geschaut. Und weil’s so voll ist, der gemeine Doctoren-Konzertianer sich jedoch tanzenden Rumpfes bewegen möchte, werden dafür Tische bestiegen. Es ist ein Fest, ein verrückter Abend, gespielt wird ohne Pause locker mal 2,5 Stunden durch. Zweifelsohne findet nirgendwo anders auf der Welt gerade derartiges statt.



Pichelstein wird vom Makarios zum neuen Weltrekord im Schnellgitarrespielen getrieben, dass sich darunter eine Stahlsaite ins Nagelbett bohrt, was soll’s? Fürst Fedja stolpert rasch zur Heilung einen Bulbash herbei, womit die Eingangsfrage: „Seid ihr die Band mit dem eigenen Wodka?“ endgültig mit „Ja“ geklärt sein dürfte. Schlussendlich wird er erreicht, der selige Hafen der letzten Schnapsbar, und damit nicht genug. Am Merchstand liegt bereits die erste Tommy Hilfinger-Unterhose. Eben erst ausgezogen, gelüftet und zur Unterschreibung feilgeboten. Man liegt sich in den Armen, als hätte Hansa Rostock soeben die Champions League gegen Paris St. Germain gewonnen.


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 03. Oktober 2017 um 15:09 Uhr
 
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