Wolke Pi (411)

 

Heiß, heißer, hmmmm … Regen. So geht es dahin zu den Pi-rnanesen, in steter Wetterabwechslung. Doctor Pichelstein rast wie ein junger Gitarrengott von einer Autobahn zur nächsten. Fürst Fedja döst im Fond. Makarios, gestern vom Bergurlaub mit fiesem Kita-Enkel-Virus heimgekehrt, hustet wie ein donnernder Orchestergraben auf dem Sozius. Während der Rückfahrt am morgigen Sonntag wird der Sangesdoc im Fond sitzen. Warum? Dazu später mehr.  

 

Noch bevor die Best-of-Roland-Kaiser-CD in den Player geschoben werden kann, wird es elbig und sandsteinig. Bis dato lauschte man ergriffen dem neusten Conny Cocker-Rohstoff aus dem bald eine Vinylscheibe entspringen wird. Vorm geistigen Auge jetzt schon präsent: Die Cockermania am Elbufer. Tausende Fans werfen Schlüpfer, ausgeschenkt wird Bulbash, Ginhead und ein Rum namens „Death in Paradise“. Fürst Fedja joggt noch eine Runde mit Bundeskanzler Che Guevara Junior II, dicke Zigarren glimmen auf. Makarios und Pichelstein singen und spielen einleitend für Big Cocker die Hymne der Sowjetunion. Und aus Wolke Pi regnet es Dollars und Deutschmark.

 

 

 

Vor lauter Träumerei wäre man fast an der Langen Straße in Pirna vorbeigefahren, hätte die Hofnacht verpasst, das 411. Konzert in der ewigen Geschichte der Russian Doctors, was unheimlich schade gewesen wäre. Jede Reise nach Pirna, aber wirkliche JEDE war bisher eine Freude, eine Sensation auch wenn es – eigentlich immer – Opfer gab. Zumeist dümpelten sie am frühen Morgen auf einem der berühmtesten Sofas in der sächsischen Nach-Bauhaus-Epoche herum. Oder flogen relativ orientierungslos auf Streichhölzern durch eine haschkeksvernebelte Powerpoint-Präsentation namens: „Wer bin ich eigentlich? Und was soll das alles?“ Unterthema: „Es möge bitte aufhören!“ Flatterhaft düsten Herzen durch malerische Gegenden und krachten brachial gegen den nächsten Felsen. Fragen, die man sich immer stellte, warfen Schatten an die Wand. Etwa diese hier: „Wer zum Teufel hat eigentlich dafür gesorgt, dass die WC-Lichtschalter immer außen sind?“ Nur ein kurzer Brainstorm. Dazu später mehr.

 

 

 

Vorweg ein paar Zahlen: Am 14. August 2005 lernten die Docs Ulf und sein Gefolge kennen. Ulf, den Master of Desaster, den Besitzer des Hofs in der Langen Straße. Das Gefolge war stehts riesig und abwechslungsreich, Schue sei hier deshalb stellvertretend genannt … ach ja!  2012 mussten die Docs passen; Makarios erholte sich von einer OP und ans Konzertieren war nicht zu denken. Somit, tata und tusch, rückt mit dem heutigen Abend die Zahl 13 in den Fokus. Im Russischen bringt sie angeblich Unglück. Aber auch Glück. Dazu später mehr.

 

Heiß, heißer, hmmmm … Soundcheck. Die Bühne steht. Und alsbald nicht mehr. Hurtig wird die Backline wieder abgebaut. Über Pi-rna wütet Wolke Pi, es schüttet wie aus Eimern, die bereits eingetütete Bühne weist Löcher auf und wird 20 elende Minuten lang überschwemmt. Heiß, heißer, hmmmm …  Regen. Und dann wieder Sonne. Backline erneut aufbauen. Und Wolke Pi? Blickt von oben herab, kichert, legt erneut los. Es donnert, blitzt. Pratajev lässt die Korken knallen. Hurtig wird die Backline wieder abgebaut.

 

 

 

Doch dann, Schlag 20 Uhr, der Hof ist kaum mehr begehbar, die Leute stapeln sich, manche sind derartig nass, dass der T-Shirt-Verkauf vorm ersten Lied bereits ungeahnte Höhen erreicht. Schlag 20 Uhr und 15 Minuten: „Da hält der Wind den Atem an.“ Lied eins schallt aus den Boxen, aus Wolke Pi tröpfelt es nur noch. Die Sonne kommt raus und geht über in eine fulminante blaue Stunde. Der erste Konzertblock läuft und die Docs werden zu Wolkentrappern.  

 

Fürst Fedja ist im Tank Company-Element, reicht Wodka um Wodka schnurstracks gen Bühne, dankbar wird schnabuliert. Die Pratajev-Reise nimmt jeden mit, den Doc M. am Wegesrand aufsammelt. Ein Gärtner ist dabei, ein Käferzähler, eine Schwimmerin, ein Satter, ein Wanderer, ein Mütterchen, das nach Schnaps stinkt und so stiefeln sie dahin, bücken sich, fürchten die harte Wirtin bis die erste Pichelstein-Saite beim Weltrekordversuch krachend reißt. Grund genug, nach weiteren Weisen an die Schnapsbar zu gehen, sich unters Volk zu mischen, Fotos zu machen, sich in den Armen zu liegen. Die Welt ist gut, gerecht, bunt und niemand geht an Krücken. Noch nicht. Dazu später mehr.

 

 

 

Immer voller wird der Hof, Glück hat der, der ohne selbst aufstehen zu müssen, sich einen Nachschublieferanten hält. Ulfs gutturaler Ruf: „Soljanka ist fertig“ verhallt beinahe ungehört; zeitgleich zünden die Docs das Set Nummer zwei. Dunkel ist es mittlerweile, trunken sind die meisten, und Fürst Fedja gibt den Takt vor. Noch einmal erscheint der Held der rasend schnellen Arbeit vor der Bühne. Erst wird „Der Rotarmist“, dann „Wodka Wodka“ gespielt, es folgt „Jeder Schluck“ und schon ward er nicht mehr gesehen, der Fürst Fedja. Alles lacht, klatscht und macht schönen Radau. Nur Fürst Fedja ist weg. Und hinterher, nach den letzten Zugaben, wird der Grund dafür gewahr.

 

 

 

Zu schnell die Treppe genommen, zu böse dran aufgehangen, was blieb, war Schmerz. Glücklicherweise ist auf jeder Pirna-Hofnacht eine gut gebuchte Ärztin anwesend, eine ganz tolle, und so ward der Fedja rasch in die Stadtklinik verbracht. Während die Docs den „Löffel aus Holz“ schwangen, hieß es wenige Kilometer entfernt: Patella-Sehnenriss links. Eindeutig: ein Sportunfall, Fedja war zu schnell. Innerlich bereits an der Schnapsbar, äußerlich im leidigen Blindflug dran vorbeigeflogen. Ende vom Lied: an Krücken humpelnd, mit einer Maximaldosis Tilidin intus und schick verbunden ab ins Hotelbett. Statt wilder Feier fades Dekor, vielleicht noch ein ganz schlechter Schießfilm auf VOX und völlig unbemuttert. Am nächsten Mittag: rasches Frühstück, mitleidige Telefonate und die Fahrt mit gestrecktem Bein auf dem Sozius nach Hause, in die Klinik, unters Messer.  

 

 

Wolke Pi, Wolke Pi, liebes Pirna. Das 13. Konzert der Docs auf einer Hofnacht war ein glückliches, ein wunderschönes und die Soljanka war lecker. Danke Ulf, danke glückliche 13. Danke Frau Doctor für die Rettung des Fürst Fedja. Böse 13! Danke stellvertretend Schue. Und aus dem Krankenstand, mit einem Pflegeattest von sechs Wochen Schonung und Ruhe ausgestattet, winkt Fürst Fedja. Eine Bitte: macht unseren Tourmanager glücklich. Nein, Postkarten, Sprachnachrichten sind der völlig falsche Weg. Bestellt bei der Tank Company so viel Ihr könnt, trinkt von nah und fern auf ihn, ordert Gin, Rum und natürlich Wodka Bulbash aus der Flasch‘. Dann ist die Heilung aller Menschen, auch der ganz verrückten, niemals fern.    

 

  

Ölig wie zwei Spanier am Kavalierstrand (410)

 

 

Die Warnmeldungen der Wetterdienste haben es heute in sich: „Sengende Hitze macht jede kleinste Anstrengung zur Qual, massive UV-Strahlung, 39 Grad. Bleiben Sie bloß zuhause, ziehen Sie dicke Gardinen vor die Fenster und rühren sich kaum von der Stelle.“ Tatsächlich, das wäre eine Option. Denn die Sonne wütet, das Land glüht, der Korpus schwitzt, voll genässt der Schlüpfer sitzt, aus allen Ritzen läuft es raus, und zwar in Saus und auch in Braus.

 

Als Doctor Pichelstein mittags seinen Sangesdoc vor der Haustüre ins Auto lädt, ist das erste Handtuch bereits völlig durchnässt. Fürst Fedja muss an diesem Sonntag passen, die Tank Company nimmt den Tourmanager voll in Beschlag, und so geht‘s wie anno dazumal im Duo Infernale auf die Reise nach Dresden. Ziel ist das 29. Elbhangfest unterm derben Volksmund-Motto: „Diddschn statt Diggschn – das wohltemperierte Kaffeekränzchen.“ Besser gepasst hätte: „Gugge mah, wie de Sonne in den Gobb neindiddschn dud - Sehnsuchtsort Wüste.“ 15 Mal in Folge sind die Doctors nun bereits auf dem Elbhangfest, Tradition verpflichtet, Hitze hin, Regen her.

 

 

Auf Bockwürste oder Autobahn-Sandwiches aus dem Laser-Drucker wird verzichtet, die Devise lautet: Schnell ankommen, Schatten suchen, einträchtig nebeneinandersitzen, Kaltgetränke zuführen und was Leckeres aus der Küche der Grottenwirtschaft schnabulieren. Ein Plan, der funktioniert. Der Küchenchef tafelt großzügig auf und Doctor Pichelstein wird unterm azurblauen, wolkenlosen Himmel rasch klar, dass Radler heute eine bessere Option ist, als Radeberger pur. Auf der Bühne stehen derweil im Schweiße: Faktor-X. Die Messenger-App auf Chefwirt Hendriks Handy pingt. Ein Bild wird geladen, ein Dachstuhl steht in Flammen. Den Schlagzeuger der Kapelle Bmon hat’s erwischt. Bmon sollten eigentlich nach den Doctors um 17 Uhr aufspielen, daraus wird nichts. Denn wem das eben erst gebaute Haus abbrennt, hat anderes zu tun, als Trommelfellen saures zu geben. Unser größtes Mitgefühl für das Desaster, zu Schaden kam niemand. Hat die Katze geraucht? Wir wissen es nicht.

 

 

Unterdessen berieselt ein Mädchenbefeuchter die vormals glühende Straße und es ist eine große Wonne, dabei zuzusehen, wie auf E-Rollern oder Fahrrädern vorbeifahrende, strahlende Damen in leuchtend weißen Shirts und Blüschen darunter kreischen, während verdruckste Herren, von der Hitze melancholisch matt geworden, cool bleiben und sich Tropfen galant von den Brillen putzen. Kinder fahren, rennen, toben durch die Pfützen, meistens mit einem Juchzen, seltener mit dem laut artikulierten Wunsch nach einem von der Mutter aufgeklebten Pflaster fürs ramponierte Knie. Wer schneller als der eigene Schutzengel ist, hat eben Pech. Im Schatten ist es eine Wonne dem Treiben zuzusehen, doch nach gefühlten Stunden des Müßiggangs ruft die Arbeit. Im Schneckentempo wird die Bühne bestellt, der Sound eingepegelt. Das zweitheißeste Konzerte der Russian Doctors - nach einem Pirna-Open Air vor drei Jahren - startet mit ein wenig Wind, der den Atem bis dato anhielt. Und eben dieser Wind ist es, der das Spielen ganz und gar angenehm macht. Mitten im Lied beginnt er zu wehen, verspielt als Lüftchen, direkt vom Elbufer herkommend, an dem es – aufgrund des Niedrigpegels – von Goldsuchern nur so wimmeln müsste.

 

 

Der Hitze geschuldet treibt es die Menschen nicht in Scharen vor die Boxen, doch unter Zeltplanen und Rettungsschirmen geht es ähnlich hoch her wie in den Jahren zuvor. Mancher Karawanenpilger glaubt einer in der Sonne leuchtenden Fata Morgana aufgesessen zu sein. Vor Ehrfurcht und Unglaube („Der Gärtner lachte …“) klappen die Kinnladen herunter. Nach einem hastig verkonsumierten Kaltgetränk wird das Glas zum Himmel gehoben und der mit weicher, schnurrender Stimme geäußerte Satz: „Das beste Konzert, das mir auf dem Elbhangfest zu Ohren kam“, macht die Runde. Ja, da steckt Wahrheit drin. Und überhaupt: Wann darf man schon von sich behaupten, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit zu sein? Geschieht wirklich selten. Würde man das zweistündige Konzert mit einem Adjektiv der musikalischen Superlative beschenken, dürfe „zauberhaft“ passen. Verwiesen wird an dieser Stelle auf die „Ballade vom gelben Fettfrosch.“ Speed-Ausreißer dürfen dennoch nicht fehlen; selbst unter Wüstenbedingungen lässt es sich Doctor Pichelstein nicht nehmen, einen Weltrekordversuch bei der „Harten Wirtin“ anzureißen. Knapp wird er verfehlt. Den Nerds sei somit in die Tabellen notiert: „Schnellstes jemals bei einem tropischen Elbhangfest gespieltes Lied.“ Es darf getanzt werden, unterm Mädchenbefeuchter sieht das allemal toll aus, und dass in der „Harten Wirtin“ die Refrain-Zeile „Manchmal im Winter“ vorkommt, läutet gefühlte Kühle ein. Als im letzten Zugabenblock „Als das Eis kam“ über die Pillnitzer Landstraße schallt, schauert’s einem gar über den Nacken herrlich wunderfein. Rundum glücklich, ölig wie zwei Spanier am Kavalierstrand, verlassen die Doctoren die Bühne. Es ist kurz vor 18 Uhr, kein Mond hängt sichtbar am Himmel, der Weg in die Kemenate ist noch fern. Ach, Grottenwirtschaft, liebe Menschen, wir haben Euch alle gern.

 

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