Im Zwinger von Karl-Marx-Stadt (430)

 

Kaum ist die Fußball-Europameisterschaft durch, die Tour de Apotheke beendet, folgen die Olympischen Ringespiele in Tokio. Von Pistolenschießen bis Skateboardfahren - ein einziges Festival der Randsportarten, das bereits 13-jährige mit Medaillen verlassen. In einem Alter, in dem man ansonsten „Barbie erwischt Ken im Puff“ oder „Aus der Birke fallen bei Windstärke 8“ spielt. Verwunderlich ist auch, dass die stolze Tradition des japanischen „Bukkake“ in keinster Weise berücksichtigt wurde. Nicht mal bei der Eröffnungsfeier gab es derartige Showeinlagen. Ach ja, es gibt (besonders in Corona-Zeiten) so viel zu ignorieren im Leben, und man hat so wenig Zeit dafür.

 

Solche Gedanken dürfen sein, wenn es Richtung Chemnitz geht. Und darüber freuen sich die Doctoren heute wie inmitten eines kaleidoskopischen Karnevals. Ist doch jedes Konzert gerade ein Pfirsichtörtchen mit Sahnehaube für sich.

 

Das heutige findet auf Einladung des obersten Dienstleiters fürs Veterinärwesen in der Pratajev-Gesellschaft statt. Open Air, im Hof des ehemaligen Bahnhofshäuschen am Zughaltepunkt Chemnitz-Borna. Und dass besagter Veterinär mit Namen Gerrit heißt, dürfte vielen bekannt sein. Wollen wir ihn nicht nur dafür huldigen, von Paschka Parlierowna sehr gut in Szene gesetzt.    

 

 

Der Anlass des Happenings ist schnell und zweischneidig erklärt. Objektiv: Nach knapp 10-jähriger Bauzeit ist das Gebäude endlich denkmalgeschützt, wunderbar, mit sehr viel Liebe hergerichtet, fertig. Subjektiv: Es darf sich wieder getroffen werden, man hat sich viel zu lange nicht gesehen, also: hoch die Tassen und dass am Ende die von den Docs mitgeführte Bulbash-Kiste leer sein wird, spricht Bände. Während sich Don Bulbash himself auf Geschäftsreise in Rostock befindet und der Autobahnsoundtrack wieder mal an Doctor Pichelstein hängen blieb. Foto von der Geschäftsreise, unzensiert:  

 

 

Dass Mücken keine Feen oder wenigstens Fluchttiere sind, ist schmerzlich bekannt. Als die Bühne im kunstvoll aufgebauten Zwinger von Karl-Marx-Stadt steht, greifen die genetischen Superflops in olympischer Bogenschuss-Geschwindigkeit an und verwüsten ganze Hautareale. Da kann man sich wartend noch so sehr mit Wodka einreiben.

 

Worauf wird gewartet? Auf den Technikverleiher. Denn es ist wie so oft, wenn Technik ohne 99-seitiges Erklärbärheft angeliefert wurde. Man steht da und schaut geschlossen wie ein Schwein ins Uhrwerk. Es wird hier gedreht, da gewurstelt, bis nix mehr geht. Ähnlich ungut könnte man eine Katze auf eine Tastatur springen lassen und inständig darauf hoffen, dass dabei ein Königsdrama von shakespeareschem Ausmaß entsteht. Aus den Boxen kommt nichts als Delay. Interessant für den Chemnitzer Jodelverein, für die Doctors leider unbrauchbar. Passendes Bild dazu? Bitteschön.   

 

 

Eine Stunde Hängepartie verstreicht, die Bratwürste sind fertig und der Techniker taucht auf. Murphys Law spricht ungefähr so aus ihm heraus: „Digitales Mischpult, vergessen, den Delay-Sound rauszunehmen, aufs falsche Tablet gedrückt. Hab schon viel aus Fehlern gelernt, mach ich gerne noch ein paar mehr, jetzt läuft alles.“ Und wow, es läuft. Noch ehe die Dunkelheit sich senkt. 

  

 

Mit dem kleinen Verspätungsnachteil, dass sich Schlag 22:45 Uhr ein Knopffabrik-Nachbar von gegenüber der Bahnlinie, vermutlich von der eskalierenden Ehefrau geschickt, an den Zwinger trollt und fragt, wann das „nicht angemeldete Konzert zu Ende sei.“ 

 

Vorweggenommen erklärt das zugleich, warum die Docs nach zwei heftigen Stunden der Pratajev-Kunst alle Mischpultregler von Presslufthammer- auf Wasserkocherdezibel herunterregulieren und mit mehr Flüstern als Singen und Spielen auf eine vorgezogene, letzte Schnapsbar hinarbeiten.

 

 

Die Zeit bis dahin verkörpert maximale, reanimierte Glücksgefühle. Es wird getanzt, staunend applaudiert, wird ein Fest gefeiert, wie es der Haltepunkt Chemnitz-Borna in den letzten 100 Jahren selten erleben durfte. Ab und zu fährt ein Zug daran vorbei nach Nirgendwo. Danke, lieber Gerrit für diesen Abend. 

 

 

Fotos 1,4,5,6: Claudia Hilgers.