Rostocker Walzerkönige (496)

 

Im Jahresschlussprogramm beginnen die Raunächte, jene stürmischen Mächte der Mittwinterzeit. Sie bringen klirrende, garstige Kälte, glätten die Pfade des Herrn wie mancher Herrin. Einige stürzen, verunfallen, die H&M-Kürschnereien haben Hochkonjunktur. Dummgebliebene Kugelböllermänner verrichten bereits jetzt ihr Gegenteil von Tagwerk, plastische Handchirurgen spielen Fremdfinger-Mikado. Deutschland schafft sich nicht ab (Thilo Sarrazin), sondern sprengt sich gleich in die Luft (hat so den Anschein).  Sich nun auf den Weg gen Pferde-Oase des Leipziger Westens aufzumachen, ist für den heutigen Abend eine nahezu pazifistische Idee. Auf zum Jahresabschluss der Russian Doctors, auf zum Kampf gegen den Durst, gegen das Verzagen, die Lichter am Westwerk weisen den Weg.

 

Pichelstein parkt den Tourgolf unweit des Eingangs, wenige Augenblicke später steht die Backline bau-auf-bau-auf-bereit in der Konzertecke, gibt’s ein Wiedersehen mit Stallwache-Maestro Frank The Tank. Mit M. Kruppe, der aus jeder erdenklichen Kulisse heraus Pratajev-Verse passioniert zu rezitieren vermag. Mit der Shake Cocktail Shake-Schnapsbar, um die sich herrliche Geschichten ranken, für die einer wie Tolstoi lange stricken müsste. Kaltgetränke werden gezaubert, schnabuliert, der Soundcheck drängt sich dazwischen. Doch da alle Töne geschmiert, gestählt aus den Boxen strömen, wird die Klangprüfung rasch und erfolgreich abgelegt.

 

 

Sesam, öffne dich! Punkt 19 Uhr strömen Ali Baba und die vierzig Raunächte-Räuber und Räuberinnen ins Innere. Manche sind etwas später da. Sie kommen von nah, fern und ganz fern. Aus Rostock, Dresden, Pirna, Karl-Marx-Stadt, dem Erzgebirge, dem Kleinod Lichtenstein, Berlin und natürlich aus Leipzig. Freude schöner Götterfunken! Prost um Prost wird sich gewünscht, die ersten Gläser scheppern schon. 

 

Showtime! Altfordere wie Pratajev-Rookies sitzen an firmenfestartig dekorierten Tafeln, stehen drum herum, schlürfen, süffeln, probieren vom Schnapsbar-Nektar. Der Imker macht es ihnen vor, so leicht geht Glück. Makarios begrüßt die Meute, gibt den Staffelstab weiter an M. Kruppe, der schnapsbarnah, mit knackigstem Vortrag u.a. ein paar Schachteln Zigarettengedichte der Marke Pratajev ins Mikro hineinspricht, sich hernach an elendige Fälscherliteratur (Doppel-Buh!) heranwagt, was die Wache insgesamt zum Tosen und die Docs in Bühnenposition bringt. „Da hält der Wind den Atem an!“

 

 

 

Wie zuletzt immer ohne feste Setlist legen Makarios und Pichelstein mit viel Idyll los, gehen ihrer vornehmsten Aufgabe nach und singen, spielen aus den Schriften Pratajevs. Durst macht sich breit, Frank The Tank liefert prompt, alles johlt, klatscht, die Freuden sind groß. Eine Stunde geht das so, dann müssen alle raus an die erste Schnapsbar.

 

 

 

Siebenundzwanzig Minuten später: Makarios kündigt Jasper Fryth an, jenen Allround-Künstler, der auch diesmal für die Zeichnungen des 2026er-Doctoren-Kalenders große, bunte Verantwortung trägt. 12 Monate hat das Jahr, genauso viele Bilder gilt es zu bestaunen. Techniken werden erörtert, die meisten Originale wurden bereits veräußert, einige wenige gibt es noch. Gespannt ist man, wann die ersten Fälschungen der Erben Konrad Kujaus auftauchen.

 

 

 

Zweite Konzertrunde! Die Wache singt textsicher mit, Rostock tanzt. Pichelstein wird zu einem erneuten Hochgeschwindigkeitsrekord auf der Erlenholzgitarre gepusht, gesucht (und nicht gefunden) werden Schlips aus Lurch-Träger, der Pratajev-Hardcore fliegt übers Wandern (Pichelstein zwischendurch das Plektrum ins Schnapsglas) zu durchweg lieben Tieren auf Umwegen zur zweiten, nach reichlichen Zugaben schlussendlich zur letzten Schnapsbar. Eine für Walzerkönige und Rostock tanzt dazu. 

 

 

 

Letzte Verbeugungen, die Gitarre ausgestöpselt, klare Gläser erhoben. Lieber Frank The Tank, lieber M. Kruppe, lieber Jasper Fryth, liebe Menschen, Beweisführung abgeschlossen: Der Abend ist gelungen. Gesegnet sinken die Docs einige Stündchen später ins Taxi.

 

Fotos: Claudia Hilgers