The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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25. Juni 2017, Dresden/Elbhangfest II PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 25. Juli 2017 um 19:08 Uhr

Grobknochige Frauen, dickgekochte Männer (370)


Die Zeit läuft einem bekanntlich deshalb davon, weil man sie sonst bloß totschlagen würde. In diesem Sinne frühstücken die Doctoren in aller Seelenruhe, während Fürst Fedja den Titel „Kapriziöser Schläfer des Vormittags (KSdV)“ erringt. Bis die Kippen im Parterre glimmen, wird das Hotelbuffet gleich dreifach heimgesucht. Immer noch scheint die gelbe Elbhangsonnne putzmunter ins grüne Tal; als Pichelsteins Gitarre um die Mittagszeit manöverfertig ist, geht’s per Fähre rüber nach Wachwitz. En passant wird in einer Klause verbrühtes, scharfsalziges, pampiges gefuttert, weiter geht’s mit verzerrten Mündern zur Grottenwirtschaft. Endlich ein Fischbrötchen! Mit Gurke und edler Kartoffelsuppe! Ein a priori-Stehsatz, der immer zählt: General Hunger ist ein großer Schurke auf Konzertreisen und wehe, wenn er nicht lecker zum Schweigen gebracht wird. Da wollen wir die Crew der Grottenwirtschaft um Professor Hendrik im Nachhinein dolle loben.


Punkt 14:00 thront die traditionelle Whiskey-Flasche auf dem Tisch, niemand möchte so recht probieren, erst als die Vor-Combo Jazz Train Light eine dritte Zugabe mit langer Maxirille ankündigt, kreist der Glasebalg. Doch dann geht alles sehr rasch. Techniker flitzen, die Bühne wird zum Operationssaal umgebastelt. Ein kurzer Soundcheck, noch diesen oder jenen tiefen Schluck, startklar sind die Doctoren. Das Intro kulminiert zur Kanonade, das verehrte Publikum harrt der Dinge, Sturz in die Showtime!



Während Makarios durchs Set führt, bewegt sich Pichelstein mit schlafwandlerischer Leichtigkeit auf dem Tummelplatz und hat darunter Zeit, Beobachtungsposten zu beziehen. Denn über die Pillnitzer Landstraße flanieren und radeln derweil Menschen, denen das Pratajev-Universum völlig fremd ist, die sich etwa beim Ruf „Schleim am Arm“ erschrocken an die Herz-Bypass-Regionen greifen. Grobknochige Frauen kauften ein, dickgekochte Männer müssen den Trödelkrempel nebst Handtasche schleppen, altern dabei in Zeitlupe und wechseln langsam aber sicher das Geschlecht. Als die Weise „Manchmal wenn der Durst kommt“ Wahrheit spricht, bleiben manche wie vom Donner gerührt stehen. Jetzt pausieren, ein Bier trinken, ein ganz kleines, dort hinten im Schatten, wo die anmutigen Mädchen sitzen. Ja, sie lachen und kreischen, Gläser scheppern zu Boden, herrliche Lebensfreude! Doch mehr als ein paar Roland Kaiser-artige Seitenblicke bleiben ihnen nicht vergönnt. Pustekuchen. Weiter wollen die trödelnden Frauen. Pichelstein möchte schon nolens volens den „Raucher von Bolwerkow“ anstimmen, doch der gehört ja in den Zugabenblock.



Auch heute ist schnell das neue Langsam auf der Erlenholzigen; Makarios flüchtete ein ums andere Mal und bleibt raffinierter Weise mitunter lange weg. Das geht selbst einem gelenkgeschützten Schnellgitarristen an die Substanz; als beide Doctoren wieder vereint in die Mikrofone singen, geht’s mit Normalgeschwindigkeit weiter. Würde Pichelstein bei jeder Temposünde in die Bandkasse zahlen müssen, jungejunge, das gäbe ein Grillfest am Jahresende! Nun gut, da die Spielzeit heute begrenzt ist, werden noch rasch ein paar Katzen in den Wind gehangen, Schlips aus Lurch drum und fertig. Das Nachbeben lässt nicht lange auf sich warten, doch um den Wunschblock zum Wohle der nächsten Combo nicht über die Maße zu strapazieren, endet das heutige Stelldichein und Tanzdichmüde mit einer sehr tragischen Schnapsbar. Lange hat man sie noch wurmend im Ohr und die lieben Konzertkinderlein werden sie in der Kita tags darauf lautstark anstimmen.


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 25. Juli 2017 um 19:45 Uhr
 
24. Juni 2017, Dresden/Elbhangfest I PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 24. Juli 2017 um 17:24 Uhr

Zöge ich Arme und Beine ein,

könnt’ ich eine Kugel sein (369)

 

Frisch frisiert

Da hat man Chancen

Frisch frisiert

Da kriegt man Avancen


Conny Cocker

 


Adieu, Pirna-Liebethal. Während heroische Wanderer dem Jungbrunnen aus frischer Luft und drohendem Wirtshaus entgegenstreben, geht es für den Pratajev-Tross auf Sightseeing-Tour über Bad Schandau nach Dresden. Ausgewertet wird der Abend, dann die Nacht. Schöne Unterkunft, ein wunderbares Frühstück schloss sich an und niemand trug eine Insel auf der Hose davon. „Zöge ich Arme und Beine ein, könnt’ ich eine Kugel sein“, dichtet Fürst Fedja still vor sich hin. Nach „Schlaf dich reich oder schufte weiter“ wird die Münzuhr am Schandauer Elbufer gefüttert, schnurstracks geht’s Richtung „Nice View“. Gemeint ist der historische Personenaufzug, der neben einem weiten Blick übers Tal einen lustigen Personenaufzugführer in petto hat. Eine wahre Stimmungskanone, die intellektuelle Unterstufe bis ins hohe Alter bewahrend, aber lustig. Mit „Oh, drei Rocker, Du liebe Güte“, beginnt der verbale Rundumschlag des nebenan in einer Gartenlaube hausenden Mannes. Und mit einem „Immer schön was essen, da bleibt man stark“ endet die Auffahrt. Einskommafünf Minuten können recht lang sein. „Der hätte auch Frisör werden können“, sagt ein Doctor zum anderen. Und: „Wir hätten ihn fragen sollen, ob er schon jemals in seinem historischen Personenaufzug verprügelt wurde.“



Oben gibt es Luchs. Nicht auf der Speisekarte, sondern im Käfig. Und Kaltgetränke. Doch weil die heißen Gerichte hier mutmaßlich in der Sodbrennerei gekocht wurden, fällt der kulinarische Hammer später auf das Schlemmer Eck in der Bergmannstraße 2 nieder. Klöße! Gulasch! Eibauer dazu, all das. Sucht man in Leipzig lange und nicht selten vergeblich. Oft wird ein Gesicht wie Omas alter Wischmopp gemacht, wenn’s wieder nur irgendeine Sauerei aus World-Food gibt.

 

Getreu der fedjaschen Kugelpoesie geht’s anschließend zurück zur Tourschmette, dann ohne Umwege zum Elbhanghotel: einchecken, liegen, Fingerpflege für Doctor Pichelstein, Augenpflege für Doctor Makarios, Fürst Fedja beliefert Vodka-Kundschaft, gegen 18 Uhr soll die Feuerwache erreicht sein. Klappt alles wie am Schnürchen, tata, die jahrelangen Sympathieträger des Elbhangfestes sind wieder dort, wo der Moment größer als man selbst ist: An der Feuerwache! Ein frisch erblühter Durst breitet sich zwangslos aus und ein eben erst aus Russland heimgekehrter Senior verliebt sich in die Marke Bulbash. Nastrovje! Schnappatmung! "Trinkt, heute seid Ihr Russen", ruft er. Dem Mann jetzt klar zu machen, dass noch eine Bühne aufgebaut werden muss und früher Schnapsverzehr zu gewissen Bewegungsstörungen führen kann, ist völlig sinnlos. Bleibt nur die Flucht nach vorn. Sie endet après Soundcheck vorläufig am Grillstand.



Dass heute mal kein Sommergewitter einen herrlichen Regenbogen an den Elbhanghimmel malt, dürfte ein Novum sein. Trockenen Fußes und voller Tatendrang gehen die Doctoren pünktlich gegen 20 Uhr zum Alarmismus über. Die Stimmen sind geputzt, das Intro läuft, Pichelsteins Fingerpflaster sitzt: Es muss nicht sein, dass das Leben schlecht ist, weil schlechtes Leben nicht gerecht ist (…) Der Beginn des Konzert-Husarenstücks, des ersten Elbetages 2017 und wie eh und je steht ein textsicheres Publikum Pate, um Pratajev, dem Helden einer untergegangenen Landdichterwelt, zu huldigen. Der Senior tanzt an vorderster Front, sorgt für Bulbash-Nachschub, der ganze Platz wird (wie man im Sport sagt) „auf links gezogen“. Im Schein der gelben Mondprinzessin rückt zu „Als das Eis kam“ die Blaue Stunde näher und breitet ihr samtenes Kleid aus. Der letzten Schnapsbar folgt eine allerletzte, schließlich eine allerallerletzte. Noch ein Bühnenabgang für die Galerie, ein kollektiver Doctorenseufzer: Wie schön. Möge der Herzschlag der Zuversicht, auch im nächsten Jahr wieder hier zu sein, kräftig wummern.



Stunden später, unterdessen ist es tiefe Nacht, kommt es auf dem Hoteldach zu einer ungeahnten musikalischen Verbrüderung. Für die nächsten Runden Radeberger nebst Feuerwasser heißt es: Männerchor Sängerkranz Laucha meets The Russian Doctors. Musiziert wird abwechselnd. Zunächst stehen die Chorbrüder auf, schmettern herrliches Liedgut, dann weckt Pichelstein die Gitarre und ein kleines, feines Pratajev-Konzert setzt diesem eh schon goldenen Tag ein Krönchen auf.



PS: Zum Beweis - mehr Wolken gab's nicht

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 24. Juli 2017 um 18:02 Uhr
 
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