The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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07. Dezember 2018, Leipzig / Frau Krause PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 06. Januar 2019 um 13:18 Uhr

Schnitzel? Alle! Krause? Voll! (399)

 

21 Uhr. Das Jahresendkonzert der Russian Doctors darf starten. In feuchter, klammer Jahreszeit, in der jeder Huster das eigene Ende ahnen lässt. Aber das kann warten, niemand soll zu früh über den Deister gehen, gegen jegliches Siechtum sind doch Kräuter gewachsen. Man muss dafür gar nicht in den Wald gehen, nein, man holt sich „Die Heilung“ neuerdings direkt am Magazin der Russian Doctors ab. Sorgfältig verkorkt, lecker und gesund. Eine lebensverlängernde Bereicherung. Eine lebensverschönernde obendrein, denn wer niest schon gern mit vollem Wodka-Mund?

 

 

Da sind wir also wieder einmal in der Frau Krause. Eine Kür, eine Tradition, die sich nun schon seit acht Jahren ununterbrochen (ungebrochen wäre gelogen) hinzieht. Und wie einst bei der Premiere, am 26. November 2010, wurde auch diesmal vorher attraktiv gespeist, getrunken und auf Pratajev angestoßen. „Schnitzel alle? Krause voll!“, so muss es sein. Und: „Prost, mein lieber Wirt, hier ist’s schick“, ruft man wirklich gerne durch den Saal. Möge auch heute der Abend voller Wunder sein.

 

Knapp vier Wochen später wird dieses Logbuch verfasst. An was soll man sich erinnern? An die Minuten nach der letzten Zugabe. Als ein reichlich abgefüllter Fischgrätenweitwerfer auf die Bühne stürmt und ruft: „Ich bin Russe! Lasst mich an die Gitarren! Ich kann was spielen!“ An Stoff-Biber und Holzlöffler im Publikum. An dunkle wie helle, an erwartungsfrohe Blicke. An unglaubliches Staunen, an einen Doctor Makarios mit naturgewaltiger, tabakgepflegter Südsee-Stimme. An einen schweißgebadeten Doctor Sauna-Pichelstein, an einen frischfröhlichen Geschwindigkeitsrekord auf dem akustischen Gitarrenboliden. Natürlich an das wunderbare Publikum, an sternsingende und sternhagelvollsingende Menschen aus nah und fern. An Pratajevs Weisen, die unverbrämt, direkt und roh ans Publikum gebracht werden. Die uns zeigen, wie schön die Welt sein kann. Wenn man freundlich, wenn man gut zueinander ist.

 

 

Pratajev lautmalte einst über die Liebe, den Schnaps, das Leid und die Freude. Verzicht war nie seins. „Wer auf etwas verzichtet, das er gerne haben möchte, wird nicht glücklich,“ soll er einst im Teehaus Protnik zum Wirt Romakow gesagt haben. Dass es unmittelbar danach mindestens im Umkreis von 30 Kilometern zu schweren sittlichen Verwahrlosungen kam, ist nicht überliefert, darf aber gemutmaßt werden. Leider entstand, soviel ist weiterhin überliefert, eine Gegenbewegung, die Moralische Bewegung Mittlerer Ural (MBMU). Ihre eiernde Lebenshaltung, die streng genommen keine ist, lautete: „Richtig glücklich ist nur der, der anderen etwas verbietet.“ Bereits Anfang 1955 wurde diesbezüglich eine erste komische Sache erfunden, die „Diät“. Auch „Mord am ungegessenen Schwein“ genannt. Die Ausläufer der MBMU begegnen uns heute alltäglich; absolut inakzeptable Berufsgruppen entstanden. Ein schlichtes Beispiel ist die der "Motivationstrainer". Ihr Tun lässt wenig Edles erkennen.

 

 

Jeder Einzelne wird auf dem Gebiet des Verzichts bereits Erfahrungsmüll gesammelt, und von Zeit zu Zeit gar misslaunig: „Na, dann eben nicht!“ gerufen haben. Und? Wie fühlte es sich an? Befreiend? Nein. „Drum werfe Holz in den Kamin, wer friert.“ (Zitat aus: „Das Testament Prumskis“). Um derlei zu verinnerlichen, brauchen wir mehr Pratajev in uns, mehr Russian Doctors-Konzerte um uns, stete Heilungen und einen guten Segen-Regen für die notleidenden Wirtsleute aus Miloproschenskoje. Wohl bekommt's.

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 06. Januar 2019 um 13:51 Uhr
 
24. Oktober 2018, Dresden / Privat im Alten Wettbüro PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Donnerstag, den 25. Oktober 2018 um 19:13 Uhr

Der Mittelpunkt des Lebens (398)

 

Herbst. Es stürmt. Es stürmt so sehr, dass Teile einer Windkraftanalage bei Bockelwitz auf die A14 krachen könnten. Rasch wird die Schnellstraße in beide Richtungen gesperrt. Unmittelbar bedroht ist auch das Dörfchen Nicollschwitz. Von Evakuierung ist die Rede, eine Turnhalle soll den Einwohnern Obdach gewähren, sofern die Rotorblätter des Havaristen sich nicht bald stoppen lassen und Land und Leute vernichtend schlagen. Windkraftanalagen haben es in sich. Man denkt ja eher: Wind zur Stromgewinnung? Ist super. Sturm? Noch besser. Doch Pustekuchen. Komplexen Dinge sollte man nicht mit Logik beikommen.

 

„Ronny hat einen Blitzer auf der Bundesstraße 6 am Ortseingang Klappendorf gesichtet. Danke Ronny,“ vermeldet der Radiosender RSH. Mit böser Kriegsrhetorik wie „Vollsperrung“ und „Gefahrenlage“ will man die Hörer zur Feierabendstunde nicht schockieren. By the way: Was sagt Google Maps? „Freie Fahrt.“ Stimmt, denn wenn alle von der Bahn runtermüssen, klar, dann ist viel freie Fahrt voraus. Bedröppelt tuckern die Doctoren ins Gegenteilige. Das Gebot der nächsten Stunden lautet Geduld. Fortan geht es über Dörfer mit Seelen drin, über schmale Asphaltbänder, und dass man die für 17 Uhr angesetzte Gastronomen-Verkostungsparty in Dresdens Altem Wettbüro pünktlich erreicht, wird zum aussichtlosen Unterfangen. Zudem steckt der Transporter mit der Anlage zur Beschallung des Publikums noch viel weiter hinten fest. Aus der üblichen Rauchrast auf Hansens Holz wird eine Rauchrast unter einer Esskastanie am ehemaligen Schweinegroßstall von Obermuschütz. Man versucht indessen ansehenswertes zu erhaschen und tatsächlich: Kurz vor Meißen entdeckt Doctor Makarios drei reife Champignons am Wegesrand. Er will schon aussteigen und zum Pilzmesser greifen, doch Fürst Fedja rollt einfach weiter.

 

 

Schließlich! Ist! Dresden! Erreicht! Man muss das mit den Ausrufezeichen so schreiben. Um welche einzusparen ist die Erleichterung einfach zu groß. In Erwartung der Anlage baut Doctor Pichelstein hurtig die Backline auf, Fürst Fedja und Doctor Makarios studieren das Bulbash-Gin-Rum-Verkostungs-Manuskript. Tja, was soll man machen? Den geladenen Gästen dürstet es nach einem zünftigen Programmstart, und so beginnt der frühe Abend eben mit ohne Anlage, nämlich unverstärkt. Davon ausgenommen ist glücklicherweise das Moderatorenmikrofon, und so legt Fürst Fedja in gewohnt lässiger Ma­nie­r los. Ein kurzer Auszug sei hier vorgestellt:

 

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde guter Getränke, liebe neugierige Besucher. Ich möchte Sie recht herzlich zu unserer kleinen Verkostung der Wodkamarke Bulbash begrüßen. Da Handel auch Wandel bedeutet, gibt es unter dem Dach meiner Firma Wodkartell inzwischen nicht nur leckeren Wodka, auch ein, zwei Sorten Gin und Rum gehören inzwischen zum Angebot. Den Wodka beziehe ich direkt aus Weißrussland, Gin und Rum kommen von unserer Ostseeküste, von der Weinhandlung Schollenberger aus Bad Doberan. Ich will nicht viele Worte verlieren, denn für diesen Part habe ich mir Unterstützung mitgebracht. Doctor Makarios und sein Gitarrist Doctor Pichelstein werden Sie heute Abend als Russian Doctors mit Liedern zum Thema Wodka unterhalten und ein paar Sätze zu den Getränken einstreuen. In diesem Sinne wünsche ich: Na Sdorowje und Wohl bekommt's …“

 

 

Also: Schnapslieder. Das Repertoire der Doctors hat davon bekanntlich eine ganze Menge in petto. Doch nie wurden sie, unterbrochen durch edle Verkostungsorgien, allesamt nacheinander gespielt. Und da viel leckerer Knabberkram aus der Küche Russlands auf den Tischen feilgeboten wird, dürfen kulinarische Lieder aus Pratajevs Feder nicht fehlen. Eben gab es den „Bauch“ auf die Ohren – und ja, da ist sie, die Anlage zur Beschallung des Publikums. Aber die jetzt noch aufbauen? Nein. Es wird weitergespielt, weiter verkostet, gefuttert im schicken Ambiente. Mit lauter feinen Menschen drin. Man möchte gar nicht mehr wegfahren. Und tut es doch. Man möchte nicht an die Autobahn 14 denken. Und tut es doch. Zwar wurde der malade Windpark mittlerweile abgeschaltet, doch um eine erneute Sperrung kommt man wieder nicht drumherum. Diesmal rammt in Richtung Dresden ein angetrunkener Holländer seinen LKW in die Mittelleitplanke hinein, sodass auf der Spur Richtung Leipzig ein Kombi zu Schaden kommt. Und die Doctors? Erinnern sich an Zitate von Eckhart Tolle. Zum Beispiel an dieses: „Denke daran, dass die Gegenwart alles ist, was du hast. Mache das Jetzt zum Mittelpunkt deines Lebens.“ Leichter gesagt als getan, nachts auf der A14.

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 25. Oktober 2018 um 19:57 Uhr
 
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