The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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23. Juni 2018, Halle/Privat in der Kulturhalle, im Industriegebiet Nord PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 26. Juni 2018 um 19:34 Uhr

Public Jubeling (391)


Kälteschock im Juni. Um satte zwölf Grad sanken die Temperaturen in der vorvergangenen Nacht. Glaubt man den Katastrophenforschern, scheint die Versteppung ganzer Landstriche, scheinen Durst, Hunger und Not mit dem aufziehenden Regen fürs Erste ad acta gelegt worden zu sein. Weil gut zweikommafünf Wochen lang die Sonne schien. Man mag sich kaum ausmalen, was sich wiederum Katastrophenforscher ausmalen, wenn die Sonne (wohlgemerkt an der Schwelle zum Sommer) satte dreikommafünf Wochen lang fett zu scheinen geruht? Wüste Gobi droht Brandenburg zu erreichen? Letzte Oase: Cottbus? Auch im Industriegebiet Halle-Nord hat es ordentlich geschüttet.

 

Trotz alledem: Eine Flucht vor dem Regen ist es nicht, die den Doctoren-Tross hertreibt. Obschon Leipzig an diesem Wochenende wirklich keinem zu empfehlen ist. Über zwei Tage lang immigrieren 80.000 Flüchtlinge Open Air zu den Pendants der Lieben Tanten. 84.000 suchen Trost und Heimat bei Helene Atemlos Fischer. Großstadtflair hat seine Tücken, der sympathische Nachbarort Halle ist manchmal sehr zu beneiden. Smiley.

 

Nun, Matthias und wer noch feiern dort Geburtstag. Genauer: in der Kulturhalle an der Döckritzer Straße, im Industriegebiet Nord. Das immer verrückter werdende Navigationsgerät (neulich hieß es noch A14, jetzt: Autobahn eins-vier) meint es insgesamt gut, wählt den schnellsten Reifentöterweg über Panzerstraßen und Kopfsteinpflaster und führt den BMW gerührt und geschüttelt ans Ziel.

 

 

Sogleich wird die Bühne bebaut, soll doch vorm Konzert das erste Schicksalsspiel der „Die Mannschaft“ geheißenen deutschen WM-Elf gegen Schweden über die Leinwand flattern.

„Komisch“, sagt Pichelstein. „Schweden ist doch schon Weltmeister.“

„Ja, beim Eishockey,“ insistiert Makarios. Das ist Fußball.“

„Ach!“

 

Routiniert basteln die Doctoren am Sound. Testhörer Fürst Fedja reckt nach kurzer Weile den Daumen in Topmanier in die Luft. Wird auch Zeit, denn am Smoker draußen wendet man Schaschliks. Die Salatbar ist bereits überproportional befüllt und steht der Schnapsbar in nichts nach. Es wird geschmaust und dann Fußball geschaut. Unfassbare Dinge geschehen, die einen ratlos durch den Raum wandern lassen. Schweden führt nach einer Flanke des Greifswalders Toni Kroos 1:0. Verhunzter Mist! Marco „Was soll ich mit dem Führerschein?“ Reus stolpert den Ausgleich über die Linie. Jérôme „Imelda Marcos“ Boateng, der Mann, der angeblich 650 Paar Schuhe besitzt, fliegt gelbrot vom Platz. 95. Minute. Die Stimmung in der Kulturhalle ist am Boden, Deutschland zu diesem Zeitpunkt aber sowas von raus aus dem Kreis der Achtelfinal-Aspiranten. Ein Doktor spricht mit einem Hauch von Traurigkeit zum anderen: „Sieht ganz so aus, als müssten wir gleich nur Balladen spielen.“

 

 

Doch! Sekunden vor Schluss kennt der Jubel keine Grenzen. Bindegewebe verbindet! Die Doctoren pusten Luft nebst Grillbröckchen von den Backen durch die Zähne. Der Abend, an dem Toni Kroos aus der DDR das 2:1 gegen Schweden schießt, findet seinen krönenden Beginn im gleich danach folgenden Konzert der Russian Doctors. Das Public Jubeling geht nahtlos weiter mit glücklichen Gesichter, mit Cheerleader-Kindern, die jeden Song in der ersten Reihe vergolden. Bis manche von ihnen erschöpft, direkt vor einer PA-Box, auf Iso-Matten gebettet werden. All das ist wahrlich herrlich anzusehen, man wünscht es sich viel öfter. Danke an dieser Stelle! Auch sonst: Niemand sitzt mehr, schließlich ist das hier keine Justizvollzugsanstalt. Doctoren auf der Bühne, Bulbash in der Blutbahn: Was kann es schöneres geben? Pichelsteins Finger platzen vor Speed, Makarios‘ Stimme donnert mit voller Wucht und Elan durchs Industriegebiet. Zwei Stunden später, auf eine Pause wird verzichtet, hält der Wind den Atem an. Draußen tröpfelt es aus Wolken-Prostatae heraus und nach der letzten Zugabe plus Schnapsbar ist das Konzert zu Ende gespielt. Oder so: Aus, aus, aus, das Konzert ist aus. The Russian Doctors sind Weltmeister!

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 27. Juni 2018 um 20:26 Uhr
 
15. Juni 2018, Pirna/Stadtfest PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Donnerstag, den 21. Juni 2018 um 18:40 Uhr

Koala, Panda & Co (390)


Neuer Rekord! Satte dreikommafünf Stunden dauert die Fahrt von Leipzig nach Pirna, was nicht daran liegt, dass ganz Sachsen auf dem Weg zum hiesigen Stadtfest ist. Nein, die Schuld daran tragen Baustellen, allesamt ohne einen einzigen Bauarbeiter mit Helm, Kippe und Teerfass in Sicht. Freitag ab eins macht jeder seins. In diesem Punkt, aber nur an diesem Tag, ist der Deutsche mit dem europäischen Südländer gleichzusetzen. Die Sonne brennt auf die Erben Pratajevs herab, als die sich an einer Umfahrung aus dem Auto schälen und rauchend am Straßenrand lustwandeln. 12 Dorf-Ampelphasen später sammelt Fürst Fedja den Maka und den Pichel wieder ein. Weiter geht’s, auf zur Hutbühne Pirna, dem inoffiziellen Stadtfestmotor an der Langen Straße 15.



Inoffiziell deshalb, weil Pirnas Stadtväter und Mütter die Bühne samt Feierpark in diesem Jahr nur dulden. Vorab fanden zähe Treffen samt eines langen Email-Verkehrs zwischen Veranstalter-Messias Ulf und den Großkopferten statt. Nachdem sich ein „Okay“ für die Hutbühne erstreiten ließ, folgten kasernierende Auflagen wie diese hier: Lautstärkepegel? Nicht mehr als 55dB. Aha. Dazu sollte man wissen: Ein durchschnittlicher Rasenmäher schafft locker 70, ein Güterzug, der hinter der Bühne frisch gezapfte Autos aus Tschechien transportiert: 110dB. Ungefähr so laut ist die Ballermann-Bühne in Pirnas Fußgängerzone. Mit einem 55er-Wert ließe sich ergo kein Punkrock produzieren. Da müsste man schon Psychonaut sein und sich ohrstöpseln lassen. Doch Ulf wäre nicht Ulf, wenn die Tastatur mit ihm nicht zum Äußersten gehen würde. Eine letzte Email, allen Unkenrufen zum Trotz und recht knapp vorm heutigen Tag aus dem Rathaus eingetrudelt, strich die 55er-Marke zumindest bis Mitternacht. Sehr freundlich, danke dafür.



Satte dreikommafünf Stunden dauert auch der Soundcheck aller musikalisch Sachverständigen. Die Technicusse Koala, Panda & Co müssen darin regelrecht angefeuert werden, damit DI-Boxen, Kabel, Mikrofone an eklatanten Stellen platziert werden. Auch scheint das allerwichtigste Krönungsmerkmal einer Soundeinstellung, beschriftetes Tape, nicht vorhanden, respektive unleserlich verfasst worden zu sein. Merke: Mit Edding gemalte Ziffern machen die Arbeit am Pult wertvoller als Blutdiamanten. Für Unbedarfte sieht das so aus: Kanal 1: E-Gitarre, Kanal 2: Geige, Kanal 3: DI-Box I (…) Nächste Spalte: Kanal 1: Monitor rechts, Kanal 2: Monitor links usw. usf. Liegt ein Fall für Schizophrenow vor, dem Arzt, dem Pratajev vertraute? Ist die Angst vor Zahlen ausgebrochen, im Fachjargon Arithmophobie geheißen? Ja, es gibt im Formelkreis spezifischer Phobien wenig, was es nicht gibt. Besonders schmerzhaft ist etwa das Letterbox Syndrome. Betroffene schaffen es darunter nicht mehr, den possierlichen Briefkastenschlüssel in die Hand zu nehmen und den Postkasten zu leeren. Ein Gang zum Schafott! Das Ding kostet mehr Nerven als jeder andere Mensch und Gegenstand. Hilflos trabt man drumherum, vernachlässigt sein Äußeres (Minus-Syndrom) und wird am Ende völlig entkräftet ins Meisenhaus geschickt.


Doch nun, zurück zu Koala, Panda & Co. Vorweggesagt sei dies: Kurz vor der Showtime waren die Soundchecks durch, Makarios sang probeweise für den abtrünnigen Grüßaugust-Robert (vom quirligen Strudel des Stadtfestes verschluckt). In die E-Geigensaiten griff ein älterer Herr, eine Zufallsbekanntschaft, eigentlich ein Cellist. „Hier, Dein 29 €-Ding,“ wortwechselte er mit dem wiederaufgetauchten Robert. „Hm“, dachte der sich und insistierte: „Das Ding hat vor Jahren geschenkte 5.000 Pfund gekostet.“



Um 20:30 starten die Doctoren. Nach dem „Rotarmisten“ schreckt Pichelstein Koala, Panda & Co kurzfristig auf: „Ihr müsst schon die Mikros aufdrehen, wenn Sänger dahinterstehen. Das reimt sich sogar.“ Gesagt, getan. Doch, was soll’s? Schließlich befinden wir uns nicht auf einer perfekt geschminkten, sehr hysterischen Helene-Fischer-Traumreise. Außerdem schmecken die Bulbash-Drinks während des Konzertes vorzüglich und die weiße Wurfratte vom gestrigen Konzert blinzelt in die Sonne. Nach 45 nassgeschwitzten Minuten unter tosenden Pratajev-Gewittern übergibt Makarios den Staffelstab an Conny Cocker und Ronald Goldgitarre. Somit an die Sehnsucht, die Wünsche und Träume, an die kleinen Lichtreisen zum inneren Selbst, denn es heißt: „Baby, bitte bleib“. Und Pirna ist bereit. Bereit für den Marathon der Liebe. Connys erster Auftritt auf echtem Elbsandstein mit Gras und Holz drauf. Neben einem satt tragenden Kirschbaum, der einst aus dem Garten der Lüste hierher verpflanzt wurde. Mit vollster Verneigung goutiert das umherstromernde Publikum die Show D'Amour.



Dann wird es hart. Doctor Jeans am Schlagzeug, Doctor Makarios mit elektrisierendem Blick am Head-Mikrofon, Doctor Pichelstein an der roten, dieselbetriebenen Gitarre: „Wiege Deinen Rumpf“. Der Opener zu einer weiteren The Russian Doctors-Oper, diesmal in Punk auf 120 dB. 10 dB lauter als die Güterzüge! Die Schnapsbarbühne wird zur Kampf-Destille; man erspäht von oben Fürst Fedja, der im Rund mit immer größeren Tabletts jongliert. Darauf glänzt Wodka Bulbash den samtenen Glanz des Gerechten. Ein großes Konzert wird‘s, hernach stapft man nass wie nach einem Dampfbadbesuch, matt und erschöpft von der Bühne. Und die gehört zur Blauen Stunde jetzt einzig und allein Grüßaugust aus Berlin-Rostock.


Der weitere Verlauf des Abends und der näher rückenden Nacht liegt im Nebel. Mal gibt’s Drinks in einer Katakombe, mal welche auf der Hofnacht-Terrasse. Wen es schlussendlich vor fünf in der Früh ins Bett zieht, wer nicht in Redseligkeit versinkt, der findet sogar noch eins.


Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 21. Juni 2018 um 20:00 Uhr
 
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