Der nachgereichte Live-Ticker (413)

 

13:30. Hallo, liebe Menschen an den Handys, Alexas, Tablets, Computern und weiteren Tippdingern, die Euch, Zitatausschnitt Makarios: „… alle noch einmal zum Verhängnis werden.“

 

An diesem wolkenfreundlichen Freitag wuchtet Pichelstein in Leipzig-Reudnitz das Equipment ins Auto. Dreimal Treppe rauf, Treppe runter. Es regnet Hunde und Katzen. Tasche auf, Tasche zu. Ein bisschen Farbe schimmert (Ampel: rot, wahlweise gelb oder grün) durch den öden Stadtstau. Bis nach Lindenau wird viel Zeit von der Uhr rinnen.

 

14:05. Der langsamste Krieger des gesamten Wohnviertels Lindenau steht bereits Gewehr bei Knie. Bedächtig! Denn das Knie des Fürst Fedja wurde kürzlich nachoperiert. Die Metalldrähte sind raus, der Operateur ersetzte sie fachmännisch durch einen Cockring. Fedjas Fäden kommen nächste Woche raus und zack wird ein sehr junger Physiotherapeut namens Conny übers Geländer rutschen und direkt auf dem vergrabenen Cockring landen (alles Fiktion).  

 

14:25. Mit sonnigem Gemüt parkt Pichelstein den dieseligen Golf in Leipzig-Plagwitz, direkt vorm Büro der Firmen Upart und The Tank Company in umgekehrter, somit in falsch parkender Richtung. Fürst Fedja bleibt sicherheitshalber im Wagen. Pichelstein soll drei Dinge aus dem Büro besorgen. Wieder geht es: Treppe rauf, doch nicht sogleich Treppe runter. Oben angekommen hat Pichelstein alles vergessen. Tendenz zur Demenz. Wie gut, dass es Handys gibt. Fürst Fedja klärt auf und schiebt sich drei Kaugummis auf einmal in den Mund.      

 

14:37. Leipzig-Schleußig ist erreicht. Der Stadtteil mit den Kaffeeschaumscheiß-Müttern (das klingt total nicht nett und steht synonym für: Latte-Macchiato-Mütter), die sich auf dem Elterngeld-Ticket schadlos halten und vornehmlich Fahrrad fahren. Gegen böse SUVs, die alles zuparken und zum Teufel gehören, helfen kugelsichere Westen, Integralhelme und (tata) Tiefgaragen. Es soll auch einen Chor geben, der nur drei Wörter brüllt, die alle gleich sind: „Verbieten! Verbieten! Verbieten!“ Makarios steigt ins Auto, mit Schwung und sehr galant. Der Tross ist komplett und Pichelstein weiß wie immer nicht, wo es lang geht.

 

14:40. Stau nach drei Minuten. Feierabendverkehr. Viele SUVs dabei. Macchiato-Mütter-Männer müssen heim, die Arbeit ist getan. Es warten: drei quengelnde Kinder, eine Ehefrau mit Plänen fürs Wochenende (klingt für jeden Mann bedrohlich), eine SUV-Diskussion, Freunde, die samt Kinderstall zu Besuch kommen. Die Russian Doctors wollen nach Birkholz. Ein Blick auf das Navigationsding verrät: Landstraße ist besser. Autobahn ist keine gute Idee. Rot leuchtet die Piste.

 

15:30. Endlich rollt der Golf wie ein ICE aus dem Bahnhof. Letzter Unbedarfshalt: Taucha. Nichts geht mehr. Stand alles nicht im Fahrplan.

 

15:50. Bundesstraße 78, Eilenburg gerade passiert. Straße voll gesperrt. Crash. Blaues Licht flackert vorn, Rettungsgasse bilden. Du liebe Güte, das hier ist Nordsachsen! Kann man in Nordsachsen noch was retten? Außer Gassen? Eine Entscheidung muss her. Sie lautet: Wenden. Über noch kleinere Dörfer, als jene, die es bis an die Bundesstraße geschafft haben, geht’s weiter. Mit breiter Brust an Hühnerschlachtereien mit Verzehrmöglichkeit vorbei. Eine junge Frisörin in Ausbildung stört den Verkehrsfluss. Ihr Nissan-Superklein hat sich in einem Spinnennetz verfangen. Hunger.

 

16:00. Straßenrand, Bude mit rotem Anstrich an Tankstelle: Currywurst (Makarios), Hamburger (Pichelstein) und: „Ich will was Gutes, nicht immer nur schnell-schnell“ (Fürst Fedja).

 

16:15. Pichelstein überholt einen LKW. Mit den Augen eines Falken. „Hunger,“ ruft Fürst Fedja. Blick trübt sich vor Sorge. Bauch knurrt nicht nur, hupt jetzt auch gelegentlich. Einwand Pichelstein: „In der Psychotherapie sagt man: es muss erst schlimmer werden, bevor es besser wird.“ Stoisches Kopfnicken. Hup.  

 

17:00. Mal Regen, mal scheint die Sonne. Es müssten eigentlich jetzt Einhörner aus dem Gehölz kommen und Regenbögen kacken. Makarios hat nur Augen für den Straßenrand, für Pilze. Das Jahr 2018 war wahrlich kein Pilzjahr. Woran man das festmachte? In Sachsen wurden nur 83 Pilzvergiftungen gemeldet. Verdammter Brauner Fliegenpilz! Böser falscher Karbol-Champignon! Alles Gifterdlinge, die Pichelstein lustig sammeln und verspeisen würde. Aber er hat seinen Doctor Makarios, der kennt sich aus. 2019 wurden bis jetzt schon 109 Vergiftungen gemeldet. Tendenz? Steigend. Und Fürst Fedja so? „Hunger!“

 

18:00. Endlich runter von den elenden Landstraßen, rauf auf die … fahrnfahrnfahrn auf der Autobahn.  

 

18:15. Stau naht! Rasch wieder runter, Abfahrt Märkisch-Buchholz. Das Tor zum Spreewald steht weit offen. Hinein! Hinein! Doch nicht so rasch, überall Blitzer, und wo keine sind, haben Zierpflanzengärtner kleine Friedhöfe an den Wegesrand drapiert. Holzkreuze, Pilze, wohin man blickt.

 

18:30. Pension erreicht. Makarios und Fürst Fedja: rein ins Haus, Schlüssel holen und raus. Benny Bang hat sich verfahren und steht in einem ganz anderen Birkholz, auch in Brandenburg, aber falsches Birkholz. Oder vor der Urologie-Praxis Dr. med. Ronny Birkholz in Finsterwalde. Diese Navis sind komisch. Tücken haben die! Tücken!

 

18:45. Kalfs 40. Geburtstag ist bereits im vollen Gange. Der Regen hat sich gen Polen verabschiedet. Der Hof ist voller Menschen, die Menschen halten Becher in Händen und haben brav ihre jeweiligen Namen draufgeschrieben. Am Buffet ist das Besteck aus Holz, Klimaschutz wirkt. Pichelstein wirft achtlos eine Kippe auf die Straße „How dare you?!“ Oh, es donnert, es grollt. Nein, doch nicht. Falscher Alarm.      

 

18:50. Pichelstein schnappt sich ein Bier. Begrüßungsorgie! Wie schön! Lange nicht mehr hier gewesen. Tonic für Fürst Fedja und Makarios.

 

19:15. Aufbau der Gartenbühne. Dank an Baumfreund Ekmel fürs Schleppen! An Kalf für den Tipp mit dem selbstgezapften Bier. An Chrissi, an … es dankt sich so dahin, noch dankt keiner ab.

 

19:30. Bühne steht, Sound knarzt, Kinder stürzen sich auf Gitarren. Eine Mutter ruft: „Das lassen wir lieber, sonst müssen wir noch Dein Sparschwein plündern.“ Immer diese leeren Versprechungen von wegen „Mach das nicht, sonst fahren wir sofort nach Hause“ Haha.

 

19:35. Kinder stürzen sich auf Mikros. Mütter sind weg. An der Schnapsbar stehen noch neun von einst elf Flaschen Wodka Bulbash. Tonic mit was drin für Makarios. Fürst Fedja? „Hunger!“

 

19:37. Das Fleischpralinen-Buffet ist rigoros eröffnet. Hier endet die Teilnahme des Fürst Fedja am Tross-Geschehen. Das erfolgreiche und weit gereiste Großkunst-Duo Makarios und Pichelstein, aka: „The Russian Doctors“, ist für lange Zeit auf sich allein gestellt.

 

19:45. „Ich hab noch einen Russen …“ Konzert läuft! TRD nähern sich schlotternd der Betriebstemperatur. Eademakow zückt die Analog-Kamera und macht Fotos fürs Archiv.   

 

20:15. Deng! Erste Saite reißt. Da die zweite Gitarre nicht am Geschehen teilnehmen kann (knarz!), muss Pichelstein rasch eine neue Saite aus Stahl aufziehen. Kalf bringt Schnäpse. 

 

20:18. Großer Beifall. Saite sitzt treu wie Gold. „Da hält der Wind den Atem an …“  Kalf bringt Schnäpse. 

 

20:25. Noch größerer Beifall. Pichelstein knackt den brandenburgischen Rekord im Schnellgitarrespielen.

 

20:27: Kalf bringt Schnäpse. Ein Konzert, wie geschaffen für die Brandenburger Feuerwehr (von der die Anlage stammt): es brennt (mental)! Somit steigen die Temperaturen, denn es ist doch recht kühl. Nächste Saite reißt.   

 

20:50. Pause. Von Ferne sieht man Fürst Fedja mit einem sich biegenden Pappteller, dabei rührig ins Gespräch vertieft. Ina Lina hat neulich eine Kuh gemolken. Eine modellierte. Es gibt Beweisfotos. Feuer lodern, zwei Hunde, die es mit Nasen und Zungen bis über die Tische schaffen, sind glücklich. Reste fassen, schleck schleck. Makarios erinnert sich an Hundemilben. Es juckt.   

 

21:15. „Der Raucher von Bolwerkow …“ Konzert geht weiter. Kalf bringt Schnäpse.

 

21:30. Konzert siedet! „Junge Burschen tanzen …“ Glückshormonwerte steigen.

 

21:35. „Wiege deinen Rumpf … “ Nietenhose-in-der-Tanzhalle-Gefühl. Gänsehaut! Liegt nicht am Wetter.

 

21:45. Jemand hat sich vom Zopf befreit. Gestatten, Paralympics-Headbanging zu „Tote Katzen im Wind.“ Ein Augenschmaus. Fürst Fedja stellt (nur eine Vermutung) einen Pappteller zur Seite. Die nächsten Bulbash-Flaschen sind leer, das erste Bierfass auch. Bestimmt ruft jetzt einer: „Gib mir ein Glas Wasser. Ich will meine Leber überraschen“ (Running Gag).   

 

22:15. Zugabe! Zugabe! Kalf bringt Schnäpse. Hysterisches Hecheln.

 

22:20. Dritte Saite reißt. Die Doctoren bringen die Schnapsbar durch den Flickenteppich und haben es geschafft. Ina Lina knipst ein weinseliges Handy-Foto. Hier ist es.

 

Ratte in Birkholz  

 

22:30. Pichelstein räumt die Bühne zusammen, Fürst Fedja taucht wieder auf. Makarios arbeitet am Merch, rasch ist der Kräuterschnaps „Die Heilung“ alle. Erste Gäste zeigen Ausfallerscheinungen. Man merkt es daran, dass auf Damenbechern „Dieter“ und auf Jungsbechern „Rafaela“ steht (Namen frei erfunden).

 

23:00. Es tost, was tost. Es fällt, was fällt. Die meisten sind auf Punk gebürstet und Union Berlin hat mal wieder gut gespielt (tapfer gekämpft) und trotzdem verloren. Diese Gartenparty findet für manche auf der Titanic, für andere auf der Landesgartenschau statt. Erstere rammen Eisberge, zweitere fallen ins Gemüse.      

 

0:00. Bulbash ist alle. Nächstes Bierfass wird angeschlossen. Buffet ist geplündert. Jemand (kein Hund) macht sich über die Käseränder her.

 

1:00. Makarios und FraFö fahren in die Pension. Pichelstein bleibt. Und hat den Becherovka entdeckt.

 

2:00. Pichelstein und ein weiterer Gast teilen sich eine Matratze. Geplant war das nicht, doch der nette Herr schnarcht nicht und sieht bartbewachsen ungefährlich aus. Traum folgt. Darin: Ein Verneig-Verneig für all die lieben Menschen. Wow, was für ein Abend. Kalf bringt … chrr ... Schnäpse.  

 

 

Tanzt und bewegt Eure Hüften und Herzen (412)

 

Es ist immer noch Sommer, immer noch heiß; mit robustem Selbstbewusstsein humpelt Fürst Fedja zum Diesel-VW und pfercht sich hinein. Der Wodka-Lord reinsten Wassers, dem beim Konzert vor drei Wochen eine böse Treppe übel mitspielte, wurde unterdessen am Knie operiert und darf das Leipzig-Lindenauer Krankenlager heute verlassen. Zwei Nordic Walking-Kriegsheimkehrer-Krücken sind dabei. „Auf zum elften Dresdener Hechtfest“, heißt es wenig später, als der von den letzten Zucht-Proben stimmlich gezeichnete Doctor Makarios den Tross komplettiert.

 

Wie bei jeder Begrüßung folgt ein Adjektiv-Beschuss nach Pratajevs Diktum. Was kann man sich darunter vorstellen? Die Beschaffenheit konkreter Dinge, abstrakte Sachen, diverse Vorgänge und Zustände im Leben eines jeden Einzelnen werden bunt bekleckst. Christliche Pop-Songs sind genauso Thema wie das neue Liederbuch der Russian Doctors. Ebenso einige hier nicht näher benannte soziale Biotope mit eigenwilligen Bewohnern drin. Im Radio läuft schließlich die Bundesliga-Konferenz, auf den Autobahnen 38, 14 und 4 üben Mittelstreifen-Rentner und Wohnmobil-Lenker passiven Widerstand und strapazieren Pichelsteins Steuer-Geduld aufs Äußerste. Das Ziel ist ein kaltes Bier auf dem entspanntesten Straßenfest Dresdens zwischen Hecht- und Rudolf-Leonhard-Straße. Ein friedliches Stelldichein, ein unteilbarer Tanz der Hüften und Herzen.

 

Da … das Orgabüro. Ein großes „Hallo“ und jeder Wunsch wird von vielen roten Lippen abgelesen. Alles kommt von Herzen. Sehr schön, heute hier zu sein. Schon bald gibt es einen Parkplatz, das nH-Hotel ist gleich um die Ecke verortet - zu weit für einen Fedja-Sprint auf Krücken, doch auch Taxifahrer murren nicht, wenn der Sechs-Euro-Zahlweg 500 Meter kurz ist. Zumindest nicht öffentlich, wie sich spät in der Nacht und am Mittag danach herausstellen wird. Getränkemarken, Essensmarken, paradiesisch ("Voll, mega" - geht auch). Darauf Steaks mit Brot, Zwiebeln und Senf. Und einen Bulbash. Während das Auto des weißrussischen Gitarristen der Gruppe Gromko auf Krawall gebürstet „Alarm“ röhrt. Und das geht eine ganze Weile so.

 

 

 

Schlag 20:15 Uhr eröffnen die Russian Doctors das Stundenset mit dem „Rotarmisten.“ Makarios‘ Parole an Pichelstein: „Heute keine Experimente, spiel‘ schnell, dann schaffen wir die meisten Hits.“ Gesagt getan. Los geht er, der Furor. Glücklich unterbrochen durch kleine Schnapslieferungen zur Bühne. Die Technik ist top, die Konzertecke tanzt zur Blauen Stunde, wiegt die Hüften, schlägt Rad und Jünger des Verzichts sind nicht auszumachen. Mancher pellt sich aus dem T-Shirt und zeigt Bauch. In weiser Voraussicht werden Löffel aus Holz zu belebenden Winkinstrumenten und Makarios und Pichelstein stehen da wie Zauberer, die zusehen, wie sich Pratajevs Magie entfaltet. So herrlich ist’s, dass die zugebilligte Livestunde mit den „Toten Katzen im Wind“ und der „Schnapsbar“ endet.

 

 

Famoser Applaus, Abgang, Bühne räumen, herzen gehen, Platten unterschreiben, den Freunden von GrüßAugust mit einer 9-Volt-Batterie aushelfen. „Perfekt. Ist Saft drin. Hab meine Zunge drangehalten.“ – „Auch genügend Saft? Vielleicht doch den Batterietester nehmen?“ – „Nee, da vertrau ich meiner Zunge ganz und gar.“ Alte Berliner Punkrock-Schule eben.

 

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