Okay, aber andererseits, warum nicht größer denken: Eine Netflix-Serie (429)

 

Sonntag, 04. Juli, 22 Uhr. Doctoren telefonieren miteinander. Große Ratlosigkeit herrscht allenthalben vor - und dass nur in der Bibel Vertrauen eines der zentralen Themen ist, hilft mangels Glaubwürdigkeit auch nicht weiter. Ein Gewitter zieht auf und man fragt sich, wer dem Donner all die schönen Hardcore-Melodien beigebracht hat. Cello? Geige? Boxsack-Bass!

 

Warum herrscht große Bibel-Ratlosigkeit vor? Hannes 1, technische Leitung des Rostocker Zwischenbaus, ist seit Tagen nicht zu erreichen. „Ohne Go! von Hannes 1 keine Streaming-Reise nach Rostock“, befinden die Docs kurzerhand, und canceln den Trip in den schönen Ostnorden per Mail schweren Herzens. Wollte Hannes 1 doch alle längst mit gewichtigen Informationen (Ankunft, Hotel, Dreh) gefüttert haben. Es blitzt, brummt. Da ist wohl himmelwärts wer auf ein halbdefektes Effektgerät gelatscht. 

 

Immer noch Sonntag, 15 Minten später: Hannes 2, Geschäftsführer des Zwischenbaus, meldet sich auf allen Kanälen gleichzeitig und wirft sich in den Staub. Man hätte mit Drehs zu tun gehabt, Wermsdorfer Woche und so. Ende vom Lied: Das Go! Reiseantritt am Montag, 05. Juli, 14:00, Unterkunft: Gästehaus Lütten Klein, dicht zur Stream Location auf dem Rostocker IGA-Gelände, fünf Autominuten vom Warnemünder Strand entfernt. Aufbau: Dienstag, 06. Juli, 09:00, Start: 12:00 Uhr in Klein China an der Warnow. Noch rasch Herrn Beckmann eine Mail schreiben, denn Gastdoctor Robert (vom seit 2x11 Jahren pausierenden Inchies- und aktuellen GrüßAugust-Kombinat) hat sich dankenswerter Weise bereit erklärt, den „Gärtner“ mit erklecklichen Geigennoten zu veredeln. Was wäre da alles ausgefallen, wenn Hannes 2 nicht zufällig aufs Handy geschaut hätte. Weltgeschichte! Danke an dieser Stelle an Hannes 2 und auch an Hannes 1. Wir können das nachvollziehen mit viel um die Ohren und wenig Schlaf dazwischen. Am Ende sieht man immer so aus wie unvorteilhaft verstorben und findet die Brille nicht wieder. Auf nach Rostock, durch alle Wetter, ab Montag gegen 14 Uhr.

 

 

 

Bei all den Baustellen stellt sich eine gerade heiß diskutierte Frage keinesfalls: die nach Tempolimits auf Autobahnen. Schön, wenn es mit 130 km/h voran geht. Fünfeinhalb Stunden auf der Piste gleichen sich in Summe wie immer und einst: die einen sind am Start, die anderen am Ende. Dazu wird Radio1 gehört, was an jedem späten Nachmittag in Berlin und Brandenburg mit verschwurbelten Tonkünsten einhergeht. Doctor Pichelstein fasst die Persiflage so zusammen: Musik für alleinerziehende, arbeitslose Akademikerinnen, die nach getaner Windelarbeit Bong rauchen und überlegen mit der großen linken Zehe wippen. Immerhin besser als eine schmutzige Schlagerabteilung mit Bumbum-Attitüde.

 

Als das Gästehaus Lütten Klein zu erahnen ist, beschließt das ans Auto gekoppelte Navigationsgerät auf der Magistrale Feierabend zu machen und verkündet keck die Ankunft. Konkurrent Google Maps springt helfend ein; das Ziel wird erreicht und nach Präsentation der gelben Impfsammelheftchen darf in der siebten Etage, zweite Komfortzone, ohne viel Chichi eingecheckt werden. Früher, so informiert ein älterer Gast mit gebogen krächzender Stimmgabel Doctor Makarios, sei das hier alles von Neptun-Werftarbeitern bewohnt gewesen. „Sieht von außen noch aus wie DDR, stinkt aber nicht mehr so von innen.“ Da lacht er und spuckt mit souveräner Arroganz in Richtung einer Hartgeldnutten-TikTok-Infektionsgemeinschaft, die man gerne zum Kühe melken schicken würde, deren Videos am Idioten-Uploadfilter hängen bleiben (schön wär’s ja, wenn es so was gäbe).

 

  

 

Rasch noch zum Norma gegenüber, Getränke besorgen, Schalenbauwerke und 18-Geschosser bewundern, dann rein in die Abendplanung und die führt per Taxi direkt zum Robert ins Rostock, das man bisher kannte. Wo es auch viel schöner ist als in Lütten Klein mit seinen 1970er-Jahre-Wahrzeichen. Aber! Grün ist es dort, unheimlich grün. Nichts als Büsche, Bäume, Häuser, Beete und wieder Büsche. Getrost könnte man hier eine Beziehung zu einer Therapieeule aufbauen und diese, im verklärten Bann völliger Achtsamkeit, daran vorbei bis vor die Ostsee tragen.

 

25 Euro später hält der Taximann, sitzen die Docs alsbald mit Robert und Ulrike in einer wunderschönen, großen Kreativküche. Italienisches Essen wird bestellt, was die in einem Doppelstockhaus lebenden Herzratten im Trio auf den Schnupperplan rufen lässt. Pichelstein will gleich Pizzarand spendieren, doch Makarios greift in die Gesundfutter-Tüte. Schon schwebt noch mehr Liebe durch den Raum und dass mittenmang tatsächlich für den morgigen Stream geprobt wird, grenzt an ein prickelndes Wunder mit viel Verve und Tiefgang. Infolgedessen kann neben dem „Gärtner“ morgen noch die „Samtmarie“ aufgeführt werden. Ein herrlicher Abend, viele Geschichten dabei. Doctor Pichelstein staunt und würde am liebsten gleich zur Biographie-Schreibe ansetzen. Fehlt den Inchies doch immer noch: eine Bandbiographie. Okay, aber andererseits, warum nicht größer denken: Eine Netflix-Serie.

 

 

 

Frühstück! Im Norma-Schalenbau befindet sich dazu der passende Bäcker. Die Sonne lacht, der proppenvolle Strand von Warnemünde lockt. Etwas surreal in diesen Corona-Wellenzeiten, aber auch schön, der Normalität für kurze Zeit beiwohnen zu dürfen. Zeit für Selfies, nicht für Killfies, und Zeit für Matjesbrötchen. Keine Zeit für Matjesersatz (Gibt es das überhaupt? Matjes, der aussieht wie Matjes und keiner ist, weil aus Kichererbsen-Tofu hergestellt?).

 

 

Wie das schmeckt! Rasch ein Foto davon an Fürst Fedja geschickt, ein fettes „Äckse“ kommt zurück. Man muss wissen: Fürst Fedja leidet an einem DDR-Fischtrauma und will der Sache partout nicht auf den Grund gehen. So tiefenanalytisch-wodkahypnotisch halt (feat. Holzhammernarkose). Da kann man mit Ekstasenzungenrede noch so oft behaupten, dass geangelter Leipziger Schlammkarpfen aus einem 80er-Jahre-Industriegewässer anders schmeckt als heute Matjes. Schach Matt. Fürst Fedja wird es nicht glauben. 

 

 

Der chinesische Garten auf der IGA strahlt Ruhe aus und pralle Sonne ist noch bis 16:30 Uhr gebucht. Hannes 1 und Hannes 2 bekommen Gesichter, die Streaming-Crew stellt sich vor - und es gibt Unmengen zu essen, kalte Getränke. Fast kommt man sich vor wie am imaginären Catering-Stand der Netflix-Inchies-Serie, Staffel 8.  

 

Ein Streaming-Konzert ist eine komplexe, technische Angelegenheit. Video- und Audioqualität sollen nicht zweitrangig sein, sonst könnte man ja einfach auf Handys drücken und losfilmen. Inmitten von Kameras, Rechnern und viel Kabellage baut Doctor Pichelstein die Backline auf. Als Robert plus Geige am Chinesenteich auftaucht, steht bereits der Sound und eine Übertragungsdrohne wird mangels Mao-Kampfadler Herrin der Lüfte. Noch rasch zu Ende gesoundcheckt, dann ran an die Kaltgetränke und wieder ein Go! Doctor Makarios begrüßt das noch imaginäre Publikum, Pichelstein legt Feuer an die Gitarre und versucht dabei so verrucht wie eben möglich dreinzuschauen. Fällt nicht immer leicht, wenn einer aus der Technik-Crew mit Laufkamera in den Händen über die Bühne schleicht (Gottohgott, sieht man diese eine Haar später auf dem Ohr?).

 

 

Publikum gibt es doch! Immer wieder reiben sich Seniorengruppen auf IGA-Marsch die Augen und klatschen wie zu besten Strandmuschelzeiten. Dabei ist nur der Monitor-Sound zu hören, wird der eigentliche doch in einen Rechner gespielt. Was mit den Aufnahmen geschieht, wird am Ende auch nicht so ganz verraten. Aber da sind wir noch nicht. Denn nach einer gepflegten Doctors-Sethälfte, die schwitzend und triefend irgendwo in Murmansk endet, folgt er, der "Gärtner". Mit Geige. Doctor Pichelstein wünscht sich, dass der Song niemals endet. So genial klingt er - dank Gastdoctor Robert. Und weil die See einen Möwenschiss entfernt liegt, gibt es die "Samtmarie" obendrauf. Herrlich.

 

Pünktlich um 16:30 Uhr regnet es in Strömen und das wird fortan einige Tage in ganz Deutschland so weitergehen (in der Bibel kommen nach Pest und Flut übrigens die Heuschrecken). Am Abend sind die Docs zerzaust und glücklich erneut bei Robertulrike zu Gast. Es gibt Schnitzel. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Gemüse! Und ein Halbfinale der Fußballeuropameisterschaft, das Italien für sich entscheidet. Viele Pläne gibt es auch. Denn "Samtmarie" plus Geige, "Gärtner" plus Geige, das muss wiederholt werden. Und grundsätzlich muss wieder in Rostock live gespielt werden. Macht es möglich, Ihr Rostocker, die es könnt. Macht es möglich. Mit Heuschrecken oder ohne. 

 

       

 

Bilder 2 & 7: Mimi Mockingbird (danke!)

 

 

 

In jedem Mann steckt ein Don Juan. Oder:

Italienischer Prosecco, der in Gera vom Laster fiel (428)

 

Der vierte Kaffee kickt in LE-Detroitnitz Reudnitz. Ein rarer, fremdbestimmter Corona-Konzertkalender fordert ein ums andere Mal: alles auf der Gitarre trockenproben, denn nie weiß Solitär Doctor Pichelstein, was gespielt und gefordert werden wird. Eine verlässliche Setlist besaßen die Doctors nur zu Anfang, was schlussendlich im positiven Sinne dazu führt, rund 70 machbare Lieder aufführen zu können. Dass die Proben allerdings unter künstlichen Bedingungen (mit Kaffee) vonstattengehen (nicht mit Wodka) verfälscht die Lage jedoch deutlich.

 

Da sich Frank the Tank rarmacht und in der Stallwache-Bar Maestro genug ist, greift heute Doctor Henri ins Steuer. Bereit, sogar nachts die Rückfahrt anzutreten, was heldenhaft genug ist. Geht es für Makarios und Pichelstein doch zwei Tage später weiter zum Streaming-Konzert nach Rostock. Da möchte man mittenmang liebend gerne mit dem Gesichtsfaltenbügeleisen im eigenen Badezimmer stehen und mit mehr Lebenswillen als Unkraut ein deftiges Frühstück innerhalb einer Pyjama-Eskalation verspeisen.    

 

Thüringen lockt, genauer das Sommer-Open Air auf dem Wotufa Hof in Neustadt an der Orla. Hans Eckhardt Wenzel spielte gestern hier, heute sind The Russian Doctors als Vorhut der Surf-Rockabillys vom Jancee Pornick Casino dran. Feine Menschen, wie sich später im Backstagezelt herausstellen wird. Schöne Themen. Frauenthemen auch. „Was mach ich bloß mit meiner eifersüchtigen Freundin?,“ wird der Schlagzeuger mit dem Reklamierarm eines Manuel Neuer fragen. „In Therapie ist sie schon.“ Schweigen. Klingt drollig. Folgender Gedanke wurde nicht ausgesprochen: „In jedem Mann steckt ein Don Juan. Aber auch in einem Schlagzeuger? Ganz hinten, am Ende der Bühne? Wirklich?“

 

Rauchpausen müssen auf der Fahrt eingelegt werden. Auch bei Triptis, wo es alle mächtig im Hermsdorfer Kreuz haben (von Kudernatsch übernommen). Angesteuert wird der Rastplatz mit dem gleichnamigen Ausflugslokal Rodaborn, das man allerdings nicht erreichen darf. Ein fingerfressender Metallzaun, versehen mit allerlei Verbotsgebaren des Thüringer Landesbauamtes, verhindert das. „Fingerfressend“ ist apropos kein Schnullipulli. Im Juli 2012 wollte ein Ehemann, um zum Rosterstand zu gelangen, über den Zaun klettern. Dabei blieb er mit einem Zeichen ewiger Treue am Zaun hängen und riss sich den dazugehörigen Finger ab. Dass es sich in der Geschichte um einen Ehering und nicht um einen Cockring handelt, versöhnt doch sehr.

 

Was die Fahrerei betrifft, stellt Henri das genaue Gegenteil von Frank The Tank dar. Während letzterer stets die Geduld verliert, die er gar nicht hat, kurvt ersterer locker auf dem Gaspedal durch die Lande und kann auch einem Stau nichts Vernichtendes abgewinnen. Als das zuletzt wohl Anfang der 2000er-Jahre aktualisierte Navi Tankstellen am Zielort ansteuert, die heute keine mehr sind, wird klug drauf gepfiffen. Doctor Henri, möge er der erste Optimismusbeauftragte der Doctoren werden. Doch um das Gleichgewicht zu halten, darf Frank The Tank niemals lange fehlen. Im Übrigen: überall, wohin man ohne ihn fährt, wird er schmerzlich vermisst. So auch von der stets perlend lachenden Veranstalterin Frau S. aus D. noch ehe die ersten Roster am Grill verdrückt sind.

 

 

 

 

Im eingangs erwähnten Backstagezelt gibt’s bereits vorm Soundcheck italienischen Prosecco, der in Gera vom Laster fiel und in einem Eiseimer mit der Aufschrift „Corona“ kredenzt wird. Letzthin führt das alles dazu, dass Pichelstein erstens nach dem Soundcheck fast (mit Frank The Tank-Schwenk) von der Bühnentreppe kippt und zweitens Kopfball mit einer Metallstange spielt.

 

Brummschädelig geht’s ans Eingemachte. Hinter den Pinkelbüschen quietscht ein nichtgeölter Vogel und der Wotufa-Mischer mit Blues im Blut und Rock in den Haaren stellt auf GO! Makarios peitscht den Rotarmisten aus dem Keller, legt ein Hit-Brikett nach dem anderen aufs Pratajev-Förderband und schon tanzt der Garten wie nach dem Ende eines trüben Kohlrübenwinters.  

   

Pichelstein wird von Hummeln und allerlei Stechvieh attackiert, kein Wunder, wenn man vorher in Honigcreme badete. Grundsätzlich sollten Mücken übrigens Fett und kein Blut absaugen. Vielleicht kann die Wissenschaft nach Corona da was drehen.

 

 

 

Zwischen Amok und Idyll geht’s hoch her – während Henri am Merchstand lässig Zigarillos schmaucht und bereits in der Konzertpause die Merchkasse füllt. Alles im Rund gemahnt an einer Wiege sanfter Sorglosigkeit, bevor es mit Ekstase und rauchiger Zungenrede in den zweiten Block geht.

 

„Reife Leistung!“ brüllt jemand aus dem Tumult der Tanzenden heraus und das ist für heute Kompliment genug. Als eine Frau mit Haarpalme auf dem Kopf überm kleidsamen Sommerlook gegen einen Tisch knallt und alles scheppert, läuft die letzte Schnapsbar. Klar, dass der Abend gelungen ist und damit der Zugabeblock ein Ende findet. Holla die Wodka-Fee! Lang lebe der Restalkohol! Danke, liebes Wotufa-Team für diesen Abend. Eure konzertglücklichen Doctoren.   

 

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