Wer nie vom Schönen je vernahm, vermisst nichts (Peter Hacks) (476)

 

Ein blitzeblauer Backofenhimmel ist sonnig aufgespannt, die Demse erinnert Doctor Pichelstein an lang zurückliegende, reichlich sinnfrei durchlittene Asienurlaube. Auf der Straße am Büro liegt eine von Fliegengeiern eroberte, überfahrene Ratte. Nützt ja nichts, auf geht’s zum 2. Geburtstagskonzert des Bunten Salons in den Landkreis Dahme-Spreewald, genauer nach Birkholz.

 

 

 

Pratajevs musikalische Geheimräte nesteln sich für alle Fälle und Umleitungen das Navi zurecht. Schließlich geht es über die unfallbedingt oft gesperrte Organspender-Bundestraße 87. Pünktlich, ohne Zeitstress, mit Pause am Tankstellen-Knackerstopp. Ergo: Lieber locker am Ende eines Traktorengespanns kleben, als zum Baumsnack werden. Hinter Herzberg, wo Schlagersängerinnen aus Gräbern kriechen, sich Perücken, falsche Nägel und (nach Art Raymond Chandlers) Augenbrauen vom Bürstenfabrikanten ankleben. Um nach dem Arschbombenwettbewerb beim Neptunfest (gibt es wirklich, findet im Juli statt) ins ausgeschaltete Mikrofon „Mein Herz schlägt Schlager“ zu lügen.

 

Die Autobahn 13 bietet blickreiche Erlösung. Gleich hinter der Abfahrt Märkisch Buchholz sind erste Brandenburger im Rudel zu erspähen. Gemütliche Vorberliner, die sich Samstagnachmittags im Heckenschneiden und Rasenmähen ergeben. Trotz Klimaanlage hat es im Tourgolf gefühlt 35 Grad, man möchte in einen See springen, doch ist die Gefahr zu groß, von Mückenschwärmen gefressen zu werden. Die Mission Bunter Salon hat Priorität, erst recht, da die Zauberwelt der Pilze noch geschlossen ist. So darf Pichelstein ohne angewiesene Messerling-Makarios-Stopps weiterfahren.

 

 

 

Letzte Kopfsteine werden weggemetert, Autotüren aufgerissen, Kalf und Chrissi stürmisch begrüßt. Birkholz soll heute Herzberg oder Birkholz mit Herz heißen. Angereichert mit teuflisch leckerem Pulled Pork, was es nach dem dritten Kaltgetränk später geben wird. Doch zuvor. Ja zuvor gilt es die angelieferte Anlage zur Beschallung des Publikums fachgerecht durchzuschalten. Minutiöser wird’s strapaziöser mit der Oldschool-Technik, der arme Kalf greift zum Beruhigungs-Joint. Merke: Wer kifft, vergisst die Axt. Und ist wenig später mit lohnenden Gedanken zurück im Spiel. Take a Pause. Wenn schon der Soundcheck nicht klappt, wird eben gespeist. Königsberger Monsterklöpse! Was für eine Wonne! Der selige Pichelstein schafft kaum die Hälfte des Tellers, Makarios immerhin ein bisschen mehr. Blende zum glücklichen Sound-Ende: Der Besitzer der Anlage tritt irgendwann sichtbar zu Tage. In einem großen Auto mit Kennzeichen München rollt er an. Zuvor leckte er stoffgebundene Wunden, ruhte, ging nicht ans Telefon. Weil dickdenkende Techniker niemals früh am Abend aufstehen. Vor allem, wenn die vortägliche Zufuhr synthetisch-chemischer Verbindungen aus der Stoffgruppe der Phenylethylamine daran Schuld trägt.

 

 

 

Mit eigenartigen Pupillen umschleicht er in sommerlicher Klamottierung die Anlage, aus der mittlerweile tatsächlich Sound strömt. Der Knopfdreher- und Umsteckerderwisch hat sein Werk getan. Nur gehen will er nicht. Denn die Natur des Techniker-Schlawiners liegt darin, Sound zu perfektionieren. Das kann Tage oder Jahre dauern. Manchmal ein ganzes Leben. Supersound muss her. Selbst, als die Docs bereits mitten im Konzertsaft stehen: Staunende Zurkenntnisnahme, der knopfdrehende Techniker ist nicht zu bändigen, wuselt auf der Gartenbühne herum, es scheppert aus den Monitoren, piept aus den Boxen. Makarios macht dem Treiben ein Ende, Kalf legt Handschellen an und führt den Techniker stracks zur Schnapsbar. Urteil: Gut gemacht, dafür gibt’s hier lebenslänglich.

 

Erleichtert zieht Pichelstein auf der sechsschüssigen Gitarre intuitiv das Tempo an. Chrissi schlägt ein imaginäres Rad, die Menschen im Rund sind früh aus dem Häuschen, Wodka wird zur Bühne gereicht, herrlich ist das Brandenburger Landleben. Der Schweiß tropft, fließt, gereichte Frottee-Handtücher lassen sich rasch auswringen. Pichelstein greift zwischen den Liedern sogar zur Wasserflasche. Und das will was heißen!

 

 

 

Ein erstes Set mündet nach knapp über einer Stunde im Fetischblock, in der ersten „Schnapsbar". Brandenburg leuchtet zwar noch hell, die Dunkelheit aber wird kommen. Scheinwerfer müssen her, LED-Lichter. All das bietet den Stechmückenschwärmen Orientierung. Chrissi hat Anti BRUMM dabei. Das einzige Zeug, was den Menschen wieder ans verdiente Ende der Nahrungskette katapultiert. Und nicht das gemeine Schnellimbiss-Rüsselvolk.  

  

 

 

Just, als die Deutschen Dänemark aus dem EM-Turnier fußballern, geht’s weiter. Recht kommod und sorgenfern werden vor der Bühne Tänzchen aufgeführt. Dem textsicheren Eademakow schließen sich viele stimmgewaltig an. Beim „Gärtner“ geht’s majestätisch zu, der sirenhafte Chor der „Toten Katzen“ wird ausgezeichnet. Mit „Geh Heme meine Kleene“ versuchen klatschnasse Docs erstmals von der Bühne zu fliehen. Klappt nicht, die nächste „Schnapsbar“ schließt sich an. Unter bereits raspelnden Stimmen gibt’s den „Faulen“ um die Ohren, „Löcher im Strumpf“ und vieles mehr. Schließlich reißt Makarios die Schlussworte an sich, sie lauten donnernd: „Das waren die Russian Doctors!" Mancher Mundwinkel treibt strahlend den Ohren zu. Ein weiterer Birkholzabend wird ins Schatzkästchen der Erinnerung gelegt und aus seinem Grabe knöttert Peter Hacks: „Wer nie vom Schönen je vernahm, vermisst nichts.“

 

In den frühen Morgenstunden nehmen die Docs nacheinander Logis im gegenüberliegenden Stallhaus. Ein letzter Schluck noch, ein Spritzer Wasser, und gut ist.