The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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18. März 2011, Leipzig/PaperOne-Salon PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 17. April 2011 um 00:00 Uhr

Im Wohnzimmer der Enthusiasten (225)


Leipzig, aus Messeanlass heute mal wieder Bücherhauptstadt, macht es seinen Einwohnern und Gästen nach wie vor schwer. Das war schon immer so, sagen die, die es wissen. Das wird immer unglaublicher, sagen die, die es besser wissen. Fangen wir beim Irrsinn einer Olympiabewerbung an, nehmen die Umweltzone hinzu, umfahren allerorten jene Asphaltschlagloch-Minenfelder im Geiste Gaddafis, besehen den Braunkohleuntergrund mit seinem U-Bahnunsinn, rufen dann noch irgendeine debil besetzte Behörde an, in der sich ehemalige LPG-Kuhstallabsolventen zu Abteilungsleitern hochmelken konnten, schlagen die Zeitung auf und fragen uns, warum der Westen seine wirtschaftlichen Überflieger ständig über dem hiesigen Rathaus zum Absturz bringen muss. Nur zwei Beispiele der jüngsten Epoche: Import aus München: Wasserwerke-Heininger, aus Köln: LVB-Hanss. Näheres dazu (Veruntreuung, Steuerhinterziehung, Gesamtschaden in Millionen etc.) via Gerichtsprocedere. Dagegen hilft Lächeltherapie; wer mag, darf demonstrieren, zornige Leserbriefe schreiben oder einfach in ein Wohlfühl-Wohnzimmer der Enthusiasten eintauchen. Eines davon lädt ins Stadtteil Lindenau ein - in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wege e.V. gelegen, befindet sich der Lesesalon des Poetenverlages PaperOne. Dass jener Verein sich um das Wohlergehen psychisch Erkrankter bemüht, soll an dieser Stelle eine ehrenhafte Randnotiz bleiben.

PaperOne-Chef Olli herzt The Russian Doctors im Frontstage, engagiert für den musischen Part des Leseabends. Getränke gibt’s an der Bar, im Klo glimmt eine Kerze auf Holz, nur ist besagter Raum (Tampons zum Mitnehmen auf dem Fenstersims) von innen verriegelt. Sollen darüber Brandschutzsorgen aufsteigen? Nein, keineswegs. Hauke von Grimm ist ein Poet der Tat, entsprechendes Werkzeug wird angetragen, bald bricht schon die Tür. Derweil lesen Klaus Märkert, Myk Jung, Michael Oertel, HC Roth aus Worten, Fernsehern und Werken. Im Hausflur gemahnt die Verwaltung: Miete ist fällig! Kann auch bar bei Frau S. eingezahlt werden. Gefüllt ist’s Wohnzimmer mit Andacht und Menschen und letzten Endes sitzen auch Makarios und Pichelstein dem Auditorium vor. Gedichte aus Pratajevs Zyklus „Lila Nina“ paaren sich mit Setperlen des aktuellen Feldmänner-Programms, münden allenthalben im nach oben offenen Zustimmungsbarometer. Schön warm ist’s und heiß gar im Wünsch-Dir-Was-Obolus. Das Elend der Welt ist nicht tastbar und draußen, bei den Verlagspartys der Helene-Hegemann-Tollfinder, wird damenweise Lipgloss nachgetragen. Mehr Aufregung ist unverzeihlich.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 03. Dezember 2017 um 14:09 Uhr
 
20. Februar 2011, Berlin/Duncker PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Freitag, den 15. April 2011 um 17:54 Uhr
Das erste Konzert der Russian Doctors vor dem gebadet wurde.
Oder: Gebadet gefallen sie mir am besten (222)

 

Nachtspeicherheizungen sind so eine Sache. Abends wirken sie recht verlockend, hach, wie schön warm! Und bereits wenige Augenblicke später klirrt der Frost, hockt das Winterwunderland unmittelbar in Nasennähe herum. Doktoren bibbern ergo halbschlafend durch die Nacht. Am nächsten Mittag jedoch, da lockt die Wärme - ein paar Häuserblöcke gen Tornadodurchzugsgebiet entfernt. Und dank Niko Biberowitsch werden beide Pensionsgemächer, ausgestattet mit neuster Flachbildfernseherei (O-Ton Doktor Makarios: „Ich hab alles versucht, alle Knöpfe auf beiden Fernbedienungen gedrückt. Nichts! “) gen Frühstück mit Meerrettichaufstrich gerne verlassen. Schön! Gedeckter Tisch! Lecker und ganz lieben Dank an dieser Stelle ans besagte Ehrenmitglied, natürlich nebst Gattin, der Pratajev-Gesellschaft.

 

Söhnchen Kieran, dem Krabbelalter insofern entsprungen, dass bereits beim Pichelstein-Gitarrenbesaiten hilfreich zur Seite gestanden werden kann, bekommt zum Aufbruch noch das Lied von der Katz‘ gesungen. (…) „Sang doch der Kieran vorhin etwas über eine Katze die weg ist, also hat euer Mittagsständchen ihm gefallen,“ schreibt Biberowtisch dann auch wenige Tage nach dem kleinen Küchenkonzert der Erben Pratajevs. Die müssen aber nun weiter wandern; an gebrochenen Baumkronen, abgedeckten Tornado-Häusern und eingestürzten Fabriktürmen vorbei fährt’s Tourauto wie von selbst Richtung Berlin. Doktor Pichelstein schaltet den Autopiloten ein; der plakatierte Wegesrand zeugt von einer ganz neuen, wirklich tollen CD unseres Howard Carpendale. Gut sieht er aus, doch ein Kaiser, ein Roland wird er nie sein und werden. Dafür fehlt ihm einfach die Joana in der Stimme (geboren um Liebe zu geben / verbotene Träume erleben / ohne Fragen an den Morgen).

Ganz in diesem Sinne liegen Doktoren späterhin gemütlich und nacheinander, mit jeweils frischem Öl- und Schaumwasser, in einer Berliner Badewanne. Die Lichterkette glimmt, der Kaffee dampft, die Pizza schmort im Ofen, Bettruhe wurde verordnet. Weitaus besser, als die noch verbleibenden Stunden bis zum verabredeten Duncker-Soundcheck in einer Friedrichshainer Grünen-T-Stube mit Kinderwagendiktat zu verbringen (früher sagte man „Eckkneipe“). Manjoschka Gnatz, u.a. im Zuständigkeitsbereich „Lektorat“ der Pratajev-Bibliothek im Verlag Andreas Reiffer zu suchen, machte all dies möglich. Den Doktoren gefällt’s und so kann mit Fug und Recht abermals ein Erstling pratajevscher Doktorarbeit verkündet werden, nämlich: „Das erste Konzert der Russian Doctors, vor dem gebadet wurde.“

 

Hendrik, Jürgen, Steffi, der harte Duncker-Wirt – alle Lieben sind schon da und emsig geht’s auf Parkplatzsuche. Denn seit dem die Konjunkturpakete selbst in der Hauptstadt ausgepackt wurden, müssen Absperrgitter, Warnbaken und natürlich Parkverbotsschilder wirklich knapp geworden sein. Die Suche endet dennoch, zwar im Strafzettelgebiet, jedoch nicht in Abschleppszenarien. Gut so. Rasch ein Berliner Pilsener und noch eines, Bühne verkabeln, Soundcheck, rauchen, stehen, sitzen, Mensch, hallo! Lange nicht gesehen – Die Herren um Eademakow und weitere Pratajev-Freunde treffen ein. Hochverehrt, Euch alle hier zu sehen. Und ja, der Duncker ist so schön warm, kein Heizungslapsus Marke CWH wie gestern, herrlich.

Die heutige Schönegeisterschau beginnt mit eröffnenden Worten des Neu-Pratajev-Forschers H. Peetersowitsch (vielleicht wird dieser Name noch überarbeitet bis zum nächsten Almanach „Haus aus Stein“), das Rund sitzt geschlossen und bestens mit sich gefüllt zwischen Bühne, Wänden und Schnapsbar. Die Raucherlonge ist verwaist und nach zwei Doktoren-Liedern gibt’s Doktor Pichelstein mal gitarrenbefreit, lesend, das irrlichternde Phänomen „verschwINDIEN“ betreffend. Dann wieder Doctors Live, des Forschers Eingebungen – abendlicher Höhepunkt für Makarios und Pichelstein, ohne Frage! – Pause, Doctors, Makarios liest „Pratajev – Meine Mutter“ und schlussendlich das abschließende Konzert, bestehend aus jenen Werken Pratajevs, die die meisten der Duncker-Gäste zum vielstimmigen Kanon animieren.

 

Vor der Zugabe verschläft Doktor Pichelstein den anvisierten Showeinspieler, erst ein versprochener Eck-Jägermeister lockt ihn zu sich, dann geht’s weiter und weiter und letztlich doch nicht mehr. Punktlandung, Wende hin zum Abbau und endlich auch der Jägermeister. Nichts vom duftenden Badeschaum bleibt. Dafür sehr später noch die Reise mit dem Bus ins Futteral der Gemütlichkeit.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 03. Dezember 2017 um 11:54 Uhr
 
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