The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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01. Juli 2017, Markleeberg-Gaschwitz/Reuters Radlerhof PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 26. Juli 2017 um 18:21 Uhr

Unter Schwalben (371)


Man könnte eine ganze Horde Statistiker zur Auswertung der bis dato 370 Doctors-Konzerte beschäftigen. Kaskaden an Erinnerungen! Wie viele Kontingente Schnäpse wurden zur Bühne gebracht? Welche Tour-Tankstelle bot die schlechteste Bockwurst feil? Spannend wäre es auch zu wissen, wie viele Privatpartys, all die Geburtstage, Hochzeiten und Diplomfeiern, auf der Habensein stehen. Müsste man mal durchzählen. Das 371. Konzert an Reuters Radlerhof (diesmal wird im Innenhof, auf dem Gelände der ehemaligen Centralhalle in Gaschwitz gespielt) ist wieder auf „privat“ gestellt und hält ab sofort den Altersrekord eines Geburtstagskindes. Ein Sechzigster mit Gurke und Blumenkohl! Gurke? Kohl? Bis heute ein Insider. Der Gratulant schwieg sich darüber aus, obschon der halbe Ort mit seinem Konterfei plakatiert wurde.

 

 

Kurz ist die Reise von Leipzig nach Gaschwitz an diesem nieseligen Samstagabend, Wirt Herbert, eben erst aus der Neuen Welt zurückgekehrt, ist bester Laune. Auf dem Plasmaschirm wechseln sich Urlaubsfotos ab. Gerne würde man als Phlegmatiker einem Vortrag drüber lauschen, doch die Arbeit ruft. Erste Gäste trudeln ein, am Bierfass heißt es schon auf Hyper-Denglisch „The Snake is long“ und da weit und breit keine Roadies zu sichten sind, schleppen und bauen die Doctoren von der Förmchenbande allein auf der Bühneninsel. Darüber fliegen die Eltern Schwalbe erbeutete Motten ins Nest. Der Nachwuchs kreischt völlig verzückt: Motten? Machen groß, stark und verleihen Flügel. Rasch ein Soundcheck, der DJ kommt auf Chemie Leipzig-Socken daher und damit er die Doctors später sonor ankündigen kann, wird ihm ein Mikrofon kredenzt. Ja, die DJs dieser Welt machen es sich leicht. Zack, Laptop auf, Verstärker und Boxen dran, Knopf gedrückt, fertig. Musiker haben es da mit ganz anderen Sujets zu tun, verbrennen dafür auch mehr Kalorien und können deshalb so viel essen, wie sie wollen. Gerade wird das Spanferkel geliefert.

 

 

Alles futtert, trinkt und lacht, was liegt da näher, als der heutigen Pratajev-Revue per Starterklappe Beine zu machen? Mit dem „Lob des Schweines“ geht’s los, der „Löffel aus Holz“ schließt sich den „1.000 Nudeln“ an. Erstaunlicherweise wird gleich mitgesungen, geschunkelt, man scheint die Doctoren bereits bestens zu kennen und natürlich wird Bulbash unters Schwalbennest geliefert. Viel Bulbash! „The Snake is long again“ - die Schlange der Spendierfreudigen reißt vor der Bühneninsel nicht ab. Pichelstein spielt mit jedem indoktrinierten Schluck schneller, Makarios löst die Fallstricke nippend. Mahnende Worte, den Gitarristen doch am Leben zu lassen, verhallen und so ist es Impresario Fürst Fedja, der schützende Hände ausbreitet und manchen Becher bis zur Pause rettend verzehrt.

 

Kaum ist der „Rotarmist“ anschließend verklungen, geht’s weiter wie gehabt. Pratajev, oh, Pratajev, so muss es in den 1950er-Jahren im Rovtlovensker Rajon zugegangen sein: Wild und schwach auf der Lunge schwindet langsam die blaue Zunge. Als Makarios in den Zugaben über die „Schlotternden Knie“ Richtung finaler „Schlager-Schnapsbar“ einbiegt, finden sich mehr als zwei Stunden Konzertreise in den Annalen wieder. Das Publikum, die Doctors, Wirt Herbert und Herr Gurke-Blumenkohl sind eins mit der Welt an diesem Geburtstag der Wunder und Sensationen. In wenigen Wochen spielen die Doctoren anlässlich einer Pensionierung in der Sächsischen Schweiz. Hm. Je älter, somit ehrbarer die Anlässe, umso mehr wird gesoffen. Und das ist auch gut so.

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 26. Juli 2017 um 19:07 Uhr
 
25. Juni 2017, Dresden/Elbhangfest II PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 25. Juli 2017 um 19:08 Uhr

Grobknochige Frauen, dickgekochte Männer (370)


Die Zeit läuft einem bekanntlich deshalb davon, weil man sie sonst bloß totschlagen würde. In diesem Sinne frühstücken die Doctoren in aller Seelenruhe, während Fürst Fedja den Titel „Kapriziöser Schläfer des Vormittags (KSdV)“ erringt. Bis die Kippen im Parterre glimmen, wird das Hotelbuffet gleich dreifach heimgesucht. Immer noch scheint die gelbe Elbhangsonnne putzmunter ins grüne Tal; als Pichelsteins Gitarre um die Mittagszeit manöverfertig ist, geht’s per Fähre rüber nach Wachwitz. En passant wird in einer Klause verbrühtes, scharfsalziges, pampiges gefuttert, weiter geht’s mit verzerrten Mündern zur Grottenwirtschaft. Endlich ein Fischbrötchen! Mit Gurke und edler Kartoffelsuppe! Ein a priori-Stehsatz, der immer zählt: General Hunger ist ein großer Schurke auf Konzertreisen und wehe, wenn er nicht lecker zum Schweigen gebracht wird. Da wollen wir die Crew der Grottenwirtschaft um Professor Hendrik im Nachhinein dolle loben.


Punkt 14:00 thront die traditionelle Whiskey-Flasche auf dem Tisch, niemand möchte so recht probieren, erst als die Vor-Combo Jazz Train Light eine dritte Zugabe mit langer Maxirille ankündigt, kreist der Glasebalg. Doch dann geht alles sehr rasch. Techniker flitzen, die Bühne wird zum Operationssaal umgebastelt. Ein kurzer Soundcheck, noch diesen oder jenen tiefen Schluck, startklar sind die Doctoren. Das Intro kulminiert zur Kanonade, das verehrte Publikum harrt der Dinge, Sturz in die Showtime!



Während Makarios durchs Set führt, bewegt sich Pichelstein mit schlafwandlerischer Leichtigkeit auf dem Tummelplatz und hat darunter Zeit, Beobachtungsposten zu beziehen. Denn über die Pillnitzer Landstraße flanieren und radeln derweil Menschen, denen das Pratajev-Universum völlig fremd ist, die sich etwa beim Ruf „Schleim am Arm“ erschrocken an die Herz-Bypass-Regionen greifen. Grobknochige Frauen kauften ein, dickgekochte Männer müssen den Trödelkrempel nebst Handtasche schleppen, altern dabei in Zeitlupe und wechseln langsam aber sicher das Geschlecht. Als die Weise „Manchmal wenn der Durst kommt“ Wahrheit spricht, bleiben manche wie vom Donner gerührt stehen. Jetzt pausieren, ein Bier trinken, ein ganz kleines, dort hinten im Schatten, wo die anmutigen Mädchen sitzen. Ja, sie lachen und kreischen, Gläser scheppern zu Boden, herrliche Lebensfreude! Doch mehr als ein paar Roland Kaiser-artige Seitenblicke bleiben ihnen nicht vergönnt. Pustekuchen. Weiter wollen die trödelnden Frauen. Pichelstein möchte schon nolens volens den „Raucher von Bolwerkow“ anstimmen, doch der gehört ja in den Zugabenblock.



Auch heute ist schnell das neue Langsam auf der Erlenholzigen; Makarios flüchtete ein ums andere Mal und bleibt raffinierter Weise mitunter lange weg. Das geht selbst einem gelenkgeschützten Schnellgitarristen an die Substanz; als beide Doctoren wieder vereint in die Mikrofone singen, geht’s mit Normalgeschwindigkeit weiter. Würde Pichelstein bei jeder Temposünde in die Bandkasse zahlen müssen, jungejunge, das gäbe ein Grillfest am Jahresende! Nun gut, da die Spielzeit heute begrenzt ist, werden noch rasch ein paar Katzen in den Wind gehangen, Schlips aus Lurch drum und fertig. Das Nachbeben lässt nicht lange auf sich warten, doch um den Wunschblock zum Wohle der nächsten Combo nicht über die Maße zu strapazieren, endet das heutige Stelldichein und Tanzdichmüde mit einer sehr tragischen Schnapsbar. Lange hat man sie noch wurmend im Ohr und die lieben Konzertkinderlein werden sie in der Kita tags darauf lautstark anstimmen.


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 25. Juli 2017 um 19:45 Uhr
 
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