The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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25. Februar 2017, Wittenberg/Irish Harp Pub PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Freitag, den 03. März 2017 um 09:23 Uhr

Warmsingen für den Kirchentag (362)


Guten Morgen, der Wodkavorrat ist fast alle, müssen in Leipzig nachladen. Na gut, fällt der Kulturausflug eben ins Wasser und im Wald gibt’s außer Schmodder an den Sohlen eh nichts einzusammeln. Doctor Makarios widerspricht heftig, doch der Vorteil des Nachladens liegt zuweilen auf der Hand: es darf ein wenig geruht werden, bestimmt ist man hinterher deutlicher fitter und juchzend zu neuen Pratajev-Taten bereit.


Gesagt, geruht, getan. 17 Uhr Abfahrt nach Wittenberg, Ziel: Irish Harp Pub, der VW dieselt über den Asphalt. An einer Futtertränke am Wegesrand kommt er kurz vor der Lutherstadt zum Stehen. Zwei Damen vom Grill wittern kleines Geld, Mutter und Nachbarstochter. Mutter spricht: „Die Jabeln sind neben die Servietten.“ Fürst Fedja spricht: „Dem Jünther seine Jabel am Jrill im Jarten.“ Doctor Pichelstein denkt gleich an Brandenburger Dialekt, aber nein, auch in Sachsen-Anhalt wird aus einem profanen G bisweilen ein tolles J und dass Teile der Jabel bald im Zahnfleisch des Fürst Fedja stecken, ist dem Experiment „Ich bastele mir einen Zahnstocher aus einer Plastikgabel“ geschuldet. Weiter geht’s, good things come to those who wait, das erste Guinness mit geschaumdrucktem Kleeblatt wartet.


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Im Irish Harp buckeln Wirt und Gitarrendoctor die Bühnenecke zurecht. Darüber läuft die klassische TV-Leibesertüchtigung, unten wie auf dem Hängeplasma wird geschwitzt und gelitten. Als erste Boxentöne erklingen, riecht es plötzlich streng nach Fritte. Aha, Fedja und Makarios waren im Imbiss nebenan. Wohl bekommt’s, der Soundcheck muss für heute reichen. Außerdem füllt sich der Laden bereits und zwar solange bis „Ausverkauft“ gerufen wird. Herrliches Wittenberg, du großartige Biberstadt, wandelst auf Luthersocken, bereitest dich auf den Kirchentag im Maien vor. Tausende werden kommen und mancher wird sich hinterher (Elbebrücke gesperrt, Fähren sterbenskrank, großes Chaos) frei nach Wiglaf Droste fragen: „Wo warst du Nero? Und vor allem: Wo waren deine hungrigen Löwen, als die Lutheraner in Wittenberg einfielen und in vielfacher Divisionsstärke durch die Rabatten trampelten?“ Aber - liebe baldigen Besucher des Kirchentages, seid keine Puristen („Every sperm is sacred“), wenn Ihr schon in der Stadt seid: Die Hundertwasserschule in Wittenberg ist nichts, aber auch gar nichts gegen die Hundert-Guinness-Schule des Irish Harp Pup. Da geht mal hin, auch wenn das Eingangsschild aus Blech „Hier spuckte Luther eine schlechte Erbse auf den Boden“ (der Bibelmann litt, wie wir wissen, unter Meteorismus, der sogenannten „Blähsucht“) fehlt.


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Pia hat gleich Geburtstag, auf in die erste Runde. Denn hier sind sie, die Russian Doctors! Makarios brüllt sich galant durch die erste Staffel, Pichelstein flüstert und das reicht schon aus, um lauter als der Sangesdoc zu sein. Hat doch wer am Technikpult gedreht, immer suboptimal, wenn darauf keine Klebis mit der Aufschrift „Mikro M“ und „Mikro Pi“ angebracht wurden. Mitten im „Idyll“ müssen die Dinger gewechselt werden, was erstaunlicherweise gelingt. Um die Ecke kreischen Mädchen, ganz vorn harren die Jungs aus und ein verwegener „Wilder Bursche“ wie ihn Pratajev nicht besser hätte malen können, steppt sich frei und wiegt den Rumpf. Dicht an dicht geht’s vor der Bühne zu, dicht und dichterreich darauf. Wären Börsianer zugegen, würden die Aktien der Kaltgetränkehersteller in den Himmel schießen. Irgendwann läutet die sonore Rum-Tonic-Stimme des Doc M zur Pause. Pichelsteins nächster Weltrekordversuch im Schnellgitarrespielen ging zuvor knapp um ein paar Anschläge pro Sekunde daneben. Hurtig ein Astra gekippt, wichtig wegen der Elektrolyte. Verlust und so.


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Und dann ist es soweit: Null Uhr, das Set der Doctors befindet sich nach Vollendung der Bauernoper Prumskis im berühmt-berüchtigten Tierblock. Der Pia-Maus wird ein glorreiches Jahr aufs junge Altersblatt gutgeschrieben, schon flitzt sie umher, Umarmer folgen, es gibt Kuchen, Karten, Kekse und Schmatzer und ein Ehrenlied der Doctors obendrauf. Um diese Zeit zerfließt bereits die Schwitzebühne, in den Zugaben folgt er dann, der „Raucher von Bolwerkow“ und ein noch nie dagewesenes Momentum geschieht: Rhythmisches, begeistertes Klatschen im Refrain! Jetzt müsste man den kennen, okay: „Es ließ sich nicht vermeiden / Er hackte auf sie ein / Er hackte sie kaputt / Fürwahr das war nicht fein / Vom Raucher von Bolwerkow.“ So singt sich Wittenberg für den Kirchentag im Mai warm. Herrlich. Liebe Freunde, es war und wird uns immer ein Fest im Irish Harp bleiben.


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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 03. März 2017 um 09:50 Uhr
 
24. Februar 2017, Dresden/Waldbadhaus Weixdorf PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 01. März 2017 um 20:48 Uhr

Howie, Howie, Howie (361)


Die BMW-Tourschmette mit all ihren Meriten in der Werkstatt zerlegt und ohne Motor, du liebe Güte, seit Tagen läuft darob Fürst Fedja mit einem Gesicht wie Omas trauriger Dielenboden herum. Der VW Diesel muss ran. Doctor Pichelstein quält sich durch den nachmittäglichen Leipzig-Stau. Die Heldenstadt wird immer voller. Nicht nur beim Lieblingsgriechen um die Ecke ist jeder mittlerweile wohlberaten fürs kleine Abendmahl zu reservieren. Will man nicht stante pede ouzotrunken an der Holzbar an Zahnstochern lutschen. Noch einen Kaffee im Doc Seltsam, dann auf gen Dresden. Die Langmut breitet ihre Flügel aus; sämtliche Autobahnen sind voller Weltraumschrott, ja, das All wird auch nicht leerer. Fährt denn niemand mehr Bahn? Was ist mit Fahrrädern? Oder einfach mal zuhause bleiben, Beine auf die Hitsche legen und hoch hinauswollen? Nein, auf geht’s, die Welt mit sich vollmachen. Dabei gibt es dafür wenig Gründe, höchstens Ausnahmen. Die Anreise zu einem Russian Doctors-Konzert, die natürlich. So fährt es sich mal galoppierend, mal verstaut weiter, Jochen Distelmeyer quält sich von Song zu Song. Einer trauriger und schonungsloser als der andere.


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Umso schöner ist das Erreichen des Waldbadhauses Weixdorf. Draußen ist’s gräuslich kalt, altbackener Schnee liegt neben einem Teppich aus Matsch, fette Wolken ziehen durch die kalte Nacht. Nichts wie rein in die gute, wohlig warme Stube. Kaffee und erste Kaltgetränk dürfen geordert werden. Am Mischpult werkelt der großartige Flash; während Pichelstein die Bühne trimmt, läuft er umher, tippt Codes ins Tablet ein und gibt den Seelenzustand preis: pures Lachen, pures Glück, zwei Hunde dabei, keinen Edding und einen Transporter. In jeder Gemengelage sollte es immer jemanden geben, dem folgende Gabe in die Wiege gelegt wurde: der Sinn für Humor und während der Saal sich nahezu raptusartig füllt, erste Gäste mit belegten Grilltellern dem Soundcheck lauschen, wird geprustet was das Zeug hält. Vermutlich liegt es am „Inneren Witz“, der bei jeder Rauchpause ans Licht, bzw. an den Heizpilz will. Keiner davon ist jugendfrei, geschweige denn politisch korrekt. Jeder Doctor merkt sich zwei und vergisst sie gleich wieder. Wie war das mit dem Krokodil, das einen Bürger des Kontinents Afrikas verschlingt und der die Szene beobachtende Tourist sinniert: „Nichts zu essen, aber Lacoste-Schlafsäcke.“? Hm. So ähnlich. Eindeutig ein Zeichen von Witzschwäche. Nicht ganz so tragisch wie die sogenannte Sprichwortschwäche. Auf zur Theke, auf zur Tränke. Durst und Hunger machen böse.


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Kaum, dass die nächste Schaschlikrunde des speisernen Plans verdrückt ist, meldet die Veranstaltung „ausverkauft“. Dicht gedrängt stehen die Zuschauer im Rund oder sitzen endschmausend an den Tischen. Schon geht’s los… An dieser Stelle zitieren wir aus einem anderen Tourbuch, der "Mission Bühnenrand". Blogger Kundi fand wunderbare Worte, um die folgenden drei Konzertstunden in ein malerisches Prosalicht zu stellen. Heftigen Dank an dieser Stelle dafür.


(…) Wenige Minuten später verwandelten sich beide in die Doktoren MAKARIOS und PICHELSTEIN. Sie starteten gleich mit dem Song "Wodka, Wodka" vom aktuellen Album "Manchmal wenn der Durst kommt". Bei diesem Opener war sicher auch dem letzten Gast klar, wo die feuchtfröhliche Reise nun hingehen würde: "Wodka, Wodka, glasklar und rein. Wodka, Wodka, so muss es sein. Wodka, Wodka, eiskalt und ölig. Wodka, Wodka Bulbasch ist König." Bei Bulbash handelt es sich um eine Wodkamarke aus Weißrussland (oder wie der gepflegte Ostdeutsche einst sagte aus Bjelorussland) die der Tourmanager der RUSSIAN DOCTORS, Frank Förster, neuerdings vertreibt. Alkoholika nehmen in der Liedersammlung der RUSSIAN DOCTORS einen nicht unbedeutenden Platz ein. Schließlich soll ja PRATAJEV auch ein ziemlicher Schluckspecht gewesen sein und das in seinen Gedichten auch entsprechend dargestellt haben.

Da braucht man sich auch nicht wundern, wenn man solche Liedzeilen hört wie im Lied "Die Heilung": "doch es gibt noch eine Rettung Schnaps mit Kräutern aus dem Wald. Wenn du früh genug damit beginnst, bleibst du jung und wirst nicht alt" oder "Das ist die Heilung von allen Gebrechen, das ist die Rettung vor jeglichem Leid. Das ist die Heilung und es wird sich rächen trinkst du nicht Schnaps von Zeit zu Zeit".

Gefallen hat mir in dieser Hinsicht auch die folgende Aussage aus dem neuen Song "Lied vom guten Leben", welche mir ebenfalls ein fettes grinsen ins Gesicht zauberte: "Es muss nicht sein, dass das Leben schlecht ist, weil schlechtes Leben nicht gerecht ist. Mit einem Schnaps hat man immer gute Karten, man muss nicht auf ein bess'res Leben warten".

Die Konzerte der RUSSIAN DOCTORS sind eigentlich eine Feier des ungezügelten, wilden Lebens mit all seinen Absonderlichkeiten, Merkwürdigkeiten, Ausschweifungen, Genüssen und Orgasmen. Man kann bei diesen humorvollen Darbietungen und melodisch-eingängigen Liedern ganz wunderbar den Alltag hinter sich lassen, Spaß haben, und feiern. Das geht auch ganz wunderbar ohne Alkohol, wenn man zum Beispiel, wie ich am vergangenen Freitag, sein eigener Kraftfahrer bei der Mugge ist. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass mir die Variante mit einem leichten Promillepegel sicher auch mal nicht schlecht bekommen würde.

 

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Beindruckend an der ganzen PRATAJEV-Geschichte ist für mich auch, mit welcher Konsequenz, Originalität und Phantasie BRÖKER und MAKARIOS seit Jahren den PRATAJEV-Mythos immer weiter schmieden. Die Herren sind live, auf Tonträger und auch in Schriftform immer wieder für Überraschungen gut. Sie spielen das Spiel so liebenswürdig und überzeugend, dass man sich dem ganzen Zinnober nicht mehr entziehen kann und das auch gar nicht mehr möchte. Manchmal denke ich jetzt sogar schon selber in PRATAJEV-Kategorien.

Was das Doktoren-Duo in Weixdorf wieder musikalisch verzapfte, gibt es in keinem Russenkino (hätten wir früher verschämt gemurmelt) bzw. passte auch nicht in die üblichen Musikschubladen. Es war ein musikalischer und delikater Cocktail, der aus Hochgeschwindigkeitsfolk mit (Punk-)Rockeinschlag, aus Elementen der Liedermacherei mit Extrakten von russischen Volksweisen (oder dem, was wir uns darunter manchmal vorstellen) und ein paar Prisen Independent Rock oder Alternative Rock bestand. Manches glitt bei den RUSSIAN DOCTORS auch fast in den Bereich Gothikrock ab. Das ist aber alles gar nicht so wichtig.

Die Geschwindigkeit brachte Gitarrist DR. PICHELSTEIN in die ganze Geschichte. Der Typ schrammelte fast mit Lichtgeschwindigkeit auf den Saiten seiner Akustikgitarre. Da war es kein Wunder, dass ihm der Schweiß in Strömen den Körper herunterfloss. Trotz der Schnelligkeit waren die Melodie- und Songstrukturen deutlich zu erkennen. DR. MAKARIOS beförderte ihn in seinen Ansagen nach und nach vom Stadtbezirksmeister bis zum Olympiasieger und Weltrekord-Inhaber. Den derzeitigen Weltrekord verfehlte PICHELSTEIN aber diesmal um einen halben Schlag behauptete der Sangesbruder MAKARIOS frech (…)

 

Quelle: www.mission-buehnenrand.de


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…so war es und hinzu gesellen sich noch Pichelsteins Ausführungen aus Prumskis Bauernoper, all die Zugaben, ein Flash-Finger-Crash auf dem Fernsteuerungs-Tablet (beim Bulbash mal eben aufs Monitor-Aux-Feld gerutscht, schon dezibelt Pichelsteins Monitorsound wie eine Rakete durch alle Ohren). Der Tag übergibt der Nacht das Zepter, das Volk tanzt, lächelt mit den Körpern, singt, schreit, tost. Schlager mischen sich ein. „Ti Amo“, „Deine Spuren im Sand“, „Die kleine Kneipe in unserer Straße“, „Wem erzählst Du nach mit Deine Träume?“ „Junge komm bald wieder“ und viele mehr. Schwerpunkt: Howie, Howie, Howie. Und dann heißt es, und zwar gewaltig: „Der Abend ist gelungen.“ Oder auch: „Fast die gesamten Bulbash-Vorräte sind alle.“ Oder auch: „Kann noch jemand stehen?“ Oder auch: „Den einen noch.“ Oder auch: „Bis nächstes Jahr um dieselbe Zeit im selben Kleid.“


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Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 01. März 2017 um 21:14 Uhr
 
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