Ganz in schwarz mit einem Blumenstrauß (409)

 

 

 

 

Die Nacht war mondhell, kurz und friedlich gewesen. Frühstück im Franzenshof. Fürst Fedja tollt anschließend mit dem Pensionshund herum und stopft dessen liebstes Quietschkuscheltier in einen unerreichbar hohen Ast. Nach einer letzten Kippe mit der harten Wirtin geht’s mit frisch besaiteten Gitarren ins Auto, rauf auf die Bahn Richtung Oranienburg. Weil Doctor Makarios grundsätzlich mit Klimaanlagen auf Kriegsfuß steht, dampft der Tross dahin. Es ist heiß, das soll auch so sein. Schließlich haben wir Ende Juni. Und jede Fata Morgana im Saharastaub könnte dem Abend zuvor geschuldet sein.

 

 

 

Die folgenden 305 Kilometer Autobahn bis zur Pension Oranjehus ziehen sich. Geduld ist das Gebot der Stunde. Gerne würde man schlemmen, aber doch bitte nicht an den verkohlten Rändern einer Brandenburger Autobahn – jede Tankstelle ein kulinarisches Schafott, eine Phalanx phantasieloser Graffito säumt den Brückenbeton. Kolonnenverkehr herrscht vor, jede Rauchpause fühlt sich wie ein Urlaub in Aleppo an. Sächsisch-prosaisch geht es zu. Doctor Pichelstein lernt neue Wörter, ganze Sätze, die sich so anhören: „Gugge ma, ene Dickbiezsche!“ Nicht mal Onkel Google kennt „Dickbiezsche“. Weder als Wort, noch als Bild oder Video, was gut ist, denn eine Dickbiezsche hat viel zu tragen und könnte das Opfer eines außergewöhnlichen Zaubertricks sein.

 

 

 

Es dauert eine weiterhin hungrige Weile, bis das ganz große erste Glück des heutigen Samstags erreicht ist. Nach dem Einchecken im schnuckeligen Oranjehus geht’s schnurstracks an die Havel, hinein ins ortsteilfreie Kerngebiet der Stadt Oranienburg. Nicht weit von hier gründete sich vor 126 Jahren die erste Genossenschaft Berliner Vegetarier, was kein Grund ist, ohne Umschweife mit alternativen Lebensweisen anzubändeln. Nein, nach dem Durchschreiten einer Elektroauto-Show, die durch mikrofonierte Quietschlaute einer rot bekleideten Emporen-Blondine gerade so richtig Fahrt aufnimmt (ob RTL2-Scouts anwesend sind?), wird ein Havelrestaurant mit idyllisch angelegter Terrassenanlage geentert. So muss es sein, das ist die schöne Seite des Tourlebens. Die Herzen werden leicht wie Heliumballons. Man stößt auf Pratajev an, der all die vollen Teller und Gläser in gewisser Weise bezahlt hat. Und was macht man am Ende eines prächtigen Mahls? Richtig. Liegen, schlafen, Schießfilme oder Lindenstraße schauen, bis Fürst Fedja (ganz Tourmanager) an Türen klopft und der Gemütlichkeit den Garaus macht.

 

 

 

Auf geht’s mit dem vollbepackten BMW zum Weidengarten, denn dort wartet Marcella im taillierten Gewand, darüber ein Wasserfall honigfarbenen Haars. „Ganz in schwarz mit einem Blumenstrauß“, möchte man dem heute zu befeiernden Geburtstagskind vorsingen. Ehe viel anderes als glühende Verehrung passiert, hat jeder ein Kaltgetränk vor der Nase. Es ist 18 Uhr. Der Countdown läuft. Soundchecken würde man gerne, doch die Sache ist diffizil. Man hat keinen blassen Schimmer, wie das gehen soll. Im Laufe der letzten 16 Jahre haben die Doctors schon einiges meistern müssen, um verstärkt aus Boxenbergen erklingen zu dürfen. „Irgendwo muss doch das Mischpult sein“, sagt ein Doctor zum anderen. „Hier ist es,“ hilft Weidengarten-Steffen auf die Sprünge. Er wedelt mit einem ramponierten Handy. Und tatsächlich. Es ploppt darin auf: Eine Mischpult-App, die sich ins WLAN einloggt, schon lässt sich die Backline mit der knopflosen Behringer-Steckleiste koppeln. Hurra! Gerade noch rechtzeitig vorm Gästesturm aufs fulminante Buffet passt alles. Nichts wie hin zum Schmaus-Bankett. Dem Geburtstagskind wurden unterdessen Haushaltsutensilien zum Geschenk gemacht. Ein Kuh-Krug, ein Löffel aus Holz sind darunter. Fehlt noch ein Kochbuch aus Birkenrinde und ein geschnitztes Bügelbrett zum Spielen. Loben müssen wir an dieser Stelle den picobello fein geschmückten Saal mitsamt ebenerdiger Bühne. Darauf einen Kümmerling. Und noch einen, bevor das erste Set gespielt wird.

 

 

 

Obwohl dem Anlass adäquates, sonniges Wetter mit strahlendem Indigo vorherrscht, verzichten die Doctoren auf kurze Beinkleider. Wo doch alle Menschen im Weidengarten so hübsch angezogen sind, will man da in nichts nachstehen. „Der Rotarmist“ lockt sie zur Bühne, die kleinen und großen Gäste. Später wird Lina ins Poesiealbum hineinfragen, warum die Russian Doctors so viel über Schnaps singen. „Tja“, liebe Lina, „weil die Russen eben gern und viel und oft trinken. Man muss das ja nicht gleich nachmachen. Aber man kann …“ Und so läuft das Konzert rund, gefüttert mit Pratajevs erhabener, dichterischer Magie. Doctor Makarios richtet dann und wann das Mikro in die tobende, recht textsichere Menge. So wird „Beim Bücken“ locker auf zehn Minuten Endlosschleife ausgedehnt. Junge, hübsche Kellnerinnen tragen mit Hingabe Schnaps-Tabletts durchs Kollektiv. Doctor Pichelstein schmückt das Glück in rasende Gitarrenakkorde und denkt sich: „Ach, was will man mehr? Es gibt so viel Banales auf der Welt. Nur nicht heute. Drum lasst uns trinken, feiern, lachen und überhaupt … wieso ist mein Glas schon wieder leer?“

 

 

 

Zur Pause wird das Bühnen-Schwitzbad für 17,5 brandenburgische Minuten nach Frischluft japsend verlassen. Wenn sich bereits das erste Set wie ein äußerst gelungener Saloon-Überfall anfühlt, wie mag das zweite werden? Kaum zu glauben, die fiebrige, wunderbar sentimentale Tour de Oranje setzt sich ausufernd fort. Zugabe um Zugabe. Selbst als der Träume trunkener Schlussakkord erklingt, ist die Arbeit für die Doctoren immer noch nicht getan. Schlag zwölf hat ein Mädchen Geburtstag und es wird selbstredend nicht nur mit Geschenken überhäuft, sondern auch überirdisch umsungen, so, als stünde sie als Erdling mitten im „Time Warp“ der Rocky Horror Picture Show. Dann nichts wie raus an die Schnapsbar, von dort auf die Tanzfläche, auf die Sitzbänke, und so dreht sich die Welt weiter. Friedlich pfeifend wird nach dem letzten Tropfen gänzlich unfallfrei die Pension Oranjehus erreicht. Danke für die Tour de Oranje, liebe Marcella, lieber Baumfreund Ekmel. Wollen wir nun von einem Traktor träumen und genauso laut das Feld bestellen.

 

Kalte Conchitas und kein Netz (408)

 

So beginnt es, das Tourwochenende zweier 40. Geburtstage: An der Total-Tankstelle in Leipzig-Liebertwolkwitz bietet das studentische Philosophen-Personal, ausgestattet mit dem Merkzeichen „H“ (für hilflos) im Schwerbeschädigtenausweis, ganze drei Bockwürste im Erhitzer feil. Doctor Pichelstein hat Glück. Seine Wurst ist lauwarm. Fürst Fedja und Doctor Makarios wird nach längerer Senftubensuche erörtert, dass die restlichen Conchitas (wer „Wurst“ googelt, wird leichthin Bilder der Sängerin, wahlweise des Sängers Conchita Wurst finden) justament in den Erhitzer gelegt wurden und Folge dessen eiskalt seien. Blicke trüben sich vor Sorge. Es rumort in der Tanke. Keine 16 Uhr-Bockwurst für niemanden. Die Stimmung ist am Boden. Bauerarbeiter fluchen auf Polnisch, auf Sächsisch. Doch Zeit für Revolution ist nicht; Pichelstein kaut, Makarios raucht sich den Hunger weg und Fürst Fedja ist im Torpedo-Geiste bereits in Thüringen, im Saale-Orla-Kreis, wo die Gemarkung Weira verortet ist. Dorthin geht es heute. Thomas und Ralf, zwei Brüder, gesegnet mit dem belgisch anmutenden Nachnamen Bitterbier, laden zur Geburtstagsfeier in einer nicht beschilderten und somit namenlosen Kneipe ein. Wir wollen sie „Zum gemütlichen Kohlekraftwerk" nennen, denn Weira wurde zuletzt über die Landesgrenzen hinaus für den unermüdlichen Widerstand gegen Windräder, Stromtrassen und Mobilfunktürme bekannt. So ist das einstmals arg durch das Schweinezuchtkombinat Neustadt/Orla gebeutelte Kleinod eines dieser schnuckeligen Kirmes-Dörfer mit nostalgischer Sogkraft, in denen es zwar unbefleckte Landstriche gibt, aber eben auch „kein Netz“ auf allen Handys angezeigt wird. Und zwar gar keins. Selbst zum Telefonieren sind Hügel zu erklimmen, die erst aufgeschüttet werden müssen. Schlecht ist das alles nicht, Doctor Makarios fühlt sich mehr oder weniger darin bestätigt, dass Smart- und iPhones nicht opportun, sondern ganz und gar überflüssiger, dauernd piepender Geißelmist sind. Nun denn. Thomas, eigentlich ein Zwillingsbruder des älteren Robert Smith, ist 40 geworden, von Ralf weiß man das Alter bis zum Schluss nicht. Wohl aber, dass sein Spross großer Russian Doctors-Fan ist. Später am Tag wird noch ein kleines Tierlieder-Konzert extra für den Nachwuchs gespielt.

 

 

Unterm militanten Ignorieren mehrerer Rauchwünsche braust Fürst Fedja mit Wonne an Parkplätzen vorbei. Erst als die Murrgeräusche auf den billigen Plätzen Bauchredner-Qualitäten eines Tourette-Syndrom-Trägers annehmen, wird an diesem längsten Tag des Kalenderjahres 2019 gehalten. Man lässt sich von der Sonne überfluten, die Frisuren und die kurzen Hosen sitzen. Nein, sie kleben. Pichelsteins Auto-Lektüre „Kalte Füße in der Karibik“ von Joesi Prokopetz ändert nichts daran. Schließlich ist Weira erreicht, wird man mit größter Hingabe begrüßt, werden Getränke kredenzt. Nach dem Soundcheck gibt’s herrliche Suppen, Salate und noch mehr Getränke. Die Doctors schwitzen und treffen eine Entscheidung: Heute bleibt es bei kurzen Hosen, heute wird das erst dritte Konzert in kurzen Hosen gespielt. Es geht nicht anders, denn die Temperaturen im parkettverlegten und frisch gebohnerten Kneipensaal steigern sich, je später die Stunde, zum Diskant.

 

 

Gespielt wird ein klassisches Geburtstagskonzert, Makarios nimmt das Publikum mit in eine schonungslose, rasante Pratajev-Revue. „Der Gärtner“ ist mit dabei, „Die Zarte“ auch. Man probt für die neue Platte, die im nächsten Jahr erscheinen soll. Nach der letzten Zugabe gibt’s Dark-Gothic-Post-Wave-Rock auf die Ohren, MacBASS! Fledermäuse schwirren mit buddhistischer Gelassenheit durch die Nacht, denn besonders für Fledermäuse ist das Fehlen von Windrädern, Stromtrassen und Mobilfunktürmen eine lebensbejahende Gemengelage. Darauf einen Gin, einen Tonic, eine Zitrone, ein lauwarmes Beck’s und einen Bulbash, wie er im Buche steht. Schon geht’s mit viel Netz und Effet zur Frühstückspension Franzenshof in den Pößnecker Ortsteil Jüdewein und nach einem letzten Getränk aus dem Greta-Zahnputzbecher (echt Plastik) mit wenigen Umwegen in die Waagerechte.

Unterkategorien