The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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16. September 2011, Berlin/Schokoladen-Mitte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 21. September 2011 um 17:44 Uhr
Das schwarze Loch (234)

Erstaunlich, Doktor Makarios scheint die Strapazen der letzten Wochentage recht kühn weggesteckt zu haben. Als da waren diverse ART-Konzerte, zwischendrin ein Goldeck-Master-Mix, die Aufnahmen zur neuen ART-Platte und natürlich eine - den bisherigen Schilderungen zur Folge - außergewöhnliche Filmdrehung zu Bad Doberan. Konfrontiert man diese Stadt am Meer übrigens mit dem automatischen Word-Rechtschreibeprogramm, wird, das sei am Rande erwähnt, u.a. ein Vorschlag namens „Dobermann“ geliefert. Nun, über all dies soll Doktor Makarios berichten. Heute ist Wrap. So nennt sich ein Abdrehausklang feat. Party und die findet praktischerweise, mitunter sehr prominent besetzt, im Schokoladen-Mitte statt. Die Crew nebst Band Die Art ist früh zugegen und mittenmang stehen furchtlose Pratajev-Forscher allerbeste Güte. Heißt: Voll ist’s im Laden, dem wir hiermit alle Daumen der russischen Seelenwelt drücken. Möge er lang noch leben und allen BRD-Kiez-Spekulatiussen kraftvoll die rio-reisersche-punkrockende, nassforsche Stirn bieten.


Doktor Pichelstein samt Navigator in schick reisten aus Leipzig an, froh darüber dem Stauticker einigermaßen glimpflich entkommen zu sein. Es drücken sich Doktoren ob des Wiedersehens und ja, was ist das? Gurt Kaktus steht im Soundcheck vorn, bewaffnet mit frisch geernteten Runkelrüben, einem Sack Kartoffeln und vielerlei Trinkflaschen. Herrlich. Rasch wird die Bühne zum Leuchtfeuer-Feldrand, an dem die jungen Burschen später tanzen; eine Dame im Arm, so muss es sein, und wird es glatt werden. Swingend, singend, feiernd - die Arbeit ist für heute getan. Allerorten verfolgt vom Odeur bulgarischer Brennereikunst trinkt sich der Abend ins Konzert hinein. Eademakow und Winogradow haben darüber spirituelles vor. „Pratajev war Teilzeit-Homosexueller“, sprechen sich Rätsel frei. Da wollen wir mal sehen, wohin solcherlei abstruse Theorien führen. Und ob nicht Pratajev im Jenseits der Gruftrufe etwas dagegen haben könnte.



Nach acht geht’s los; Doktor Pichelstein, vorher flattrig bis fettnapfig in Aussage und Wirkung, Beispiel: Dialog mit einer ersten Maskenbildnerin: „Ich bin die (Frau nennt Namen)“ - Pichelstein spricht: „Maskenbildnerin klingt aber schöner“ - und kurzsichtig wie er eben ist, kaum die Gegend einordnend, mehr noch überrascht vom vielgesichtigen Rummel an der Schnapsbar, legt an und Feuer frei heißt‘s fürs komplette Pratajev-Set. Pausen fallen Straßennachbarn zum Opfer, denn im Schokoladen muss früher als sonst Schluss sein mit lauterer Kultur. So ist das heutzutage, wenn in Gegenden wie Mitte plötzlich der Biobauer seine Ernte an die grüne Mittelschicht bringt. Und dann wird sie verlost, die Gurt-Kaktus-Schnapsflasche im bühnesken Feldrandgebiet.


Wir befinden uns mittlerweile im Fetisch-Block; die Ankündigung, dass jener oder jene, welcher/welche ein Lied der Doctors auswendig vortragen kann, den Kaktus-Schnaps gewinnt, trägt schwankende Früchte. Eademakow traut sich „Beim Bücken“ zu und es wird großen Applaus geben. Eben noch eine Kamera in Händen, schon ist’s die Schnapsflasche und (wir wollen es vorweg nehmen): ein Tausch, der gar mit dem Komplettverlust der Technik im weiteren Verlauf des Abends einhergehen wird. Sollte also jemand besagten Apparatschik gefunden haben, möge er ihn doch bitte dem Postfach der Pratajev-Gesellschaft unter dem Vermerk: „Schwarzes Loch“ zukommen lassen. Denn an solch schadhaften Stellen wird es weiterhin nicht mangeln.



Kleiner Exkurs, wer oder was alles außerdem spurlos verschwand: Eine Flasche Schnaps (im euphorischen Orkus des Eademakow), Frau des Whiskeymannes aus Potsdam (weg war sie kurz nach dem dritten Zugabeblock), Gurt Kaktus (schrieb am Folgetag: Ich musste den Zug noch erwischen – das las sich beruhigend, kein weiteres Schnapsopfer), Winogradows Auto- und Wohnungsschlüssel (was dazu führte, dass eine gewiss längst schlafende Gattin 45 Minuten Nachtwegstrecke bevorstanden, was weiterhin zur Frage führte: Wo ist Eademakow?) und ja, Eademakow selbst (samt Rucksack, in dem sich zum Beispiel hinterlegte Schlüssel befanden). Jemanden vergessen? Schaut doch bitte mal im WG-Zimmer Eures Nachbarn nach dem Rechten. Ja und zu guter Letzt verschwanden auch die Doktoren, glücklich und trunken.


Der Abend ist wahrlich nicht nur gelungen, nein nein, derart unvergesslich wird er bleiben, dass einem nunmehr die Worte fehlen.


Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 03. Dezember 2017 um 14:20 Uhr
 
31. August 2011, Leipzig/Café Mule, Hochzeit PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 04. September 2011 um 15:49 Uhr
Ein Märchen im Garten (233)

So geschah es und sie sagten „Ja“ zu allen Welten, Meeren und in erster Linie zu sich selbst; der Hofstaat, die Familien gerührt von glücklichen Tränen, folgte ihnen durch den quirligen Sonnentag. Manches Glas Wein ward darin munter vertrunken. Prinz und Prinzessin, charmant, bekannt im Künstlerreich waren fortan König und Königin und sind es bis jetzt: Ein abendliches Stelldichein im Garten des Café Mule bringt die Zeitenwende ins aktive Geschehen. Darin werden Gitarren gelüftet, Knappe Shiva, Narr Pichelstein, die Edelleute umliegender Ritterburgen rüsten sich für die Geselligkeit, bewundern Braut und Bräutigam und wünschen all das Glück dieser Welt.

 

König Vincent (im feinen Ornat) und Königin Tina (vom zart wölbenden Schleier in Weiß bedeckt) eröffnen alsbald Fest und Buffet. Die Schwätzchen aller Reihen geben ein schönes, lockeres Stelldichein, Flüsse von Wein werden verzehrt, Kohlen glühen unterm Suppentopf und Doktor Makarios erhebt sonor die Stimme zu Pratajevs Dichterwerk.

 

The Russian Doctors beginnen mit „Da hält der Wind den Atem an“ – denn wer hätte von diesem Tag, vor langer Zeit, je Wind bekommen, wenn nicht der damalige Prinz seine Prinzessin via Kontaktanzeige kennen und schätzen gelernt hätte? „Suche Schlagzeuger“ lautete diese und gewiss, ja, das ist Schicksal. Denn wahrscheinlich, wahrlich und eigentlich gewiss hatte der Prinz bei Abgabe seiner unspektakulären Annonce eher mit einem durchgeschwitzten, un-heiratbaren Langhaarstudenten aus Leipzig-Connewitz gerechnet. Doch es kam anders, dauerte einige Weiten und Weilen und es wurde gut, sehr gut. So dass Pratajevs Text über die 5 Gebote der Liebe heute erstmals (seit der Hochzeit von Bürgermeister Krupkin in Miloproschenskoje, Jahr und Tag sind nicht überliefert) wieder ans Licht der geneigten Öffentlichkeit gelangt.

 

Das Publikum swingt mit, fotografiert, filmt, applaudiert; vor der Bühne lodert ein imaginärer Zauberspiegel, aus dem fleißige, gute Feen dem Brautpaar Glücksblitze ausrichten. Um die Fabelhaftigkeit an dieser Stelle zu übersetzen: Einer der Glücksblitze hinterlässt die Aufschrift „Zwei Wochen Algarve/Portugal“. Ein weiterer: „Ich muss raus an die Schnapsbar“ – womit die Doktoren ihr kleines Konzert beenden und nach kurzem Weinschwenk die Band Lizard Pool dem Fest im Garten Stoffgebundenheit feinster, britischer Gitarrenklänge vermittelt. „Herrlich, das mal wieder erleben zu dürfen“, sagen selbst Mittezwanzigjährige zueinander und verneigen sich. Der König derweil singt, spielt wie ein junger Gott - im letzten Song trommelt gar die Königin. Was will jedermann mehr? Nichts, gar nichts und somit darf dieser Tag bis ans Ende aller Tage gelobt werden. Der 31. August des Jahres 2011 wird mit diesen Worten selig und heilig zugleich erklärt.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 03. Dezember 2017 um 14:17 Uhr
 
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