The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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14. Juni 2018, Leipzig/Westbahnhof, WM-Festival der Demokratie PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 20. Juni 2018 um 18:00 Uhr

Nowitschok! (389)

 

Donnerstag, halb fünf in Leipzig. Die Russian Doctors schauen sich ein Fußballspiel an. Und was für eins: Russland gegen Saudi Al-Arabien. Dazu wird Bier gereicht, fehlt nur noch eine Schale, aus der man Kekse klauben kann. Vorher wurde der Plagwitzer Westbahnhof zu einer WM-Enklave gestylt, zu einer Pilgerstätte für den besonderen Livestream-Fan (Handys aus, sonst bricht die FIFA-Flatrate zusammen). Besonders die Auswahl stramm von der Decke hängender Mannschaftsflaggen lässt auf satten Augenweiden Gras wachsen: Angola, Nordkorea, Mozambique usw. Allesamt an fiesen WM-Hürden gescheitert.

 

VB

 

Kurzum: Der Westbahnhof ist jetzt eine Sepp Blatter-Arena. Die Spiele der WM 2018 werden live und schonungslos mit stimmlichen Glockenklängen begleitet. Denn: Weil der Mensch gut informiert werden wollte, schuf der Fußballgott den Kommentator. In den Westen Leipzigs entsandte er die Herren UwÖ Salisbury Brückner und Matthias Iljitsch Uhlitsch. Sie schnabulieren süßen Krimsekt und natürlich fließt im Publikum jede Menge Bulbash Wodka. „Nowitschok!“ (das neue „Na sdorowje“). Lieferant Don Kosak Förster huscht Freude darüber ins Gesicht. Makarios und Pichelstein, noch von einem schalen Senfwind umweht, waren bereits weitschweifig fleißig. Die Bühne steht, losgehen kann das heutige Konzert nach dem fünften Tor für Russland. Noch steht es 3:0, noch hält der Tipp des Makarios. Lange schon ist Fürst Fedja draußen. Dem Team aus 1.001ner Nacht einen 1:0-Sieg ans Bein zu flicken, war doch recht mutig gewesen.

 

Tja, die WM in Russland. Im Reich des Bösen. Zu gerne würde Verteidigungsministerin Ursula Gertrud von der Leyen mit gepanzerten Leoparden einfallen. Das blondgestrichene Haar im Wind und eine großkalibrige Junikäfer-Sonnenbrille dabei auf der Nase. Denn der Russe ist böse, rassistisch, fügt Schmerzen zu, und will der restlichen Welt ein Blutbad aufzwingen. Nur auf dem Planeten Wobani, im Mittleren Rand der Galaxis, geht es beileibe noch schlimmer zu. Der Russe säuft aus Schweinetrögen abgestandene Schnaps-Lorken und stürmt mit einem Messer, ach was, mit einer Axt zwischen den Zähnen auf Westeuropa zu. Puff, das war’s mit der Zivilisation. Darauf einen Wodka und „Nowitschok!“ gerufen. „Auf die Familie!“ Tja, und potzblitz ist WM. Alles ist friedlich, die optische Frauenschwarmtäuschung Robbie Williams auf Koks, und dennoch wird man sagen: Kalkül, Manöver, potemkinsche Dörfer.

 

AS

 

„Uschi Gertrud, schmeiß den Leo an!“

„Geht nicht, der fährt mit Diesel, überall Umweltzone Euro-Norm. Die Grünen! Die Grünen!“

„Nimm den E-Panzer!“

„Der ist nicht geladen, Braunkohle weg. Die Grünen! Die Grünen!“

„Von wegen! Die Roten! Die Roten! Da ist der Russe schuld!“

Glücklicherweise! Und die Grünen! Die Grünen! So fällt der nächste Weltkrieg aus. Kleiner Exkurs. Aber nun, das Konzert der Doctoren, darum soll es eigentlich gehen.

 

as

 

Während das Volk auf Bänken verharrt, vereinzelt noch gegen die Plaste-Torwand geballert wird, schleicht sich der Rotarmist in frisch geputzte Gehörgänge und schon kommen die Pratajev-Goldstandard wie aus der Kalaschnikow geschossen. Wirkliche Höhepunkte: Eine weiße Plüschratte fliegt auf die Bühne (toll! Das gab es noch nie), Kleinkinder tanzen zu „Tote Katzen im Wind“ (toll! Eigentlich fangen Kleinkinder bei diesem Lied immer an zu weinen, oft schon erlebt), gewünscht wird im Zugabenblock die „Pferdelunge“ (toll! Warum will diese Weise sonst kaum einer hören? Running Doc Pichelstein braucht ab und zu eine Ballade, sonst kann er während des Spielens weder rauchen noch trinken) und zu guter Letzt: Schnapsbar! (toll! Muss Erwähnung finden, da es jetzt erst gegen neun Uhr am Abend ist). Drei reichlich Trunkene schaffen kaum mehr den Weg an die frische Luft. Merke: viel Wodka macht den Abend kurz, wenn es nichts zu essen gibt. Keine Grundlage, nur eine Schale Kekse. Und so war es von vornherein geplant.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 20. Juni 2018 um 19:32 Uhr
 
21. April 2018, Leipzig/Neues Schauspiel PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 25. April 2018 um 20:29 Uhr

Techniker haben für jede Lösung ein Problem (388)


Wer morgens frühstückt hat sein Leben im Griff. Außer Chuck Norris. Der frühstückt abends. Eine alte Weisheit nicht nur aus dem Musikerleben. Gilt sowohl für Heim- als auch für Auswärtsspiele. Heute ist ein Heimspiel und zwar am bisher heißesten Tag des Jahres. Grillschwaden ziehen nachmittags über eine Freifläche im Leipziger Westen. Sollte man den Jungs und Mädchen dort zurufen, dass das Areal, auf dem einst kontaminierter Bauschutt, Lacke und Farben aus der angrenzenden ehemaligen Baumwollspinnerei abgekippt wurden, dafür bedenklich ist? Ach nee, weiter geht’s im VW Diesel zum Proberaum. Ärzte konsultiert man bekanntlich immer erst dann, wenn der Ofen fast aus ist. Die Russian Doctors sind dafür nicht zuständig und haben überdies anderes zu tun. Für die Halbgötter in Punk-Variante soll noch geprobt werden. Doctor Jeans feuert die Regler hoch, setzt sich ans Schlagzeug, und alle legen los. Gut einskommafünf Stunden später ist das Neue Schauspiel in Lindenau erreicht, warten die sanften Qualen des Bühnenaufbaus, gekoppelt an einen nie enden wollenden Soundcheck.


 

Zwischendurch werden Kaltgetränke verteilt, Mundschenk Fürst Fedja gibt sein gekröntes Bestes. Conny Cocker, der mit dem goldenen Ronald an der gleichnamigen Gitarre anreiste, wird geherzt, steht doch heute für den Schlagergott am Gefühlshorizont das erste Auswärtsspiel an. Anfang des Jahres besuchten die Doctors bereits die Weltbühnenpremiere des Bratwurstkönigs von, respektive in Weimar, heute begrüßen sie den Freund aller Binnenschiffer und Luxusbienen als Attraktion zum 15-jährigen Bühnenjubiläum. Denn das steht über allem auf der Agenda und ganz dicke sogar in der Leipziger Volkszeitung. 15 Jahre, in denen stetig neue Rekorde aufgestellt wurden. Meist in Sachen Gitarrengeschwindigkeit, Vodkaverzehr oder geblitzter Autos. Was die Länge der Soundchecks betrifft, dauerte der schlimmste bisher eine Stunde und 30 Minuten. Heute wird dieser Wert locker um weitere 30 Minuten gesprengt.

 

Betrachtet man den sattsam bekannten Satz „Techniker haben für jedes Problem eine Lösung“ diametral, kommt nach philosophischen Gesetzmäßigkeiten stets das Gegenteil dabei heraus. Mehr soll dazu gar nicht gesagt werden – am Ende klingt der Sound ja auch toll – doch die Sache schlaucht schon sehr und die unbekannte Verpflegungsofferte im Backstage rückt nicht näher. Nein, sie schwimmt wie ein Kreuzfahrtschiff (auf dem wir Conny Cocker gerne einmal wochenlang erleben würden) immer weiter weg. In ferne Länder, fremde Kontinente, ach ja. Denn, wie bereits anfangs erwähnt: Wer morgens frühstückt hat sein Leben im Griff. Außer Chuck Norris. Der frühstückt abends.



Aufatmen! Es ist kurz vor Publikumseinlass gegen 20 Uhr. Die Verpflegung im Backstage erweist sich als gegrilltes mit niedrigem Fleischfaktor. Mit wirrem Haar und ohne Sonnenbrille taucht Pichelstein späterhin in die bereits anwesenden Zuschauermengen hinein. Es wird gestikuliert, gewunken, gerufen. Pichelstein ist gezeichnet vom Soundcheck und vom Grillkäse am Salatblatt. Da kann Fürst Fedja noch so viel Bulbash ausschenken, es hilft nicht.

 

Erwähnt werden muss an dieser Stelle: Pichelstein ist ohne sehgestärkte Sonnenbrille ein Stevie Wonder ohne schreckliche Lieder. Nicht böse sein, wenn er nicht sofort zurückgrüßt. Man soll ja auch nicht immer sofort drauflos winken, vielleicht ist gar ein anderer gemeint. Die Kurzsichtigen wurden für den Nahkampf ausgesucht. Die Weitsichtigen führen sie in die Schlacht und mit einer 1-Eurobrille auf der Nase gelingt es ihnen sogar eine Karte vom Schlachtfeld zu lesen. Erkannt werden aber, haha, Kollektive im Ganzen: Die Naturbäcker, Hallo! Die Pratajev-Fraktionen Birkholz, Riga und viele mehr, kurzum: der Saal füllt sich, auf zur ersten Runde.



Makarios hält mit geschmiedeter Stimme Rückblick auf erste 15 doctoreske Jahre, dem Anlass entsprechend wurden fast nur Pratajev-Weisen ausgesucht, die genau so viele Lenze auf dem Buckel haben. Vom „Rotarmisten“ über „Da hält der Wind den Atem an“ bis „Die schöne Welt“ ist alles dabei. Kommen wir zu einem weiteren Rekord, ebenfalls heute neu belebt, einem sehr angenehmen. Die schnellste Doppelschnapslieferung zur Bühne, die es je gab, wird im Bulbash-Buch der Rekorde vermerkt. Wow. Und dann ist Conny Cocker dran. Wie herrlich, wie millionärig. 45 Minuten Don Cocker lauschen sind 45 Minuten pures Glück. Pause. Sacken lassen. Schniefen. Punkrock! Die Doctoren Jeans, Pichelstein und Makarios legen los. Es faucht die Elektrik, es dampfen die Schnäpse, es wird getanzt, wild getanzt. Pichelstein wagt einen Zweimetersprung zur Decke und schafft verkabelte 20 Zentimeter. Diese verdammte Erdanziehung, schon hat er wieder viel zu festen Boden unter den Schuhen. Man könnte stundenlang weiter-punken, höher springen, noch mehr singen. Doch das geht nicht, und so endet das Konzert mit einem letzten Wodka Wodka-Thrill bevor die halbe Stadt lahmgelegt wird. Grund: Ein Marathon. Bevor dieser Sneaker-Virus um sich greift, folgen die Nachfeiern im Cafe Westen, im Noch Besser Leben. Es fließen Bäche aus Gold, auf denen Paare schwarze Schwäne nie auseinandergehen.

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 25. April 2018 um 20:59 Uhr
 
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