The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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24. Juni 2017, Dresden/Elbhangfest I PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 24. Juli 2017 um 17:24 Uhr

Zöge ich Arme und Beine ein,

könnt’ ich eine Kugel sein (369)

 

Frisch frisiert

Da hat man Chancen

Frisch frisiert

Da kriegt man Avancen


Conny Cocker

 


Adieu, Pirna-Liebethal. Während heroische Wanderer dem Jungbrunnen aus frischer Luft und drohendem Wirtshaus entgegenstreben, geht es für den Pratajev-Tross auf Sightseeing-Tour über Bad Schandau nach Dresden. Ausgewertet wird der Abend, dann die Nacht. Schöne Unterkunft, ein wunderbares Frühstück schloss sich an und niemand trug eine Insel auf der Hose davon. „Zöge ich Arme und Beine ein, könnt’ ich eine Kugel sein“, dichtet Fürst Fedja still vor sich hin. Nach „Schlaf dich reich oder schufte weiter“ wird die Münzuhr am Schandauer Elbufer gefüttert, schnurstracks geht’s Richtung „Nice View“. Gemeint ist der historische Personenaufzug, der neben einem weiten Blick übers Tal einen lustigen Personenaufzugführer in petto hat. Eine wahre Stimmungskanone, die intellektuelle Unterstufe bis ins hohe Alter bewahrend, aber lustig. Mit „Oh, drei Rocker, Du liebe Güte“, beginnt der verbale Rundumschlag des nebenan in einer Gartenlaube hausenden Mannes. Und mit einem „Immer schön was essen, da bleibt man stark“ endet die Auffahrt. Einskommafünf Minuten können recht lang sein. „Der hätte auch Frisör werden können“, sagt ein Doctor zum anderen. Und: „Wir hätten ihn fragen sollen, ob er schon jemals in seinem historischen Personenaufzug verprügelt wurde.“



Oben gibt es Luchs. Nicht auf der Speisekarte, sondern im Käfig. Und Kaltgetränke. Doch weil die heißen Gerichte hier mutmaßlich in der Sodbrennerei gekocht wurden, fällt der kulinarische Hammer später auf das Schlemmer Eck in der Bergmannstraße 2 nieder. Klöße! Gulasch! Eibauer dazu, all das. Sucht man in Leipzig lange und nicht selten vergeblich. Oft wird ein Gesicht wie Omas alter Wischmopp gemacht, wenn’s wieder nur irgendeine Sauerei aus World-Food gibt.

 

Getreu der fedjaschen Kugelpoesie geht’s anschließend zurück zur Tourschmette, dann ohne Umwege zum Elbhanghotel: einchecken, liegen, Fingerpflege für Doctor Pichelstein, Augenpflege für Doctor Makarios, Fürst Fedja beliefert Vodka-Kundschaft, gegen 18 Uhr soll die Feuerwache erreicht sein. Klappt alles wie am Schnürchen, tata, die jahrelangen Sympathieträger des Elbhangfestes sind wieder dort, wo der Moment größer als man selbst ist: An der Feuerwache! Ein frisch erblühter Durst breitet sich zwangslos aus und ein eben erst aus Russland heimgekehrter Senior verliebt sich in die Marke Bulbash. Nastrovje! Schnappatmung! "Trinkt, heute seid Ihr Russen", ruft er. Dem Mann jetzt klar zu machen, dass noch eine Bühne aufgebaut werden muss und früher Schnapsverzehr zu gewissen Bewegungsstörungen führen kann, ist völlig sinnlos. Bleibt nur die Flucht nach vorn. Sie endet après Soundcheck vorläufig am Grillstand.



Dass heute mal kein Sommergewitter einen herrlichen Regenbogen an den Elbhanghimmel malt, dürfte ein Novum sein. Trockenen Fußes und voller Tatendrang gehen die Doctoren pünktlich gegen 20 Uhr zum Alarmismus über. Die Stimmen sind geputzt, das Intro läuft, Pichelsteins Fingerpflaster sitzt: Es muss nicht sein, dass das Leben schlecht ist, weil schlechtes Leben nicht gerecht ist (…) Der Beginn des Konzert-Husarenstücks, des ersten Elbetages 2017 und wie eh und je steht ein textsicheres Publikum Pate, um Pratajev, dem Helden einer untergegangenen Landdichterwelt, zu huldigen. Der Senior tanzt an vorderster Front, sorgt für Bulbash-Nachschub, der ganze Platz wird (wie man im Sport sagt) „auf links gezogen“. Im Schein der gelben Mondprinzessin rückt zu „Als das Eis kam“ die Blaue Stunde näher und breitet ihr samtenes Kleid aus. Der letzten Schnapsbar folgt eine allerletzte, schließlich eine allerallerletzte. Noch ein Bühnenabgang für die Galerie, ein kollektiver Doctorenseufzer: Wie schön. Möge der Herzschlag der Zuversicht, auch im nächsten Jahr wieder hier zu sein, kräftig wummern.



Stunden später, unterdessen ist es tiefe Nacht, kommt es auf dem Hoteldach zu einer ungeahnten musikalischen Verbrüderung. Für die nächsten Runden Radeberger nebst Feuerwasser heißt es: Männerchor Sängerkranz Laucha meets The Russian Doctors. Musiziert wird abwechselnd. Zunächst stehen die Chorbrüder auf, schmettern herrliches Liedgut, dann weckt Pichelstein die Gitarre und ein kleines, feines Pratajev-Konzert setzt diesem eh schon goldenen Tag ein Krönchen auf.



PS: Zum Beweis - mehr Wolken gab's nicht

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 24. Juli 2017 um 18:02 Uhr
 
23. Juni 2017, Pirna-Liebethal/Jugendgästehaus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 23. Juli 2017 um 15:25 Uhr

Love Valley (368)


Liebethal ist ein Stadtteil von Pirna. Würden auf diesem kaleidoskopischen Leuchtturm der Wanderer und Sammler amerikanische TV-Serien gedreht werden, hieße der Ort beflissentlich „Love Valley“. Dafür müsste man nur die Bewohner austauschen, denn was da alles am Wegesrand skandalfrei hackt und furcht, ist keineswegs netflixverdächtig. Gut, es sei denn, die Kamerateams von „Brisant“ oder „Hallo Deutschland“ rücken an. Dann ist etwas ganz Furchtbares passiert - Vergleiche Pratajevs Weise: „Der Raucher von Bolwerkow“. Aber soweit soll es nicht kommen, wenn schon Kamerateams, dann mögen sie im Jugendgästehaus Feierlichkeiten einfangen. Genau dorthin kurven die Doctoren an diesem herrlichen Freitagabend, empfangen von einer jungen Damenwelt, die sommerlich gewandet nicht auftritt, sondern erscheint.



Gleich mehrere Geburtstagskinder taten sich in familiärer Bande zusammen und luden ein. Doch wer ist oder war zuletzt vom kalendarischen Stichtag betroffen? Bestenfalls schüttelt man jedem die Hand und nuschelt „Herzlichen Glückwunsch“. Doch dafür sind es zu viele. Flehentlich wird sogleich von höchster Seite geäußert, den mitgeführten Bulbash-Vorrat zu verdecken. Unter den Gästen sollen sich ein paar Schnapsdanebenbenehmer tummeln. Keine Begehrlichkeiten wecken! So wird auch die Frage, ob man später eine Flasche in den Kühlschrank stellen dürfe, stante pende nicht mit „Nein“, sondern mit „Um Gottes Willen“ beantwortet. Vorweggesagt: Ein stiller Konsum, verdeckt, wie in amerikanischen TV-Serien, ging am Ende durch und dass daran einige Gäste heimlich teilnahmen, führte nicht zum Anrücken der Kamerateams von „Brisant“ oder „Hallo Deutschland“. So ein Glück. Die Aussage eines honetten Herrn an der Frühstückstafel: „Ich war noch nie so nüchtern nach einer Feierei“, sprach Bände. Aber richtig – man kann auch ohne Vodka fröhlich sein. Und ist es auch gewesen.



Kaum ist die familiäre Fotosession vorüber, stromert Fürst Fedja um die reichlich gedeckten Kochgaben herum. Während sich die Tische darunter biegen, wächst der Hungerast. Der Soundcheck ist am Ende gleich mehrfach getan; Mister Mixer fing nach jeder Endeinstellung wieder von vorne an, bis Doctor Makarios schließlich „bitte nicht mehr dran drehen“ rief und endlich in Feuerstellennähe gefuttert werden darf. Ein Lob den Köchinnen, ein Dank an die Gastgeber. Das Leben als Russischer Doctor hat schon seine Vorteile. Rasch einen heimlichen Verdauungsschnaps, pssst, nicht so laut, dann rauf auf die Bühne. Pichelstein schaut ein wenig leidend, rammte er sich doch am Vormittag das Metall eines Aktendullis in die linke Zeigefingerkuppe. Damit war zunächst gar nicht gut „Griffe greifen am Gitarrenhals“ – doch dank einer Kombination aus Ibuprofen, Sprühpflaster, Bulbash (heimlich), Fixomull und Sekundenkleber wird’s irgendwie schon gehen.


Man muss nicht lange beifallheischend in die Runde blicken, die Familienbande ist sofort bei der Sache und lässt sich tanzend, feiernd auf die obskursten Pratajev-Geschichten ein. Die Reise beginnt in einem Rotarmisten-Keller, führt über eine Bierbar-Pause in den zweiten Block und endet schließlich mit der Zugabe aller Zugaben in ländlichen Regionen. Der „Raucher von Bolwerkow“ darf nicht fehlen und solange nur von ihm gesungen wird, möchte Liebethal weiterhin nicht „Love Valley“ heißen.


Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 23. Juli 2017 um 15:35 Uhr
 
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