The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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17. Februar 2017, Leipzig/Cafe Westen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 28. Februar 2017 um 21:12 Uhr

Alles findet sich, ja, das Leben ist gerecht und die Jacke brennt auf dem Tisch neben der Kerze (360)


Und wieder ein Tourstart in Leipzig, im Cafe Westen, dem besten Schnapskabinett Lindenaus. Willkommen, liebe Freunde der Russian Doctors im mittlerweile 14. Jahr. Vierzehn Jahre Saus und Pratajev-Braus, da möchte man mit dem großen Kollegen Udo Lindenberg trällern: „Ob Du 14 oder 40 bist, ist dann alles total egal. Alter ist doch nur irgendeine Zahl. Ob Du 'n Mädchen bist oder vielleicht ein Mann, auch darauf kommt es gar nicht an. Alles, was mich interessiert, ist doch nur: wann?“


Glücklicherweise ist es nicht das 40. Jahr. Aber gut, vor 14 Jahren dauerte ein Russian Doctors-Konzert nur eine satte Stunde. Heute können es durchaus drei werden. Theoretisch sogar fünf. Verteilt auf den ganzen Tag wäre das mal eine Option. Denn wir reden ja nicht von unsäglichen Free-Jazz-Sessions oder schließen uns den Bluesbarden an. Jene Kollegen erzeugen pro Stunde (wenn es dicke kommt) vielleicht fünf Gitarrentöne und der Sänger säuselt darunter: „Oh yeah, Baby, bitte dreh eine Runde auf dem Saxophon mit mir…“


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Der Weg vom Plagwitzer Büro ins Cafe Westen ist ein kurzer Autoflug von Blüte zu Blüte, schwer wie eine Tonne Regen wiegt die Anlage zur Beschallung des Publikums. Als sie endlich aufgebaut ist, folgt die Belohnung auf dem Fuße. Volle Teller, volle Gläser, ein erster Bulbash - nach dem dezibelschicken Soundcheck verfallen die Protagonisten in eine Art Schnappatmung des Glücks. Geschafft. Fehlt nur noch das Licht des Herrn, das Licht des Herrn Boris und siehe da: Elegant wie ein Schreitvogel nach erfolgreicher Kriechtierjagd, die er nun mit der Installation phänomenaler Schweinwerferspots zu verzinsen gedenkt, geht er im Raum umher. Auf der Suche nach einem Bulbash, nach Steckdosen, nach einem Abwurftisch für die regenabweisende Winterjacke. Alles findet sich, ja, das Leben ist gerecht und die Bühne fortan erleuchtet. Nochmal, so ein schöner Satz! Also: Alles findet sich, ja, das Leben ist gerecht und die Jacke brennt auf dem Tisch neben der Kerze. Es qualmt gewaltig. Beherzt eilt Doctor Makarios herbei, löscht die Feuersbrunst mit einem Glas reinsten Wassers, Fenster werden geöffnet, der Abend ist gerettet. Möge es gegen 21 Uhr werden, im Mischpult steckt ein USB-Stick und darauf harrt eine Datei der Abspielung, das Konzertintro der Russian Doctors.


Auf die Bühne, Pratajevs Erben! Der Saalschlauch ist voller durstiger Leiber, sie wollen trinken und mit einem Köfferchen voller verrückter Ideen Pratajevs Gefolge sein. Wer einen Hocker oder Stuhl ergatterte, sitzt drauf wie ein Märchenprinz oder eine holde Königstochter. Doctor Frank „The Tank“ hat unterdessen den Merchstand gewienert und wird in den nächsten Stunden kurzabständig vom Eingang vorn zum Hochgang hinten pilgern. Stets ein Fläschchen Bulbash im Arm. Es gilt schließlich, Makarios und Pichelstein Bestnoten zu entlocken und bekanntlich gelingt dies immer recht ordentlich, wenn viele Gläser Richtung Spielwiese getragen werden. Um es vorweg zu nehmen: Je später der Abend, desto weniger „The Tank“; eines Augenblicks in noch weiter Ferner wird ihn die Schnapsbar an sich ziehen und zu ihm sagen: „Junge, Du bleibst mir mal schön hier.“


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Währenddessen auf der Bühne: Wo nur drückt man die beiden Pultknöpfe, um dem USB-Stick Töne zu entlocken? „Hier!“ Doctor Pichelstein ist sich seiner Sache sehr sicher, übersieht aber, dass der Stromkreis mit dem Zuschalten der Boris-Lampen nun recht schwach auf der Brust ist und der Masterregler bereits auf Stufe zehn geschoben wurde. Puff. Alles dunkel. Glücklicherweise flog nur die Sicherung raus. Auf einer dieser hochgeschätzten Facebook-Spirit-Seiten stünde nun geschrieben: Löse Dich von der Perfektion, dann wird die Perfektion Dich finden. Oder: Lass die Flasche los, dann wird sie Dich finden. Oder: Lass die Jacke brennen, dann… Los ist ein gutes Stichwort. Wodka, Wodka, glasklar und rein. Die Doctoren jagen durchs Programm und man muss es gar nicht beschreiben, was bis zur Pause lasterhaftes, verwegenes, flehentliches, grundgütiges geschieht: Es ist ein Doctors-Konzert. Jedes ist anders, in keinem gibt es die gleichen Songs, eine Setlist zu bemühen, wäre völlig umsonst. Doctor Makarios‘ Pratajev-Reise schweift hierhin und dorthin, Doctor Pichelsteins Gitarrensäge dorthin und hierhin. Immer gut darin, dem Sänger davonzueilen, bis der Sänger manchmal aufgibt und zum Gitarristen sagt: „Nicht so schnell, mein Doctor, wir überholen uns gleich gegenseitig.“


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Nach der recht üppigen Pause folgt ein Pichelstein-Auszug der Bauernoper Prumskis, erstmals in der Heimat Leipzig vorgetragen, mit einem donnernden Applaus wird sie im Heldenbariton verabschiedet. Weiter geht’s, immer weiter. Liebe Tiere, Ihr seid dran. Bis es vor allem der Kuh gut gehen darf, bis die letzte Zugabe gesungen ist, die bereits erwähnte Schnapsbar zur Samtmarie kulminiert und Frank „The Tank“ mit Haut und Haar verschlingt.


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Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 01. März 2017 um 18:12 Uhr
 
02. Dezember 2016, Leipzig/Frau Krause PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 18. Dezember 2016 um 15:00 Uhr

Schlagzeuger und Linksaußen haben alle einen laufen (359)


Unaufhaltsam schreiten die Nussknacker-Armeen voran. Wir schreiben die Vorweihnachtszeit des Jahres 2016. Eine Zeit, in der alles sehr besinnlich ist. So besinnlich, dass man gefühlt 30 Termine auf einmal hat. Im November ist das alles nicht so, da bricht die Schwermut herein, die Tage sind dunkel und keine Lichterkette blitzt. Kurzum: es wird, der Toten gedenkend, so vor sich hingeschlurft. Doch nur wenige Wochen später steht man helle erleuchtet am Glühweinstand und das Leben ist wieder schön. Oder anders. Um diese Zeit herum spielen The Russian Doctors traditionell ein meist letztes Jahreskonzert in der Leipziger Frau Krause. Ohne Plakate, ohne Pressemitteilung, lediglich in den angeblichen „sozialen Medien“ verbreitet. Also dort, wo das Daumenkinoland zwischen Ponyhof und Abrissbirne regiert. Die Frage, die sich jedes Mal für die Doctors stellt, ist folgende: Wie voll wird es diesmal? Dass viele kommen werden, steht außer Frage. Aber passen alle hinein? Und reichen die Schnitzel?



Doctor Pichelstein betritt als erster das Wirtshaus des Glücks. Wo er schon mal da ist, baut er die Bühne auf. Support gibt’s in flüssiger Form. Chefdoctor König steht Maßkrug bereit. Schon jetzt sind die meisten Tische besetzt. Wer schlau war, bestellte eine Vorhut in die Krause hinein. Besorgte Anrufe: „Gibt es noch Schnitzel?“ werden knapp mit „natürlich“ beantwortet und schon strahlen sich Fürst Fedja und Doctor Makarios ins Wirtshaus hinein. Aus der Küche hört man's klopfen, da kann der Soundcheck bald losgehen. Mister Sascha Waldfrieden und Mister Peter Krause-König machen Witze. Es müssen um die 20 sein, zwei davon sind haften geblieben (die anderen waren auch nicht schlecht). Aber Witzebehalten ist eine Zier, die nicht jedem vergönnt ist. Das ist wie mit den Sprichwörtern, die sich nach jedem Schnapsglas leicht verändern.


In der Metzgerei.

Kunde: „Ich hätte gerne 200 Gramm Leberwurst von der groben fetten.“

Metzger: „Geht nicht, die hat heute Berufsschule.“


Im Restaurant.

Sie: „Ich muss Dir was gestehen, Schatz, ich bin farbenblind.“

Er: „Ich muss Dir auch was gestehen, Schatz, ich komme gar nicht aus Gera, sondern aus Guinea.“



Nicht nach und nach, sondern schwallartig füllt sich der Saal. Einzelne sind kaum auszumachen. Wittenberg, Oranienburg, Teschendorf, Markleeberg, Torgau, Wismar, Berlin, Dresden, Magdeburg uvm. schickten Gemarkungsvertreter. Der Leipziger Pratajevsüden ist fast vollständig versammelt, auch Nord- und Westlinge tragen randvolle Krüge überm Holzboden spazieren. Schnitzel dampfen, Schnäpse tanzen und „Schlagzeuger und Linksaußen haben alle einen laufen“, sagt wer am Doctoren-Tisch mit weisem Lächeln. Langsam wird’s Zeit, sich gen Bühne zu trollen. Eines der CD-Intros auszusuchen, es zum Player zu tragen, um die Pratajev-Showtime anzukündigen, fällt aus. Es gibt einfach keinen freien Weg mehr, die Krause ist brechend voll. Also los mit „Wodka Wodka“. Der Reigen ist samt Kollabiergelegenheit eröffnet.


 

Gleich zu Anfang des Sets wird wild bis desaströs getanzt und mitgesungen, so dass Makarios im Konzertpart „Landleben“ einen Flüssigpreis für den besten Vorsänger und/oder Publikumsgitarristen auslobt. Um es vorweg zu nehmen: An diesem 02. Dezember 2016 wird Stephan Schreiter (Sektion Torgauer Brückenkopf) in den highligen Doctoren-Orden aufgenommen. Für den derart genial und fehlerfrei vorgetragenen Gitarren- wie Sangespart „Gefesselt“ gibt es am Ende vom Lied eine Flasche Kräuterschnaps aus dem Hause Kaktus. Wohl bekommt’s.


Bis zur ersten Pause fließen, die Putzfrau hat es später überschlagen, 2,5 Liter Doctorenschweiß durch die Frau Krause. Pichelstein, beherrscht vom Adrenalin, fliegt samt Gitarre durch Rausch und Zeit. Makarios brettert auf einer Pratajev-Harley stimmlich durch die Versammlung der Enthusiasten. Vor der Eingangstür scharren noch mehr Menschen mit den Hufen. Ein wirres Wartezimmer an kühler Abendluft. In der Pause wird davon etwas hineingelassen. Fürst Fedja lässt sich zu einer forschen Bulbash-Verkostungsrunde hinreißen. Das muss sein, denn ab heute steht das Feuerwasser aus Minsk auf der Krause-Trinkerkarte.



Leichten Fußes starten die Doctoren ins Prä-Pausenabenteuer, beladen mit Geschenken, vielen demütigen Dank dafür. Zweifelsohne: Pratajevs Geschichten kennen kein Verfallsdatum, die Eskalation der Kabale regiert. Frei nach Wittgenstein könnte umgewandelt werden: „Pratajev ist alles, was der Fall ist". Und so ist noch einiges in der Pipeline bis Doctor Makarios nach der vierten oder fünften oder zehnten Zugabe fluchtartig von der Bühne springt und sich hinter einem großen, imaginären Gänsebraten versteckt. Pichelsteins Beine lahmen, er kommt nicht hinterher, hockt in der Ecke und schnaubt. Was soll er machen? Vorne schreien sie den schnellsten Erlenholzgitarristen wieder auf die Bühne, bestechen ihn mit Schnaps. Es muss sein, Solo wird Liedgut vorgetragen. „Schau mich nicht so an“ und einiges mehr. Beinahe, und das wäre ein glatter Fehler gewesen, den er mit einer weiteren Bühnenhalbstunde hätte bezahlen müssen, rutscht ihm noch Arbeiterliedgut á la „Die Internationale“ raus. Doch, nein. Pichelstein beißt sich auf die Zunge, wirft das Plektrum in die Menge und versteckt sich ebenfalls hinter einem imaginären Gänsebraten. Kraft weit geöffneter Augenringe nebst Denkerstirn fällt ihm nur noch ein: "Gut gemacht, Eigenlob muss sein". Und DANKE, liebes Krause-Volk. Wir sehen uns zum Open Air im Frühjahr wieder.

 


Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 18. Dezember 2016 um 15:30 Uhr
 
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