The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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22. Februar 2019, Dresden / Waldbad Weixdorf PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 26. Februar 2019 um 20:46 Uhr

Unterm Orion (403)


Angeblich spielt ja das Februar-Wetter verrückt. Bloß weil die Russenpeitsche erst gegen Abend zuschlägt und man sich tagsüber nicht durch Schneewände graben muss. In Dresden-Weixdorf sind es bei Ankunft der Doctors knapp über null Grad, am nächsten Morgen wird die Gegend mit einer knackigen Eisschicht bedeckt sein, eine kalte, klare Nacht ihr bestes dazu beigetragen haben. Winter eben, nicht jeder Teich muss gleich zugefroren sein. Quakende Frösche, zirpende Grillen unterm Orion? Nö. Dafür rauchende Doctors in dicken Mänteln. Am liebsten würde man gleich mit meterlangen Schaschlikspießen aus der Küche ins kulinarische Gefecht ziehen, doch wie heißt es so ungerecht? Erst die Arbeit, dann volle Teller. Und so wird geschleppt, geackert, bis der Klang perfekt ist. Gerade als die ersten Gäste am Begrüßungswodka nippen, ist das letzte Soundcheck-Liedchen verebbt. Da die Doctors, außer bevor es ins Tonstudio geht, nie proben, ist meist der Soundcheck die Probe. Alte Kamellen, lange nicht mehr gespielt, und frische Bonbons reichen sich brennende Hände. Fürst Fedjas Job besteht zu diesem Zeitpunkt darin, den Tonmeister zu mimen.

 

Makarios: „Soll die Gitarre lauter?“

Fedja: „Nein! Leiser, ein ganzes Stück.“

Pichelstein: „Okay!“

 

Der Gitarrist dreht am Regler. Und kurbelt ihn nach oben. Ein wenig. Gitarristen sind so, jede Band kennt sie. Sie wollen immer die lautesten sein. Da frage sich noch einer, warum Doctor Makarios nach Konzerten immer so schön heiser ist. Genau. Weil ein Sänger zumindest einen µ (Mü) lauter als eine Gitarre sein muss. Alles andere wäre kaum im Sinne des Publikums.

 

 

Bald ist der Saal voll, dicht besiedelt sind Stühle und Tische. Alt und Jung hocken nebeneinander, das Ganze gemahnt an ein russisches Dorffest, in dem bald der berühmte Bär steppt. Fehlt nur noch Tschaikowskys 1. Quartett dazu, oder? Nein! Die Russian Doctors fehlen, dann ist alles perfekt an diesem Freitagabend. Sie stehen am Eingang, verkosten Rum, Gin, Bulbash und lassen sich zwischen Tür und Angel fürs diesjährige Dresdner Hechtfest verpflichten. Booking kann so einfach sein. Darauf noch einen, ja was denn? Egal. Nastrojve! Juhu, mit Schmackes hinein. Und noch eine rauchen, zum Orion hochblicken, Sterne schauen.

 

 

Wenig später: die eben noch Sitzenden haben sich größtenteils erhoben, einige ältere Semester pöbeln, sie wollen auch was sehen. „Bei Konzerten sitzt man doch.“ Ein Argument, das bei den Doctors nicht zählt.

Pichelstein: „Eins, zwei, drei, vier …“

Makarios und Pichelstein: „Da hält der Wind den Atem an …“

 

Los geht er, der Ritt durchs Pratajev-Universum und alle haben sich wieder lieb. Oft sträflich vergessene Titel rasen gleich zu Anfang durch den Saal. Cottbusserinnen wippen darunter mit den Hüften, Berliner Bären reißen Arme in die Lüfte, Dresdner und Innen tanzen gottbefohlen um die Schnapsbar. Textsicher und wunderbar. Mit leuchtenden Augen wie der Strahl von Millionen Sternen. Angenehm betrunken geht es in die Pause. Für 17 brandenburgische Minuten. Es ist Poesiezeit, Zeit für Zeilen aus: „Prumskis Erinnerungen an Pratajev.“

 

Pratajev betrat eine Bühne

Schon nach wenigen Minuten

Vollzog sich eine kollektive Übertragung:

Alle, vom kleinsten Kind bis zum ältesten Mütterchen, wollten so sein wie er

Schlagfertig, belesen, betrunken und intelligent

Stets war Pratajev umgeben von Menschen

Die ihm Gutes wollten

Die alles für ihn getan hätten

Weil sie wussten

Dass so einer nicht wiederkommt

Pratajev schien für sie unbesiegbar

Und erwiderte derlei Zuneigungen hemmungslos

Er musste sich nicht verstellen

Vor den Leuten war er ohne jeden Dünkel und ohne jede Scheu

Endlich war da einer

Der etwas Gutes nicht nur versprach

Sondern auch verschenkte

Der das Glück in Worte kleidete

Nur ein Beispiel:

Es gibt so viel Übles, so viel Banales auf der Welt

Lasst uns diesen Mist jetzt vergessen

Lasst uns trinken, feiern, lachen

Und überhaupt

Wieso ist mein Glas schon wieder leer?

 

 

Zurück auf der Bühne stellt sich diese Frage nicht. Nach jedem Schnapslied lockt der Nachschub, geht’s weiter im Set. Fürwahr, sogar eine Luxusbiene ist wieder dabei. Aus schwarzer Nacht hört man von draußen die Weixdorfer Rüsselhunde bellen und das Laub der Sträucher rollt sich vor Kälte zusammen. Wie schön, dass der Ofen heizt, man drinnen ist und … verdammt … die Zugaben immer näherkommen. Soll das heißen: „Das war’s für heute, Doctoren? Nicht noch eine Schnapsbar? Eine Tasche-auf-Tasche-zu? UND: Was ist mit HACK?“

 

Alles wird erfüllt. Nach so drei Stunden muss es gesamtgesehen gut sein für heute. Herrlich. Vor Rührung tropft Fürst Fedja sogar schon aus der Nase.

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. Februar 2019 um 21:49 Uhr
 
12. Januar 2019, Weimar / Appenrodt Weinhandel PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 22. Januar 2019 um 20:39 Uhr

50 Jahre Conny Cocker! Was für ein schönes Rosenfest! (402)


Hinaus in den nasskalten 12. Januar, Tschüss, Dorint-Hotel Chemnitz. Der bereits gestern Nacht beladende BMW wird für einen Zwanziger aus der Tiefgarage ausgelöst, noch ein paar Mal durchschnaufen, dann nichts wie nach Mechelroda. Nie etwas von diesem verträumten Dorf südlich von Weimar gehört? Nachts, bei Vollmond, kann man hier Goethe, Schiller und Pratajev auf einem goldenen Einhorn reiten sehen. Aber nur im Stadium angemessener Trunkenheit. So, jetzt sind diese beiden Sätze in der Welt, werden millionenfach gegoogelt, und schon habt ihr den Salat, liebe Menschen in Mechelroda: Touristenströme! Busseweise! Dann wäre kein Platz mehr für die Russian Doctors im über 200 Jahre alten Wirtshaus gleichen Namens, sprich: im „Goldenen Einhorn", der Krönung aller Thüringer Kloßwelten.

 

Verkostet werden beeindruckend große Klöße an Gänserücken mit Rotkraut. Zuvor gab es Soljanka und Eierflockensuppe nach „Großmutters Art". Nachspeise: Rote Grütze, natürlich (!) mit Vanillesoße. Jammjamm, wie lecker. Will man DAS hier mit einem Stopp bei McDonalds, der totalen Endstation des Menschseins, vergleichen? Nein. Apropos: Was läuft eigentlich in Sachen McKloß?

 

 

Nach dem Mahl rollt der unförmig gewordene Pratajev-Tross zum Tourauto zurück, das nächste Ziel ist das nächste Dorint-Hotel, und das steht in Weimar. Zwei Stunden Siesta halten, bis Conny Cockers 50. Rosenfest im Appenrodt Weinhandel zur Kür des Tages ruft. Also: Wurstbürsten raus, Zähne putzen, Wintersport im TV, Augen zu, schick machen, Käffchen an der Bar schlürfen, dabei geriatriefarben angezogene Touristen beobachten, lostuckern.

 

 

Noch recht rammdösig im Kopf erreicht man die Lokalität, begrüßt wird der Wirt, geherzt wird der Anlassgeber nebst Entourage. 50 Jahre Conny Cocker! Dafür wurde sogar Suppe gekocht, mit Möhrchen drin, die gibt's später im Backstage. Die Freude darüber ist groß, dass Special Agent Dale Coopers Twin Peaks-Bühne soundcheckbereit in festlichen Farben strahlt.

 

Bereits nach kurzer Akklimatisierung klingt alles toll und der rote Vorhang ist einzigartig. Ja, er verleiht dem Appenrodt Weinhandel Berliner Volksbühnenflair. Möge der Abend voller Wunder sein! Vorweggenommen: Er wird voller Wunder sein. Niemand, aber wirklich niemand, wird zumindest in Weimar einen besseren Abend erleben. Wer Conny Cockers Rosenfest verpasst, ist für immer gezeichnet. Denn Conrad Hoffmans Duktus ist die Vielfältigkeit. Mal verkörpert er die musikalische Naturgewalt am Bass von „Die Art“, mal ist er bestückt mit Sehnsuchtsmotiven der Marke „Beringsee“. Und heute? Ist er Conny Cocker und auf massiven Schlagerpfaden unterwegs. Jeder Refrain wird mit Bulbash begossen und die Russian Doctors dürfen den Abend mit „Wiege deinen Rumpf“ eröffnen. Es folgen dreißig Minuten Pratajev. Es regnet Titel, die sonst auf der Setlist ganz hinten stehen. Das Publikum feiert, als hätte Makarios bereits die Hitkanone ausgepackt und Pichelstein den Gitarrenauslöser gedrückt.

 

 

Dann ERSCHEINT CoCo auf der Bühne. Dann kommen sie. Conny und Ronny. Conny am Mikro, Ronny an der goldenen Gitarre und keine Beschreibung, nicht der klügste Dichter russischer Zunge, vermag es, die folgenden knapp zwei Stunden Gigantenstadl in Worte zu kleiden. Das Publikum dreht frei. Es regnet Rosen und Schlüpfer. Beim Lied „Im Heim“ fliegen Pampers - nur die Werfer sind voll. Hui, wie herrlich und mancher drückt sich eine Träne ab, denn im Schlager steckt Wahrheit. Jede Menge Wahrheit.

 

 

Nach der letzten Zugabe spielen die Doctors ein brachiales Hit-Set, und natürlich muss es mit einem Conny Cocker-Cover starten, mit der „Luxusbiene“. CoCo, Makarios, Pichelstein und der ganze Saal voller Menschen, alle singen den Refrain:

 

Du bist eine Luxusbiene

Und wenn ich noch so gut verdiene

Ich zahl dir keine Brust-OP

Denn du, du hast schon Doppel D

 

+++ Gerne selbst zur Gitarre greifen und das Lied der Liebsten vortragen. Die Akkorde lauten: F und C, die Spätfolgen sind nicht absehbar und werden von keiner Versicherung getragen +++

 

 

Was noch? Ja, was geschah alles noch? An diesem Abend voller Wunder? Wenn man es wüsste, könnte man es aufschreiben. Wenn man es nicht mehr weiß, ist es auch nicht schlimm. Jedenfalls wäre Doctor Pichelstein am nächsten Morgen gerne liegengeblieben, im Dorint-Hotel Weimar. Doch soll es später, nach quälendem Hin- und Her, heimgehen. Was würde man jetzt für einen Schlafanzugtag geben? Die beginnen bekanntlich schleichend und sind zunächst vollkommen harmlos. Doch dann zieht man den Schlafanzug nie wieder aus.

 

 

 

Gastfoto 5 mit Dank an Claudia Weingart

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 22. Januar 2019 um 21:42 Uhr
 
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