The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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10. März 2018, Wotufa, Nacht der Legenden/Neustadt an der Orla PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 12. März 2018 um 19:05 Uhr

Die Welt ist alles, was der Fall ist: Sei trunken (385)

 

Tetris mit Fürst Fedja und Doctor Pichelstein: fürs nächste Halbgötter in Punk-Konzert wird der BMW bis unters Dach beladen. Glücklicherweise passt Doctor Makarios plus Kultursack am Ende noch rein. Wodka-Punkrock ist schwer, benötigt viel Stauraum und das in gleich zwei Automobilen. Der rote Hundefänger mit Doctor Jeans am Steuerbord ist an diesem Samstagnachmittag bereits unterwegs. An dem, oh Zauberlehrling fein, die Sonne scheint. Diesmal sogar recht kräftig. Vorbei möchte er sein, der grimmige Winter mit seinen abgeknabberten Feldern. Ja! Es ist zum Unkrautpflücken, Blumen müssen erst noch wachsen.

 

Das Ziel der Reise ist Neustadt an der Orla, dort wird seit Mitte der 1990er-Jahre in der ehemaligen Kantine des VEB Woll- und Tuchfabrik Kultur geboten. Meist sind Rock und Blues Trumpf, also befinden wir uns in einem unweigerlich DDR-Charme versprühendem Areal, in einem Mekka der Bierglasarmeen Nordthüringens (Reserve-Einheiten). Neustadt an der Orla, das sollte man geflissentlich erwähnen, klingt ein bisschen wie Neustadt an der Weinstraße, sieht aber komplett anders aus. Während Neustadt an der Weinstraße durchs Geld der Gourmettouristen vor Wohlstand nur so platzt, verirrt sich kein Neckermann-Bus zur Krötenwanderung oder auf einen Ponyhof nach Neustadt an der Orla. Noch nicht! Die sich ans Städtchen schmiegenden, zartrunden Tafelberge würden etwa österlichen Ritualfreunden durchaus gefallen. Man muss pralle Eierkörbe nicht erst in Jena vorzeigen. Von Gera wollen wir nicht sprechen, denn Gera ist ein Fall für sich. Ein letztes erwähnenswertes Positivprodukt sind die vielen Schlachtfeste in den vielen leckeren Gaststuben des Saale-Orla-Kreises. Drinnen ist kein Gemüse vor den Köchinnen sicher, kein Tier, aus dem sich nicht ein Sößchen zum Klos schmurgeln lässt. Empfohlen wird die Glückskatzen-Pensionsschenke „Zur Einkehr“ im Dörfchen Strößwitz. Hier werden die Doctoren später nächtigen.

 

 

Der Sandow-Soundcheck läuft, die angekündigte „Nacht der Legenden“ befindet sich in menschlichen Testphasen. Die meisten davon finden im obst- und erdnussflipstütenübersäten Backstage statt, der ansonsten einer Wartehalle Gestrandeter auf dem Weg zum Hades gleichkommt. Jacken, Rucksäcke und nochmals Rücksäcke liegen verstreut auf der von Artenreichtum befallenen Sofa-Fauna herum. Dem Herrscher über die unterirdischen Gefilde würde es gefallen. Testen wir also heute u.a. mit zu dieser Stunde noch unbekanntem Ausgang: die legendäre Zufuhrwirkung größerer Mengen Wodka Bulbash auf Standfestigkeit. Eine #metoo-Kampagne, dem wunderschönen, weil lebensbejahenden Sandow-Titel „Sei trunken“ entliehen. Auf geht’s zum Soundcheck. Die Techniker rufen, die Pizza-Schedule Variance (gemeint ist die absolute Differenz zwischen dem geplanten Anliefertermin und dem tatsächlichen Verzehr) hinkt bereits mächtig hinterher. Kurzum: Schnell fertig werden, Hunger. Das klappt dann auch, und so gelingt es Legenden-Impressario M. Kruppe pünktlich den ersten Programmpunkt auf die Bühne zu stellen. Gezeigt wird der Film „Flüstern und Schreien“. Regisseur Dieter Schumann drehte ihn von 1985 bis 1988 für die DEFA, gemeinsam mit Sandow-Frontmann Kai Uwe Kohlschmidt folgt eine locker mikrofonierte Gruppentherapieeinheit. Anekdoten geben sich die Klinke in die Hand, der Wotufa-Saal füllt sich. Wie damals in der Schule sind immer jene zuerst da, die von weiter wegkommen. Etwa aus Salzburg, womit der Preis für die weiteste Anreise heute virtuell gerecht verteilt ist.

 

 

Die schwere Schule der Geduld hat Ferien. Punkt 21 Uhr stehen die Erben Pratajevs wodkagestählt auf der Bühne. Es nebelt, es leuchtet, als „Der Rotarmist“ das erste Set eröffnet. Er stampft aus dem Keller und fliegt nur so himmelwärts. Vorbei an Feldmännern, geschleimten Armen und langen Haaren. Er verlangt nach Heilung, hat Durst, Fürst Fedja ahnt es von Ferne. Von dort, wo die allererste Vinylplatte der Russian Doctors im Magazin so wunderbar leuchtet. Er eilt herbei, die Augen blitzen, adrenalingesättigt, mit roten Wangen. Noch rasch den „Bulbash-Song“ akustisch vollendet, schon sind sie zu dritt, die Doctoren. Das nächste Schlachtfest möge beginnen. Nachtschattengewächse und Glühwürmchen tanzen mit, zu „Wiege deinen Rumpf“. Ein Mann mit einer Kapuze in einer Art Kampfanzug eilt unversehens herbei und muss Doctor Makarios herzen. Wotufa, du wahnwitziges Happy House, bereit für eine Verkettung glücklicher Umstände.


 

 

Dargeboten werden sämtliche Punktitel der neuen Platte. Von "Sie küsst" über "Hack" bis zum "Forest of Jokes". Die Show endet mit einer (natürlich) schnapslastigen Zugabe. Sandow wird das Feld überlassen, schweißnass lehnt man sich zurück. Ein Rosenbier in der linken, einen Wodka in der rechten Hand. In der Mitte einen Edding zur Mundunterschrift. Die ersten limitierten, nummerierten Doctors-Platten (rotes Vinyl) wandern in die Taschen der Raritätensammler. Auf der Bühne heißt es: Crunch Time. Unter wildem Krakeelen erreicht die "Nacht der Legenden" ihren Höhepunkt. Und ja, es ist vollkommen richtig: Sandow-Songs sind mehr als Songs, das sind Maßstäbe für jeden. Um es auf Wittgenstein anno 2018 zu münzen: Die Musik ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

 

Getreu dieser Worte schlagen die Uhren weiter und zerhacken jede Menge schöne Zeit. Drum wollen wir Wittgenstein ein letztes Mal aus reinster Seele bemühen: „Die Welt ist alles, was der Fall ist." Wenn damit auch bloß ein gering bestückter Karton Wodka gemeint ist, den Fürst Fedja stolz und erhobenen Hauptes morgens um drei die Treppe hinunter, zurück ins Auto zu tragen gedenkt. Das Testergebnis der Standfestigkeit liegt bereits vor, es pendelt im deutlichen Minusbereich. Glücklicherweise kommt niemand zu Schaden.

 

 

...mit einem (zuvorderst) Riesendank, versehen mit der Schnapspraline am Band: M.Kruppe

 

Bilder: Herr B. aus C., Simon Silver, Corvus e.V.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 12. März 2018 um 21:16 Uhr
 
03. März 2018, Wittenberg/Irish Harp Pub PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Donnerstag, den 08. März 2018 um 18:57 Uhr

Die Natur erobert Sachsen-Anhalt zurück:

Bei Coswig, ein Elch (384)


Kulinarisch herausfordernd ist die Weiterreise nach Wittenberg. Zuletzt werden dampfende Currysaucen auf Grillopfern in Pappschalen verteilt. Nicht umsonst besteht das klassische 6-Gänge-Menü in Sachsen-Anhalt aus fünf Bier und einer Wurst. Da streikt der Fürst Fedja, zeigt auf den Grill und kriegt einen Rappel: „Holzkohle! Ich will keine Holzkohle!“ Niemand beobachtet die Welt halt so kunstvoll boshaft wie der Wodkartell-Boss. Mühsam gelingt es Makarios und Pichelstein den liebsten Tourmanager mit einem leckeren Schuss Sarkasmus bei Laune zu halten: „Warte ab, gleich kriegst du einen Teller vom Araber mit viel Knoblauchsauce und Kraut. Denn niemand wird uns um diese Zeit ein Wildschwein braten.“ Fürst Fedja hadert mit dem Schicksal eines gelernten Hammer- und Sichelkochs, der er einmal war.

 

Wittenbergs Gassen sind beinahe menschenleer. Wäre da nicht der Gästestrom, der sich frierend auf den Weg in Richtung Irish Harp Pub in der Collegienstraße aufmachen würde, könnte die Stadt ruhig schließen. Zwei Ausnahmen bestätigen die Regel. Zum einen wollen wir den bereits zur frühen Abendstunde völlig betrunkenen Radfahrer nicht vergessen, der in Höhe Schlosskirche einen um Sylvester herum vergessenen Luther-Böller aus dem vietnamesisch geprägten Grenzgebiet hochgehen lässt. Die kalten Hosen früh zu Bett geschlichener Hoteltouristen fallen ob des Lärms glatt vom Kleiderdiener. Luther! Luther! Fürst Fedja fragt: „Ob die hier auch Luther-Puller anbieten? Für teures Geld gegen Siechtum und was noch alles?“ Zum anderen fallen junge, kunstpelzbejackte Mädchen auf. Sie huschen wie vom Funkloch verfolgt über den Kopfstein und verschwinden in der Vollmondigkeit. Neulich wurde in der Nähe, bei Coswig, ein Elch gesichtet. Ein Elch! Die Natur erobert Sachsen-Anhalt zurück. Erst waren es beißende Biber, dann zogen Wölfe ein, fehlt nur noch der erste Braunbär. Junge, kunstpelzbejackte Mädchen würden bei so einer Begegnung aus dem Naturkundeunterricht dann gewiss sagen: „Total swaggy! Guckt mal da, so ein niedlicher Bär.“ Danach würden sie nichts mehr sagen. Ein Bär ist eben kein Nymphensittich, schaut er noch so sympathisch drein.

 

Was macht man zur Begrüßung in einer irisch anmutenden Gaststätte? Richtig. Zur Schnapsbar gehen, Kilkenny, Guinness, Whiskey on the Wasauchimmer ordern, den Chef begrüßen und warten, bis die Bühnenecke frei wird. Fedja ist heute der Schorlenmann, nach dem Konzert soll es zurück gen Leipzig gehen. Was gut ist, so schafft es Pichelstein noch pünktlich und ausgeschlafen zum Eishockey am Sonntagnachmittag.

 

 

Après Soundcheck geht’s speisen zum eingangs erwähnten Araber. Vielleicht ist der Mann aber auch Inder, jedenfalls kein Chinese. Das sieht man sofort. Flink saust das Messer über die Spieße, zwei vollgekübelte Teller sind letzthin kaum zu schaffen. Einer schon, der gehört Fürst Fedja. Ungeachtet dessen füllt sich das schmucke Irish Harp-Stübchen, wie aus dem Nichts tauchen immer wieder wetterverpackte Menschen auf. Als der nun arg nach Fritte muftende Pratajev-Tross zurückkehrt, möchte man glatt das Konzert ankurbeln. Zwei Kaltgetränke später fällt der Hammer.


 

Tragischer Start: „Als das Eis kam“, denn noch immer schleckt die Russenpeitsche durch die Gassen, erwischt Biber, Elche, Wölfe und Luthertouristen. Viel lieber würde Makarios „Als der Frühling kam“ anstimmen, doch das wäre ganz und gar unangemessen und vor allem schlichtweg weit hergeholt. So bleiben falsche Frühlingsgefühle aus, rasen die Docs durchs Set, heimsen Beifall und Erstaunen ein. Und natürlich: traditionell löst auch in diesem Jahr der Fetischblock in Wittenberg besonderes Entzücken aus. Was das bevorzugte Kochen von Mahlzeiten durch geschulte Frauenhände betrifft, hm, da sieht die feministisch angehauchte Lage ganz vorne an der Bühne kritischer aus. Doch, Makarios kann es nicht oft genug durchs Mikro sprechen, spielt die Geschichte Pratajevs in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in den Weiten Russlands. Da gab es keine Kaffeestuben-Damen, die sich mit den Künsten ihrer zuhause putzenden und kochenden Gatten brüsteten. Nur soweit bekannt, der Tourtagebuchschreiber lässt sich diesbezüglich gerne belehren.

 

Nach der ersten Schnapsbarpause ist vorm zweiten Konzertblock, weiter geht’s, die Kellnerin läuft um ihr Leben. Die Menschen haben Durst und Fürst Fedja kann heute keine Fotos machen. Die Kamera liegt auf der Bühne. Darauf eine weitere Schorle und noch eine bis in den Zugaben (natürlich und vor allem) der „Raucher von Bolwerkow“ wild und röhrend gefordert wird. Der Weg ins Herz vieler (männlicher) Fans führt eben über den Mord an einer misanthropischen Ehefrau. Doch Obacht, er führt in der letzten Strophe glatt ins Gefängnis. Drum: seid lieb zueinander, und wenn es zuhause schlimm wird, folgt dem Durst, auf ins Wirtshaus, das Irish Harp ist viel gemütlicher als eine Zelle. Mögen dort auch noch so viele bunte Bilder, natürlich aus der Ergotherapie, an der Wand hängen.

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 08. März 2018 um 20:18 Uhr
 
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