Pucks und Bälle an der Schnapsbar (435)

 

Es ist Hoodie-Wetter, bald schon Herbst, und der ist längst in die Balkon-Tomatenplantagen eingezogen. Wäre man auf dem Land, würden einem die Kühe sehnsüchtiger als Melkerinnen hinterherschauen. Doch heute geht es für die Docs nach Leipzig-Plagwitz, wo das Lieblingstier eines jeden Wirtes immer noch der Zapfhahn ist. Wo dünne Männer mit Sternburger-Flaschen in Händen auf dem Konsum-Bürgersteig am Westwerk hocken. Dünne Männer, die nach Lauchsorten benannt werden sollten. Solange das nicht geschieht, nennen wir sie eben Mürbeteich-Manni, Lodden-Toni oder Rocko Ravioli. Männer, denen die Tyrannei der Ambitionen irgendwann in den 1990er-Jahren abhandengekommen sein muss. Obwohl sie erst Mitte 20 sind. Auch Frauen sind auszumachen, Frauen mit harter Skepsis im Gesicht, sich einen Outdoor-Schnaps auf der Zunge zergehen lassend. Ihnen zu nahe zu kommen wäre fatal.

 

Wer Leipzigs Polizeiticker verfolgt, wird immer wieder lesen: in schwach beleuchteten Ecken sollte man nach 22 Uhr weder mit einem iPhone12 noch mit schicken Sneakers und einem frisch gekauften Döner lustwandeln. Kann dazu führen, dass eine „Gruppe Unbekannter“ auf Herausgabe aller Sachen pocht. Dabei sehen die Members of Unbekannt gar nicht so aus wie eine Horde Hells Angels-Abgesandter. Aber die Menge macht’s - und schon kommen wir wieder zu erfreulichen Dingen. Denn wo starker Schatten ist, da ist viel Licht. Um Goethes Götz von Berlichingen den Satz im Munde umzudrehen.

 

 

 

Licht an in der Stallwache! Die 3-G-Regel macht’s coronakonform möglich. Anlass: Ein heroisches Aufkommen. Die exklusive Russian Doctors-Lesestunde „Pucks und Bälle an der Schnapsbar“. Denn Doctor Makarios und Doctor Pichelstein lieben es, ihrem großen Pratajev-Vorbild gleich und wodkabeseelt anderen bei der sportlichen Arbeit zuzusehen. Gern beim Fußball und sehr gern beim Eishockey.

 

Doctor Pichelstein übernimmt Eishockey, den härtesten und schnellsten Mannschaftssport der Welt. Genauso wie es sich für den ebenfalls schnellsten Akustikgitarristen der Welt gehört. Wenn es heißt: „Ein Schuss übertriebene Härte kann nie schaden“, ist er zur Stelle. Besonders dann, wenn die Strafbank an der Theke verortet ist. Doctor Makarios übernimmt Fußball. Schon als kleiner Junge brüllte er sich im Fanblock von Motor Lindenau die Stimmbänder heiser und bekam dadurch eine schöne Sängerstimme. Noch wartet die Fachwelt, nach all den Pratajev-Büchern der letzten Jahre, sehnsüchtig auf ein ballrundes  Debüt.  Das fast fertig geschriebene Meisterwerk „Fußball ist kein Wunschkonzert“ liegt aber bereits in der Schublade und handelt von einer Mannschaft, in der viel Charakter steckt. So viel, dass es sich überschwänglich lohnt, auf einzelne Spielertypen einen tiefen Blick zu werfen. Auf den Elfmetertöter, den Eisenfuß oder das falsche Kopfballungeheuer. Auch der Chancentod kommt nicht zu kurz. Lassen Sie sich einwechseln für diesen sportlichen, garantiert feucht-fröhlichen Abend. Springen Sie über die Bande oder lassen Sie sich von einem hübschen Ballmädel oder einem Balljungen ins Stadion Stallwache führen.

 

 

 

Tja und mit diesen Worten ist bei eingeschalteter Mikrofonierung eigentlich schon alles gesagt. Zur Umsetzung nur noch so viel: Mit Zitronen-Pfeffi zwischen zwei klirrenden Kaltgetränken á la Schmo liest es sich besonders gut … Das Publikum dankt mit artigem Leseapplaus, verfolgt vom unbezähmbaren Wunsch auf einen Vollrausch am späten Donnerstagabend. Don Bulbash freut’s und der Shaker spielt unser Lied. Wobei mit „Shaker“ kein ritueller Gottes-Schütteltänzer einer christlichen Freikirche, die aus dem Quäkertum hervorging, gemeint ist. Sondern dieses Stainless-Steel-Gerät für leckere Cocktails.

 

Wir sehen uns wieder in der Stallwache am Samstag, den 02.10.2021. Anlass diesmal: Die II. Auflage der Bulbash-Masters mit den Russian Doctors. Gelesen wird nicht. Dafür wild und heftig konzertiert. Jajaja! Lasst es Euch nicht entgehen! Das wäre schlimm! 

 

 

Am schönsten ist die Welt, wenn alle schlafen (434)

 

Da kein aufgeweckter Klimaschützer die Russian Doctors samt Backline auf einem üppigen Lastenrad heute nach Magdeburg zu transportieren gedenkt, muss der Tourgolf das eben erledigen. Dumm nur, weil wegen einer Klimaschützer-Kundgebung rund um den Flughafen Leipzig-Halle entsprechend mehr Abgas-Umwege-Kilometer drauf gehen. Und auch die vielen Mannschaftswagen der Demo-Bereitschaftspolenten, die an Wegesrändern der Umleitungen zu erspähen sind, kamen nicht auf E-betriebenen Flügeln daher. Bratwurst und Kaffee wird im Team Blau von Uniform zu Uniform gereicht.

 

Es ist früher Samstagnachmittag unter mausgrauen Hochnebelfeldern, die die Sonne erst nach dem Passieren der A14-Bodebrücke zu knacken vermag. Anschließend wird's eine feine, strahlende Rutsche. Von geriatrischen Notfällen bis zu PS-Porno mit aufgeblähten Bockwurst-Ärmchen im Rückspiegel keine Spur.   

 

Ziel des Tagesritts ist das Bluenote in einem besseren Stadtteil Magdeburgs, in Stadtfeld. Wo Dressurreiter der Apokalypse Teufelchen an Wände malen und kein Obi-Handwerker fasziniert auf Silikon-Brüste starrt. Wo malade Sorgen des Lebens wie Rost von einem abblättern und den gegebenen Umständen maximaler Lebensgenuss abgetrotzt wird. Allerdings, die Docs werden es später noch live vor Ort erfahren, es auch keine aufgeräumten Keller gibt. Was aber für sämtliches Magdeburg gilt, glaubt man der Wirtin, und die muss es wissen. Merke: Niemals einer Wirtin widersprechen.

 

Heureka! Carsten hatte neulich Geburtstag. Jung ist er geworden und die Docs dürfen samt Pratajevs Klanggewitter aus der Torte steigen. Das Buffet ist längst eröffnet, der Spezialitätengrill steht unter wohligem Dampf. Die Bluenote-Belegschaft arbeitet mit cooler Hand-Auge-Koordination, kein leeres Glas bleibt unbefüllt.

 

 

 

Als das 1:0 des 1. FC Magdeburg gegen Kaiserslautern (gleichzeitig der gefeierte Endstand) fällt, stehen die Docs justament im (natürlich) unaufgeräumten Keller des Clubs und sondieren die Lage zum Hochtransport einer Anlage zur Beschallung des Publikums. Lange wurde hier - coronabedingt - nicht mehr live gespielt; gleich zwei mumifizierte Mischpultspinnen zeugen davon.

 

Es folgen tatkräftige Handgriffe, perlnasse Schaltversuche, schlussendlich stimmt der Sound im Check. Am liebsten möchte man gleich loslegen und ein paar Pratajev-Wunderkerzen abbrennen. Aber nein, das Buffet duftet einfach zu gut. Und erst der Grill! Wäre der urlaubende Tourmanager Frank The Tank heute anwesend, oh ja, er wäre sehr glücklich und sähe die Lage rasch klar. Wie nach zwei Litern Küstennebel intus.   

 

 

Das Konzert startet mit perfektem Schaukelüberschlag. Pichelstein schleudert gleich mal das Plektrum über die Bühne, Makarios beschenkt Carsten nach „Wodka Wodka“ passend mit einer Flasche Bulbash und vermittelt große Sauflaune. Das Publikum hat kein schlürfendes Barshipping im Sinn - dafür greift der Spaß (nach ehedem langer Konzertabstinenz) viel zu rasch um sich und steigert sich von Songknospe zur vollen Blütenpracht. Mit unverkennbarer Dunkelstimme führt Makarios durchs Set und treibt Pichelstein zu Hochglanzleistungen.

 

Am Ende steht fest: Germanys Next Top Model-Gitarrist knackte die nächste Schallwelle im Schnellgitarrespielen. Weiterhin: Live-Weltpremiere feierte die „Schweigende Schwester“ (in der kommenden EP-Version). Und: Nach erster Kaltgetränke-Verschnaufpause dauerte es 23,5 Minus-Minuten, bis die Docs wieder auf der Bühne standen und ein Hit-Feuerwerk abbrannten. Weiterhin: Der Zugabeblock (mit Löcher im Strumpf-Chor) schnappte kurz nach 23 Uhr nachbarschaftsgerecht zu. Und, last but not least: Nass wie die Badepudel lagen sich die Docs in den Armen und strahlten übers ganze Gesicht. Auf an die Schnapsbar, man kann ja schließlich nicht immer bloß drüber singen.  

 

Nach einer Schar Kräuterschnäpsen geht’s gefühlt sehr viel später um die Ecke, ins Best Western Hotel Geheimer Rat, und es wird keine Stunde mehr dauern, bis Doctor Pichelstein diese Zeilen an Wände pinseln möchte: Am schönsten ist die Welt, wenn alle schlafen. Frisch geduscht und gerne in einer malerischen Spätsommernacht wie dieser. Dickes Danke lieber Carsten!  

 

Bild 2: Mina Sommer

 

 

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