In dor Schlibbe isses dusdor (497)
Ein musikalisches Sabbatjahr ist eine befristete, zwölf Monate dauernde Auszeit vom Bühnenleben. Anschließend geht’s zurück. Genauso läuft’s gerade im Leben der Russian Doctors; gerne trifft man sich bei Speis und Trank, ruht achtsam tags drauf aus, verweigert indes großangelegte Reisen, um Pratajevs Leben der Welt zum Geschenk zu machen. Kurzum gilt für 2026 die Regel: Keine Konzertwochenenden, keine Festivals, keine Sonderurlaube, Schongang nach knapp 500 Auftritten.
Wenige, explizite Ausnahmen muss es dennoch geben. Denn - wenn ein kürzlich geburtstagsprämierter Imker in seinen Elfengarten lädt, ein wahrer Bienenkönig, ein DeLonghi Kaffeevollautomaten-Spezialist ruft, müssen Gitarren und Mikrophone entstaubt werden. So will es das Gesetz. Dafür kommt sogar die Sonne raus und scheucht das triefende Mai-Wolkenmeer hinfort, zumindest aus Pirna-Posta. Dorthin geht die samstägliche, von Herzensdamen samt Hund begleitete Reise in zwei Automobilen. Zu Ronny und Kerstin, zu einer erlauchten Gästeschar.

Treffpunkt der Docs ist zunächst einmal die Unterkunft, das herrliche Hotel Elbparadies. Nach dem Check-in wird rasch alles Schuhwerk in die Ecken geschleudert, nichts wie rauf auf die Betten, liegen und dösen, all das bis zur Eröffnung des Kuchenbuffets im Elfengarten. Wo bereits u.a. Künstler Jasper Fryth samt Christine warten, der Kaffee rasch vom Wein ersetzt wird, aufgepustete Katzen im Baum hängen, die technisierte Doctors-Bühne im frischen Glanz erstrahlt.
Herrlich, großes Hallo! Auch Fürst Fedja, Carmen, Abordnungen der Pratajev-Fraktionen aus Berlin, Dresden reisten an. Da muss sich Doc Pichelstein, die Backen voller Eierschecke (der zweitbesten, die Doc Makarios je probierte), redlich zur Soundcheckvorbereitung aufraffen, blinzelt noch mal aufs Elbufer, erspäht einen Autozug auf der gegenüberliegenden Flussseite. Erste Kabel werden gesteckt, Ronny regelt, pegelt den Sound, der bald auf beiden Bühnenseiten, aus allen Monitorboxen die Lufthoheit übernimmt. Da staunt der Spatz, nickt die Blaumeise, pickt die Amsel; Pirna-Posta wird mit Pratajev-Zeilen beglückt, mit liedgesungenen Gedichten wie „Besonderes Vorkommnis“, sogar mit zwei geprobten Weltpremieren, von denen später noch genügend Sangesrede sein wird.
Kaum ist der Soundcheck erledigt, sieht man glückselige Menschen mit köstlichen Überlebensmitteln, Grilltellern an diversen Salaten durch den Garten schlawinern. Diagnose: Nahrungsmittelhysterie - selbstredend im positiven Sinne. Ein Bierfass rollt auch vorbei. Hinein ins Getümmel, die Docs nicken sich zu. Ran an den Zapfhahn, an die Fleischtöpfe, jetzt wird gemampft, leckerer geht es nicht. Langsam fährt die Sonne weichgezeichnet heimwärts, gegen halb neun eröffnet Ronny den Live-Abend. Oh ja, ein Motto gilt: Welch Unbill der Welt auch immer dräuen mag, wisset Pratajevs Erben stets an eurer Seite.
Speed-Virtuose Pichelstein zählt mit Wärme und Verve durch: „Eins, zwei, drei, vier.“ Da hält der Wind den Atem an! Die sechsschüssige Lied-Guitar legt scheppernd los, Makarios malt vollmundige, lyrische Bilder dazu. Ein Elbdampfer zieht flussaufwärts vorbei, im Set der Docs gibt’s zunächst keine frappierenden Überraschungen, wird ordentlich Hit-Blattgold verteilt. Auf den Rundblick vom Turm, aufs Idyll, auf den Starken, den Impfer, auf die Schöne aus der Stadt. Die Sangesbibel lockt zum Mitsingen, erste Chorgesänge werden geboten, Bulbash wird zur Bühne gereicht. Raketenwissenschaftler rätseln im Rund über Pichelsteins Geschwindigkeiten, der Pratajevs Weisen mit Sack und Pack und Zimmerpflanze zum Diskant treibt.
Raus an die Schnapsbar, zum ersten Mal. Bald schon droht dem Horizont die Nacht, die Blaue Stunde lädt Pratajevs Brüder und Schwestern im Geiste zu Bier, Rum und Wein. Knurrend begegnet Hund Runa jeder streichelwütigen Hand; wohlgeformt ist man tiertherapeutisch längst in Rente und darf das. In diesen Stunden läuft im TV der klebrige ESC mit seinem patriotischen Spastenpop, was hier keinen interessiert. Schweißgetrockenet, versponnen treibt Makarios Pichelstein an: „Weiter geht’s, auf zur zweiten Runde.“
Kommen wir zu zwei pointierten Weltpremieren. Nach „Wodka Wodka“ ist es so weit. Der Mond hängt im Himmel wie ein leuchtender Kürbis, das Publikum stimmt gotische Chöre an, aus den Boxen erschallen ins Sächsische übersetzte Pratajev-Weisen. „In der Schlibbe“, später „Der Dutt“, umrahmt von „Dorte, die Dorte“ und „Geh Heme meine Kleene“ – dafür fällt glatt der halbe Fetisch-Block aus der Songdichte, nur der „Baffe“ überlebt, was kaum auffällt. Schon geht’s der Schwimmerin ans Handtuch, wird unter Ehrbezeugungen des Publikums getanzt, gegärtnert, werden Käfer gezählt, wird Bienen gehuldigt, gewandert zu einem Baum, in dem Katzen hängen. Tote Katzen im Wind. Und wahrlich: die Gartendeko lässt grüßen. Holla, überall: aufgepustete Katzen im Wind!

Viel später, auf Wunsch Frau Schröters wechselte Pichelstein bereits die (schwarze) sechsschüssige Erlenholz-Gitarren gegen die rote Bonsai-Takamine, werden Zugabewünsche erfüllt (außer: Hermelin), sehnen sich die Docs schließlich nach dem Zauber eines stillen Eckchens, nach einem Schlag Tiramisu als Konzertnachtisch.
Gesagt, getan, der Abend ist gelungen, die letzte Schnapsbar verklungen, herzlich wird sich umhalst. Bald schon glimmt die Feuerschale, wird (am nächsten Tag) in Schkeuditz (bei Leipzig) ein entlaufener Tiger von der Polizei erschossen, ist im Grunde alles wie immer. Nur jetzt noch nicht. Dafür gebührt größter Dank dem Ronny, der Kerstin. Im Hier, im Jetzt ist Glück eben keine Schlibbe, denn in dor Schlibbe isses dusdor.