The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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19. Januar 2018, Dresden/Alte Feuerwache Loschwitz PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 22. Januar 2018 um 21:32 Uhr

Lasst die Katze nicht rein (381)

 

Ein Freitagnachmittag, die Sonne blendet, ist dem baldigen Untergang geweiht. Mit dramatischer Eleganz streichelt Fürst Fedja die frisch restaurierte und auf Glanz gewienerte Motorhaube. Vollbrachte darauf doch jüngst ein Fahrradfahrer sein Beulenwerk. Davon ist nichts mehr zu sehen. Man könnte jetzt verträumt Seen umwandern, bräuchte indes ob der baren Kälte wegen eine Thermoskanne Glühwein dazu. Oder ein Wirtshaus. Stattdessen geht es nach Dresden-Loschwitz. Bald dunkelt es; als die Raste Hansens Holz verlassen wird, muss Doctor Pichelsteins Lektüre (Max Goldt: Lippen abwischen und lächeln) zur Seite gelegt werden. Weit vorher präsentierte Doctor Makarios eigens produzierte, steakbehangene Gourmet-Leckereien. Hatte Fürst Fedja doch tags zuvor verkündet: „Bockwurst müssen wir an der Tanke gar nicht bestellen, die gibt’s in der Alten Feuerwache.“ Lustvoll biss man in die mit Meerrettich bestrichenen Gaumenspalter hinein.

 

Nach dem Einchecken in die Pension Maria (Herbergsvater: „Vorsicht beim Aufstieg, der gestrige Sturm hat einen Großteil der Außenbeleuchtung zerstört... und lasst die Katze bloß nicht rein“) fährt Fedja noch ein paar Meter, schon ist die Feuerwache erreicht. Ein nahezu vertrauter Ort, Stichwort: Elbhangfest, und zwar bei Wind und Wetter. Dort, wo das Open Air sonst verortet ist, parkt der BMW. Drinnen die Bühne aufzubauen, sich dem Soundcheck hinzugeben, ist ein leichtes Unterfangen. Der Verzehr des ersten Kaltgetränkes dauert länger, zum Pläsier um sich greifender Sauflaune bietet sich Bulbash an. Und: Fürst Fedja sprach wahr, die Bockwürstchen sind da. Angerichtet an Spreewaldgurken nebst Brotaufstrichen mit Knoblauchknollen drin. Pro Aufstrich eine Knolle. Das ist gesund, durstig macht es auch, und führt schließlich zur gepriesenen Idee, Pratajevs Weise „Da hält der Wind den Atem an“ ins Programm nehmen zu wollen.

 

 

Nachdem bereits vor zwei Wochen der Bolschoi-Dichter M. Kruppe im Elstergebirge am doctoresken OP-Tisch assistierte, folgt heute ein neuerlicher Streich dieser Art. Die heutige Pratajev-Rezitatorin heißt Walissa Rabota. Sie trauert ein wenig ob der Abwesenheit des Lesepartners Boris Kreml, lehnt aber trostspendende Schnapszufuhren ab. Schon jetzt sei gesagt, auch solistisch war’s toll, liebe Walissa, denn wahr ist, was der Doctor spricht, alles andere glaube nicht. Es gab übrigens in der ganz frühen Pratajev-Neuzeit (um die sogenannten Nullerjahre herum) Abende, an denen auf der Konzertbühne sogar gekocht wurde. Da wohnte Doctor Pichelstein noch in Münster, zog mit Punkbands auf Weserbergland-Tournee, und hatte kein so schönes Tourleben wie nun mit den Russian Doctors.

 

 

Ach ja! In den Backstage-Räumen ergoss sich der Alkohol aus Damenstiefeletten in den Mund, unbeschwert wurde hinterher das Mobiliar zerlegt, wenn das mehrköpfige Wellness-Team die dorthin zurückwankenden Musiker zu spät in Empfang nahm. Kleiner Scherz, so war es eher: Man ließ sich vom Wirt – und das war das Höchste der Gefühle, meist wurde im Auto genächtigt – in den Clubs einschließen und bekam als Gage eine Kiste Oettinger Bräu plus fünfzig Mark Spritgeld. Aber nur, wenn der Abend gut gelaufen war. Bei lediglich zehn zahlenden Gästen versklavte man die Musiker weiter. Im Höchstfall rückte eine mürrische Volksküchen-Verfechterin noch je zwei papierne Bierbons raus. Die Weise vom Fröhlichen, dem jedes Unkraut eine Blume ist, gehörte halt schon immer scheel belächelt. Andererseits wird auf die beschriebene Art und Weise dem reisenden Musiker Weltschmerz eingebläut. Er ist fortan problemlos in der Lage, tränenrührende Bitternis in Texte zu kübeln und später beim Vortrag derselben auszuschauen wie der Sänger der Band Sisters of Mercy. Was wiederum zu großem Ruhm mit Damenstiefeletten im Gesicht führt.

 

 

Als der Saal bis auf den letzten Platz vollbesetzt ist, bitten die Russian Doctors zur Showtime. Das erste Set wird ein Ritt in frühe Jahre, vom „Rotarmisten“ hin zur trunkenen Trauerweide „Mich wundert gar nichts mehr“. Walissa Rabota übernimmt das Ruder, im Sturmwasser folgen die Docs bis zur rauch- und trinkgeschwängerten Pause. Die Aufsicht obliegt der harten Wirtin, ihres Zeichens Neumitglied eines Dresdener Metal Clubs. „Jeder Schluck“ beendet das Intermezzo. Nach einer finalen Lesereise werden Schweine geschlachtet und ah, wie schön: gefürchtetes Holzlöffeltrommelfeuer brandet auf. Eine Hand voller laut ramenternder Kochgerätschaften wird gezählt, die Feuerwache tanzt, Bulbash fließt zur Bühne. Mit feuerfester Stimme führt Makarios durchs Programm, Pichelstein, der Wiedergänger Anatoli Prumskis, strotzt in bester Tradition nur so vor Positivität. Die Gitarrensaiten halten, die nasse Frisur sitzt. Der Abend ist gelungen, und wer nach der finalen Zugabe nach weiterer Heilung strebt, bleibt einfach an der Schnapsbar stehen.

 

Später, die Bühne ist abgebaut und der Doctoren-Tross hat sich festlich in der Pension Maria eingerichtet, huscht eine Katze ins Haus und versteckt sich unterm Ehebett im Zimmer Fedja-Pichelstein. Fürst Fedja träumt. Er träumt nicht die sonst üblichen kunstvoll boshaften Dinge, nein, von einer Katze, die ihn minutenlang anstarrt. Nun werden ja bekanntlich nicht alle Schlafträume wahr, dieser aber schon.

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 22. Januar 2018 um 22:06 Uhr
 
06. Januar 2018, Eschenbach/Kunsthaus Eigenregie PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 08. Januar 2018 um 21:09 Uhr

Mega und Giga (380)

 

Matschwinterwetter. Der Morgen dämmert nicht, er bleibt im Geburtskanal stecken, und ehe man sich versieht, wird’s windelvoll Nachmittag. Gebückt, wie ein alter Priester beim Kommunionverteilen, schleichst du durch einst sinnlich-buntbilde Landschaften. Nur um eine Heizung zu erreichen, einen Hort der Wärme und Güte. Als das Tourauto an der Shell-Tankstelle im Gewerbegebiet Eula West 1 stoppt, just dort, wo ein Aufsteller auf die erklecklichen Dienste des Bornaer Möbelkaufhauses „Die Schramme“ (Subtitel: „Hochwertige Qualitätsmöbel mit zu EXTREM reduzierten Preisen“) hinweist, sind es vom Ausstieg bis zum rettenden Bockwursterhitzer wenige Meter. Und dann sind die Würste auch noch kalt. „Wer konnte mit sowas rechnen?!“ Die ketchup-senffarben beschürzte Tresendame ist außer sich. „Wir hatten gerade einen Ansturm und jeder wollte eine heiße Bockwurst.“ Das Gewerbegebiet Eula West 1 verfügt scheinbar über Einträge im Guide Michelin der Fernfahrer.

 

Nachdem Fürst Fedja die darob versteinerte Mine mitsamt Senftüte und Serviette zum Müllschlucker trägt, Makarios (seit Tagen gehört‘s zum guten Ton) eine Conny Cocker-Zeile rezitiert, wird die Reise fortgesetzt, werden Metropolen hinter sich gelassen, bis der weiblichen Navigationsstimme im Oberen Vogtland nur noch Gebietsverzeichnungen einfallen. Kurz hinter Oelsnitz ist die Zuordnung von gewohnten Straßenabschnitten ("Meisenweg", "Bundesstraße XY") vollends passé. Das hört sich so an: „Von der K751-irgendwas jetzt rechts auf die K654-irgendwas abbiegen.“ Hase und Igel? Fehlanzeige. Dafür jede Menge Rüsselhunde auf Spielwiesen, die sich als Weltrekord-Übungsgelände für das Durchrasen von Kontinenten oder Staaten eignen.

 

 

Das Kunsthaus Eigenregie wird schließlich erreicht, abgeschieden in der Natur gelegen. Ein wahres Ziel, eines, das man sehr gerne erreicht. Von außen noch Stillleben, von innen bereits künstlerisch bevölkert, ofenwarm. Draußen riecht es nach Schnee, drinnen nach später gepriesenen Kohlnudeln. Geherzt wird Herbergsvater Mario. Käsekuchen, es gibt Käsekuchen und Quarkbällchen zum Kaffee am Küchenkachelofen.

 

Mit dem Eintreffen des Vollmonddichters M. Kruppe aka Sergeant Ron Miller, formally known as Ronny Müller (verfügt über eine begnadete Lesestimme, die nach wenigen Gläsern einem Mitternachtswolf jedwede rauchige Herdennoblesse abläuft) ist der Kulturtross komplett. Gebeten wird zum Bühnenbau, zum Soundcheck, zur Schnapsbar, zum Rauchen. Bis aus dem Galeriesaal ausschließlich feinste Töne zu vernehmen sind. Es ist also angerichtet, mitten im Elstergebirge, und binnen kurzer Zeit ist kein Stuhl mehr frei. Konzert Nummer 1 des Jahres 2018 vermeldet: „ausverkauft“ und das noch bevor die erste Flasche Bulbash leergetrunken auf dem Tische liegt.

 

 

Makarios führt den Pratajev-Kahn rein ins Fahrwasser, Pichelstein rudert mit der Erlenholzgitarre gen offene See. Der Kampf gegen den Durst zieht ungebrochen Bahnen, die Doctors starten mit dem „Rotarmisten“. Sie führen das Publikum durchs russische Landleben und so nimmt der Abend große Fahrt auf. Abwechselnd mit M. Kruppe am Lese-Operationstisch, abwechselnd mit großen und kleinen Gläsern in den Händen. Pratajev wird zelebriert, gefeiert. Dass es darunter keine wollende Unterwäsche auf die Bühne herabregnet kann passieren.

 

Mit brachialromantischer Sinnlichkeit trifft Musik auf Kunst, Bulbash auf Gläser, treffen sogar Ukulelen auf Gitarren. Jeder im Saal weiß es: Hier findet sie heute statt, einzig hier, im Kunsthaus Eigenregie: eine Verkettung glücklicher Umstände. Solange man nicht hier ist, ist man definitiv am falschen Ort. Keiner will zur Pause - mit all den brandenburgischen Minuten und Interludien - gehen. M. Kruppe gibt noch einmal, trinkt hernach noch einmal alles. Ebenso die Doctoren. Zugaben. „Da hält der Wind den Atem an“, „Schnaps und Weiber“, „Der Bauch“, dann raus an die Schnapsbar mit Gesang, Spiel und Tanz. Ja, die Plakate des Abends sprechen bis zur tschechischen Grenze wahr: Mega und Giga!

 

Danke, lieber Mario, danke liebe Ines. Danke, liebe dreifarbige Glückskatze in der Old School. Es war den Doctoren ein Fest, das den nächsten Tag lange überdauerte.

 

 

 

 

Bild: Dreifarbige Glückskatze (!)


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 09. Januar 2018 um 07:51 Uhr
 
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