The Russian DoctorsTheRussianDoctors

tour_tagebuch
29. Juli 2017, Dürrröhrsdorf-Dittersbach OT Elbersdorf/Garten am Rittergut PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 30. Juli 2017 um 17:35 Uhr

Ein Hallo ans Personal! (372)

 

Ein Hallo an die Sonne! (Ausruf eines müden Regentänzers) Konnte man in den vergangenen Tagen durchaus mit Goldfischen Gassi gehen oder doch besser: schwimmen, darf nunmehr wieder kurzzeitig über die Hitze geächzt werden. Im klimatisierten VW-Diesel wird das Land fröhlich verpestet, die Doctoren verreisen in die unendlichen Weiten des Elbersdorfer Waldes. Unerwartet gesellte sich der eigentlich verhinderte Fürst Fedja kurz vorm Start hinzu, sehr schön, denn komplett brilliert es sich am besten. Im Radio wird aus unteren Fußballligen berichtet. Erstaunlicherweise lassen sich auch beim Sprechen über die Spieler Aalens oder Lottes dieselben Attitüden wie im Oberhaus ins Mikrofon zaubern. Da ist von „schlachterprobten Denkmälern“ die Rede, von „Haudegen“, auch der „Heißsporn“ darf nicht fehlen. Man möchte es den Buchmachern der „Monster des Alltags“ gleichtun und etwa den „grasfressenden Teufelskerl“ als beschriebene Karikatur sehen wollen. Vielleicht so: Ein auf dem Rasen herumziehender harter Arbeiter mit einem Urwald auf den Unterarmen und einer reichlich verarmten Mimik. Emotionale Verstopfungsprobleme will er mit der Aufnahme von Gras lösen und gerät so beständig in diarrhöische vs. logorrhöische Zustände, die in einem draufgängerischen Emotionsharakiri münden können. Flüche wie „Scheiße“, „Verdammt“ und „Jesus“ bestimmen sein Leben. Nie wird er den sogenannten „Sprung“ zur Weltspitze schaffen. Um ins Reich der Fußballgötter zu gelangen, ist der „grasfressende Teufelskerl“ einfach nicht schlau genug. Außerdem beleidigt er ständig Jesus.



Ein Hallo ans Kaufland zu Pirna! (Ausruf der Doctoren nach 30 Minuten zähfließenden Baustellenverkehrs) Dort wird ein Signierstift erstanden; Gastgeber Uwe bestellte einen halben Karton Russian Doctors-Tonträger und die werden nun wie verabredet unterschrieben. Weiter geht’s, die Navigerätschaft ist für den Schlippenritt zum Elbersdorfer Rittergut scharfgestellt. Es wartet: das Empfangskomitee, ein imaginärer roter Teppich, eine jubelnde Dorfbevölkerung in Persona des ehemaligen Technikers der Gruppe Electra (unverwüstlich: „Die Sixtinische Madonna“, „Tritt ein in den Dom“, „Der grüne Esel“ feat. Kurt „Zungenkuss“ Demmler). Dann rein in den guten Garten, der Festanlass wird mannigfaltig beschrieben, u.a. geht’s für den Gastgeber bald in die verdiente Pension. Während bereits mit Kaltgetränken versorgte Doctoren die Bühne spielfähig schrauben, erkundet Fürst Fedja die Unterkunft. Ein umliegendes Fachwerkhaus anno 1809, sehr behaglich, Pichelstein wird sich spät in der Nacht darin noch an den Song „Beim Bücken“ erinnern müssen – denn um 1809 waren die Hausbewohner eben keine 1.89 m groß.



Ein Hallo ans Personal! (Ausruf einer Gästin beim Sichten der Doctors und der Kellner) Unterm Festzelt füllen sich die Bänke, das Dorf scheint vollzählig und erwartungsfroh versammelt. Pratajevs Erben fallen festen Händedrücken anheim. Die Igursker Weise „Wenn beringte Frauen dir die Finger brechen wollen, geize nicht mit einem Lächeln“, gilt. Schon bald soll das Buffett um die hochdekorierten Grillmeister und Inhaber des Wildschweinscheins I. Klasse eröffnet werden, kurzen Worten des Willkommens sollen wenige Kulinarik-Lieder folgen. Doch da die Caterer Sicherungsausfall und Verzögerung anmelden, startet gleich der Konzertblock.

 

Ach, wie schön. Bereits nach den ersten Trinkliedern fließen Bier, Wein und Schnaps in pratajevscher Eile die Kehlen hinunter. Promille statt Kamille! Die Kellner und Kellnerinnen kümmern sich rührend. Gleich zu Anfang werden Gassenhauer wie „Tote Katzen im Wind“ eingefordert, das akustische Pratajev-Lagerfeuer sorgt immer wieder für überbordendes, etwa wenn von Ratten, Schleim am Arm oder vom plötzlichen Kindstod nach dem Besuch eines Holzkarussells die Makarios-Rede ist. Und weil man auf dem Land spielt, darf der böse „Raucher von Bolwerkow“ nicht fehlen. Also: Augen auf bei der Partnerwahl. Ein Daumenhoch der Caterer folgt nach 1,5 Stunden Konzert: das Schmausen kann beginnen, die Schnapsbar darf verklingen.




Ein Hallo zur zweiten Runde! (Ausruf Dr. Makarios) Die „Feldmänner“ leiten sie ein, mit vor Freude flirrenden Stimmen werden die letzten Tisch-Schwatzenden zur Raison gebracht. Noch einmal Vollgasmodus für die Doctoren. Bestens mit Treibstoff versorgt, spielt sich das Set mit frischem Kräuterausdemwald-Atem unter blauem Himmel. Ein paar Nacktschnecken greifen Pichelsteins Ersatzgitarre an, andere schleimen sich an warme Stromverteilerdosen heran. Neben dem Gitarrestimmen, Trinken, Zug von der Zigarette nehmen nun also auch noch Nacktschnecken entfernen. Man hat zu tun auf der Bühne, singt und spielt sich einen Rausch an, der erst endet, als das Frotteehandtuch im Schweiße trieft und die letzte „Tote Katze“ besungen ist. Nun auf zur zweiten Futterrunde, auf zur Schlacht am guten Geschmack und Danke, liebe Gastgeber. Es war uns ein Fest.


 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 31. Juli 2017 um 17:32 Uhr
 
01. Juli 2017, Markleeberg-Gaschwitz/Reuters Radlerhof PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 26. Juli 2017 um 18:21 Uhr

Unter Schwalben (371)


Man könnte eine ganze Horde Statistiker zur Auswertung der bis dato 370 Doctors-Konzerte beschäftigen. Kaskaden an Erinnerungen! Wie viele Kontingente Schnäpse wurden zur Bühne gebracht? Welche Tour-Tankstelle bot die schlechteste Bockwurst feil? Spannend wäre es auch zu wissen, wie viele Privatpartys, all die Geburtstage, Hochzeiten und Diplomfeiern, auf der Habensein stehen. Müsste man mal durchzählen. Das 371. Konzert an Reuters Radlerhof (diesmal wird im Innenhof, auf dem Gelände der ehemaligen Centralhalle in Gaschwitz gespielt) ist wieder auf „privat“ gestellt und hält ab sofort den Altersrekord eines Geburtstagskindes. Ein Sechzigster mit Gurke und Blumenkohl! Gurke? Kohl? Bis heute ein Insider. Der Gratulant schwieg sich darüber aus, obschon der halbe Ort mit seinem Konterfei plakatiert wurde.

 

 

Kurz ist die Reise von Leipzig nach Gaschwitz an diesem nieseligen Samstagabend, Wirt Herbert, eben erst aus der Neuen Welt zurückgekehrt, ist bester Laune. Auf dem Plasmaschirm wechseln sich Urlaubsfotos ab. Gerne würde man als Phlegmatiker einem Vortrag drüber lauschen, doch die Arbeit ruft. Erste Gäste trudeln ein, am Bierfass heißt es schon auf Hyper-Denglisch „The Snake is long“ und da weit und breit keine Roadies zu sichten sind, schleppen und bauen die Doctoren von der Förmchenbande allein auf der Bühneninsel. Darüber fliegen die Eltern Schwalbe erbeutete Motten ins Nest. Der Nachwuchs kreischt völlig verzückt: Motten? Machen groß, stark und verleihen Flügel. Rasch ein Soundcheck, der DJ kommt auf Chemie Leipzig-Socken daher und damit er die Doctors später sonor ankündigen kann, wird ihm ein Mikrofon kredenzt. Ja, die DJs dieser Welt machen es sich leicht. Zack, Laptop auf, Verstärker und Boxen dran, Knopf gedrückt, fertig. Musiker haben es da mit ganz anderen Sujets zu tun, verbrennen dafür auch mehr Kalorien und können deshalb so viel essen, wie sie wollen. Gerade wird das Spanferkel geliefert.

 

 

Alles futtert, trinkt und lacht, was liegt da näher, als der heutigen Pratajev-Revue per Starterklappe Beine zu machen? Mit dem „Lob des Schweines“ geht’s los, der „Löffel aus Holz“ schließt sich den „1.000 Nudeln“ an. Erstaunlicherweise wird gleich mitgesungen, geschunkelt, man scheint die Doctoren bereits bestens zu kennen und natürlich wird Bulbash unters Schwalbennest geliefert. Viel Bulbash! „The Snake is long again“ - die Schlange der Spendierfreudigen reißt vor der Bühneninsel nicht ab. Pichelstein spielt mit jedem indoktrinierten Schluck schneller, Makarios löst die Fallstricke nippend. Mahnende Worte, den Gitarristen doch am Leben zu lassen, verhallen und so ist es Impresario Fürst Fedja, der schützende Hände ausbreitet und manchen Becher bis zur Pause rettend verzehrt.

 

Kaum ist der „Rotarmist“ anschließend verklungen, geht’s weiter wie gehabt. Pratajev, oh, Pratajev, so muss es in den 1950er-Jahren im Rovtlovensker Rajon zugegangen sein: Wild und schwach auf der Lunge schwindet langsam die blaue Zunge. Als Makarios in den Zugaben über die „Schlotternden Knie“ Richtung finaler „Schlager-Schnapsbar“ einbiegt, finden sich mehr als zwei Stunden Konzertreise in den Annalen wieder. Das Publikum, die Doctors, Wirt Herbert und Herr Gurke-Blumenkohl sind eins mit der Welt an diesem Geburtstag der Wunder und Sensationen. In wenigen Wochen spielen die Doctoren anlässlich einer Pensionierung in der Sächsischen Schweiz. Hm. Je älter, somit ehrbarer die Anlässe, umso mehr wird gesoffen. Und das ist auch gut so.

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 26. Juli 2017 um 19:07 Uhr
 
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