The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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17. März 2018, Naturbäckerei Connewitz, Buchmesse/Leipzig PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 19. März 2018 um 20:23 Uhr

Sonne, Schnee und Brot (386)

 

Das überraschende, weitgehend unbekannte, dennoch lange angekündigte „Phänomen Schnee“ hat Leipzig aber sowas von fest im Griff. Wunderweiße Buchmessegäste schleppen schwer an ihren Trolleys, warten auf Straßenbahnen, die niemals kommen. Pfandflaschensammler mit pittoresken Eiszapfen an den Bärten stapfen vermummt umher. Am Hauptbahnhof ruht der Winterdienst, und, was viel interessanter ist, auch der Zugverkehr. Zehn-Zentimeterhoch türmen sich die Schneemassen. Es ist der reine Wahnsinn. Hartmut Mehdorn, ehemaliger Bahnchef mit Air Berlin und BER-Vergangenheit (insgesamt ein Mann des ganz großen Erfolges), hat einmal gesagt: „Bei Schnee muss nicht gefahren werden.“ Bis heute hat ihm da niemand widersprochen, denn es ist ja so: sobald es schneit, kollabiert die Deutsche Bahn. Kennt man von den Schweizern oder Indern (Himalayan Railway) nicht. Auch die Transsib zwischen Moskau und Wladiwostok soll winters durchaus genutzt werden. Kurzum: es scheint sich um ein sehr deutsches Problem zu handeln, und mit deutschen Problemen ist wohlgemerkt nie zu spaßen. Da muss man gar nicht in den Bundestag fahren um einer Dieseldebatte beizuwohnen. Ein vergleichsweise leicht verdauliches Thema.

 

 

Fürst Fedja spielt dankenswerterweise heute den Abholservice, so sitzt man gegen 18:30 verwöhnt an der BMW-Heizung und trifft wenig später vor der Naturbäckerei Connewitz ein. Drinnen war die benachbarte Frau Krause-Crew bereits fleißig. Die Anlage zur Beschallung des Publikums steht, es bedarf noch kurzer technischer Boxenkorrekturen, schon kann die Sonne-, Schnee- und Brotsause losgehen. Die Naturbäcker rückten dafür eigens die Verkaufstheke zur Seite, etwa 40 Menschen könnten geschätzt hinein. Gemeinsam mit Lesepart M. Kruppe soll’s eine adrenalingesättigte Reise durch Pratajevs Russland der 1940er- bis 1960er-Jahre werden.

 

Der Rahmen ist die Leipziger Buchmesse und auf der spielten Makarios und Pichelstein heute vor 15 Jahren und ein paar krummen Tagen erstmals ein paar Lieder. Nachgefeiert wird im April, in der naTo, also dort, wo tatsächlich alles begann. Erst mal einen Wodka Bulbash, ein Stück leckere Pizza, der Soundcheck passte bereits wie angegossen, schon füllt sich die Backstube. Es riecht so lecker nach Backstube! Man könnte stundenlang stehen, würde Sonne und Brot einatmen, und den Schnee draußen vergessen.

 

 

Mit „Als das Eis kam“ startet der Abend, M. Kruppe haucht, röhrt, faucht im Anschluss Pratajev-Gedichte in den Raum. Wechselspiele mit Schnaps und Weibern lösen sich ab; die Doctors nehmen Fahrt auf. Pichelstein bricht den Bäckerei-Schnellgitarrenrekord. Und zwar weltweit. Noch nie wurde in einer Backstube derart schnell auf einer akustischen Gitarre gespielt. Nicht mal auf der Venus. M. Kruppe kontert mit Pratajevs „Erklärungen für die Menschheit“, einem Ratgeber, streng ans Rovtlovensker Alphabet gehalten, das nur 13 Buchstaben nebst „Sch“ als eigene Vokalkonsonanten besitzt.

 

Beispiel Nummer 1, MN wie Nädchen: Vorstufe der Frau, leider nur von kurzer Dauer. Viele Nädchen versuchen den Status zu verlängern, indem sie auch als Frau noch Zöpfe tragen. So soll der Nann getäuscht und angelockt werden und siehe da, es funktioniert. Die Nänner haben in dieser Sache noch nicht viel dazugelernt und lassen sich bereitwillig täuschen. Beispiel Nummer 2, MN wie Nutter: Mit Nutter bezeichnet man den höchsten Status, welchen eine Frau erlangen kann, insbesondere, wenn die Nutter einen Sohn hat. Die Koseform von Nutter ist Nutti. Es gibt alte Nütterchen und junge Nuttis, letztere gelten als sehr begehrt, da sie noch viel von einem Nädchen an sich haben.

 

 

Zur Pause ist kaum ein Durchkommen mehr möglich, dreizehn brandenburgische Minuten später geht’s weiter mit dem „Rotarmisten“. Makarios feuert seinen Gitarristen an, Eademakow tanzt den Ina-Lina-Reigen, und so gibt es seit langem mal wieder eine Biber-Punkversion, wenn sich schon „Der Wanderer“ auf Jazz-Exkurs befindet. Fürst Fedja liefert Feuerwasser zur Bühnenecke, draußen fährt weiterhin keine einzige Bahn, frieren Menschen, dursten, leiden, das muss nicht sein. Manche quetschen sich noch rein in die Naturbackstube Connewitz und sie sehen ein Finale Furioso, hernach einen verschwitzten Abgesang und die Sonne scheint am End‘ in allen Herzen. Natürlich, denn hier gibt es Brot. Sonne und Brot.

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 19. März 2018 um 21:05 Uhr
 
10. März 2018, Wotufa, Nacht der Legenden/Neustadt an der Orla PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 12. März 2018 um 19:05 Uhr

Die Welt ist alles, was der Fall ist: Sei trunken (385)

 

Tetris mit Fürst Fedja und Doctor Pichelstein: fürs nächste Halbgötter in Punk-Konzert wird der BMW bis unters Dach beladen. Glücklicherweise passt Doctor Makarios plus Kultursack am Ende noch rein. Wodka-Punkrock ist schwer, benötigt viel Stauraum und das in gleich zwei Automobilen. Der rote Hundefänger mit Doctor Jeans am Steuerbord ist an diesem Samstagnachmittag bereits unterwegs. An dem, oh Zauberlehrling fein, die Sonne scheint. Diesmal sogar recht kräftig. Vorbei möchte er sein, der grimmige Winter mit seinen abgeknabberten Feldern. Ja! Es ist zum Unkrautpflücken, Blumen müssen erst noch wachsen.

 

Das Ziel der Reise ist Neustadt an der Orla, dort wird seit Mitte der 1990er-Jahre in der ehemaligen Kantine des VEB Woll- und Tuchfabrik Kultur geboten. Meist sind Rock und Blues Trumpf, also befinden wir uns in einem unweigerlich DDR-Charme versprühendem Areal, in einem Mekka der Bierglasarmeen Nordthüringens (Reserve-Einheiten). Neustadt an der Orla, das sollte man geflissentlich erwähnen, klingt ein bisschen wie Neustadt an der Weinstraße, sieht aber komplett anders aus. Während Neustadt an der Weinstraße durchs Geld der Gourmettouristen vor Wohlstand nur so platzt, verirrt sich kein Neckermann-Bus zur Krötenwanderung oder auf einen Ponyhof nach Neustadt an der Orla. Noch nicht! Die sich ans Städtchen schmiegenden, zartrunden Tafelberge würden etwa österlichen Ritualfreunden durchaus gefallen. Man muss pralle Eierkörbe nicht erst in Jena vorzeigen. Von Gera wollen wir nicht sprechen, denn Gera ist ein Fall für sich. Ein letztes erwähnenswertes Positivprodukt sind die vielen Schlachtfeste in den vielen leckeren Gaststuben des Saale-Orla-Kreises. Drinnen ist kein Gemüse vor den Köchinnen sicher, kein Tier, aus dem sich nicht ein Sößchen zum Klos schmurgeln lässt. Empfohlen wird die Glückskatzen-Pensionsschenke „Zur Einkehr“ im Dörfchen Strößwitz. Hier werden die Doctoren später nächtigen.

 

 

Der Sandow-Soundcheck läuft, die angekündigte „Nacht der Legenden“ befindet sich in menschlichen Testphasen. Die meisten davon finden im obst- und erdnussflipstütenübersäten Backstage statt, der ansonsten einer Wartehalle Gestrandeter auf dem Weg zum Hades gleichkommt. Jacken, Rucksäcke und nochmals Rücksäcke liegen verstreut auf der von Artenreichtum befallenen Sofa-Fauna herum. Dem Herrscher über die unterirdischen Gefilde würde es gefallen. Testen wir also heute u.a. mit zu dieser Stunde noch unbekanntem Ausgang: die legendäre Zufuhrwirkung größerer Mengen Wodka Bulbash auf Standfestigkeit. Eine #metoo-Kampagne, dem wunderschönen, weil lebensbejahenden Sandow-Titel „Sei trunken“ entliehen. Auf geht’s zum Soundcheck. Die Techniker rufen, die Pizza-Schedule Variance (gemeint ist die absolute Differenz zwischen dem geplanten Anliefertermin und dem tatsächlichen Verzehr) hinkt bereits mächtig hinterher. Kurzum: Schnell fertig werden, Hunger. Das klappt dann auch, und so gelingt es Legenden-Impressario M. Kruppe pünktlich den ersten Programmpunkt auf die Bühne zu stellen. Gezeigt wird der Film „Flüstern und Schreien“. Regisseur Dieter Schumann drehte ihn von 1985 bis 1988 für die DEFA, gemeinsam mit Sandow-Frontmann Kai Uwe Kohlschmidt folgt eine locker mikrofonierte Gruppentherapieeinheit. Anekdoten geben sich die Klinke in die Hand, der Wotufa-Saal füllt sich. Wie damals in der Schule sind immer jene zuerst da, die von weiter wegkommen. Etwa aus Salzburg, womit der Preis für die weiteste Anreise heute virtuell gerecht verteilt ist.

 

 

Die schwere Schule der Geduld hat Ferien. Punkt 21 Uhr stehen die Erben Pratajevs wodkagestählt auf der Bühne. Es nebelt, es leuchtet, als „Der Rotarmist“ das erste Set eröffnet. Er stampft aus dem Keller und fliegt nur so himmelwärts. Vorbei an Feldmännern, geschleimten Armen und langen Haaren. Er verlangt nach Heilung, hat Durst, Fürst Fedja ahnt es von Ferne. Von dort, wo die allererste Vinylplatte der Russian Doctors im Magazin so wunderbar leuchtet. Er eilt herbei, die Augen blitzen, adrenalingesättigt, mit roten Wangen. Noch rasch den „Bulbash-Song“ akustisch vollendet, schon sind sie zu dritt, die Doctoren. Das nächste Schlachtfest möge beginnen. Nachtschattengewächse und Glühwürmchen tanzen mit, zu „Wiege deinen Rumpf“. Ein Mann mit einer Kapuze in einer Art Kampfanzug eilt unversehens herbei und muss Doctor Makarios herzen. Wotufa, du wahnwitziges Happy House, bereit für eine Verkettung glücklicher Umstände.


 

 

Dargeboten werden sämtliche Punktitel der neuen Platte. Von "Sie küsst" über "Hack" bis zum "Forest of Jokes". Die Show endet mit einer (natürlich) schnapslastigen Zugabe. Sandow wird das Feld überlassen, schweißnass lehnt man sich zurück. Ein Rosenbier in der linken, einen Wodka in der rechten Hand. In der Mitte einen Edding zur Mundunterschrift. Die ersten limitierten, nummerierten Doctors-Platten (rotes Vinyl) wandern in die Taschen der Raritätensammler. Auf der Bühne heißt es: Crunch Time. Unter wildem Krakeelen erreicht die "Nacht der Legenden" ihren Höhepunkt. Und ja, es ist vollkommen richtig: Sandow-Songs sind mehr als Songs, das sind Maßstäbe für jeden. Um es auf Wittgenstein anno 2018 zu münzen: Die Musik ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

 

Getreu dieser Worte schlagen die Uhren weiter und zerhacken jede Menge schöne Zeit. Drum wollen wir Wittgenstein ein letztes Mal aus reinster Seele bemühen: „Die Welt ist alles, was der Fall ist." Wenn damit auch bloß ein gering bestückter Karton Wodka gemeint ist, den Fürst Fedja stolz und erhobenen Hauptes morgens um drei die Treppe hinunter, zurück ins Auto zu tragen gedenkt. Das Testergebnis der Standfestigkeit liegt bereits vor, es pendelt im deutlichen Minusbereich. Glücklicherweise kommt niemand zu Schaden.

 

 

...mit einem (zuvorderst) Riesendank, versehen mit der Schnapspraline am Band: M.Kruppe

 

Bilder: Herr B. aus C., Simon Silver, Corvus e.V.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 12. März 2018 um 21:16 Uhr
 
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