Hopfensprechstunde (498)
Jeden Morgen stellt sich dieselbe Frage: „Was hat uns die Katze heut wieder vor die Tür gelegt?“ Sommer ist dabei, null Niederschlagsmenge, warme Luft, heiße Werte und Doctor Pichelstein probt seit früh um acht an diesem Samstag. Das will schon getan werden, schließlich befinden wir uns mitten im Sabbatical-Jahr der Docs, heißt: eigentlich keine öffentlichen Konzerte spielen. Außer ein paar Privatbehandlungen. Na gut, heute obsiegt die Ausnahme. Schuld dran trägt das Hopfenkollektiv zu Dresden, eine kleine Handwerksbrauerei, die seit 2022 traditionelles wie experimentelles Flüssiggold feilbietet.
Als früh im Jahr die Einladung zum jährlichen Sommerfest, dem Kollektiven Biervergnügen zu Laubegast, eintrudelte, rief Doc Makarios Doc Pichelstein an - natürlich musste zugesagt werden. Da ließ Bierfreund Pichelstein nichts anders gelten. Vorm geistigen Auge bereits reimend: Aus Gerste stammt das helle Malz / Getrocknet, geschrotet, ohne Salz / Im Kessel kocht das Wasser heiß / Die Maische wandelt sich mit Fleiß / Ein Hoch auf Kessel, Fass und Krug / Vom guten Trank kriegt man nie genug (…) Flugs verstrich das Jahr, schon reisen die Docs polierten Zapfhähnen entgegen.
Dresden-Laubegast zeigt sich von seiner braufrischen Seite, als das mobile Lazarett der Russian Doctors am frühen Nachmittag eintrifft. Vor Ort gibt’s am frühen Nachmittag zunächst eine Führung inkl. Meet & Greet; Frau Juli stellt die Docs vor, trockene Kehlen werden benetzt, durchflutet, herrlich ist’s, die Sonne brennt. Auf der Bühne dampfen: 2 Hot und Freunde, Elbe-Jazz und Boogie-Woogie. Erste Pratajev-Sektionen treffen ein. Aus Pirna die Familien Imker und Pavlowitsch, aus Berlin der Eademakow und viele mehr, man steht sich in den Schuhen und reiht sich durstig wie beständig ins Schlangestehen ein. So muss es sein, beim Hopfendankfest 2026.
Um 17 Uhr befinden sich die Docs auf der Bühne, hinter sich einen Mittelwelle-Soundcheck, der einem Hürdenlauf nahekam. Es krachte, quietsche und die jungen, zuvor friedlich dösenden Technikusse mussten eingestehen, dass eine brandneue Software-Steuerung nicht unbedingt mit einer Anlage zur Beschallung des Publikums aus den frühen 90er-Jahren unfallfrei zu koppeln ist. Aber sei’s drum, mit dem zweiten Check-Liedchen „Fürchte dich nicht vor der Flasche“ befinden wir uns bereits im Konzert, das Publikum will es, dankbar legen die Docs gleich zu Anfang ein paar Schippchen drauf. Da hält der Wind den Atem an! Die Hopfensprechstunde ist eröffnet. Diagnose: Durst, Heilung ist die Antwort.
Doc Pichelstein prüft die Geschwindigkeit der Sechssaitigen, während Makarios die Stimmbänder eicht. Leere Fässer rollen vorbei, Nachschub kommt. Es wird geschunkelt, genickt, aus Bechern pariert, als gäbe es kein Morgen im Elbland. Vom „Rundblick vom Turm“ geht’s hin zu tiefschürfenden Trink- und Tierliedern, zum Gefolge Pratajevs. Eademakow spendet geistige Brände, ohne Frau Juli säßen die Docs schlichtweg auf dem Trockenen.
Weil heute ohne Pause konzertiert wird, versucht Makarios den gesamten Fetisch-Block außen vor zu lassen, was in keinster Weise akzeptiert wird. Also doch: „Gefesselt gefällt sie mir am besten“, das Stimmungsbarometer kickt, derart beeindruckt verspielt sich Pichelstein glatt, kriegt den Bogen aber rasch und die rasenden Zupforgien nehmen neuerlich Fahrt auf. Bis zum Gärtner mit Bühnenrandsitzen, bis zur ersten Schnapsbar. Bis zur „Tasche“, bis zum ersten, zum nächsten Sachsen-Schlager („In dor Schlibbe“, „Geh heme“), bis zur letzten Schnapsbar, finalen Akkorden im Dämmerschein.
Die Docs verbeugen sich, liegen sich schweißnass in den Armen, mischen sich unters weiterhin durstige Volk, Pichelstein räumt die Backline zusammen. Mit den Hufen scharren bereits die Sea Salt Crackers; eine Rock- und Pop-Show steht in den Startlöchern.
Alsbald wird ein angetanes „Tschüss“ in die Runde geworfen. Es geht zum Tilo, dem Bassisten erster Die Zucht-Stunden, ohne den es später Die Art, Goldeck, The Russian Doctors nie gegeben hätte. Zum Herbergsvater Tilo, zur Herbergsmutter Beate, auf einen Balkon mit reich gedecktem Tisch. All das gleich um die Ecke. Und zu einer ziemlich aufgeweckten, sprechenden Katze ohne Türlegeambitionen. Resümee: Es war ein herrlicher, allerbester Abend, Danke, liebes Hopfenkollektiv. Dafür wird jedes Sabbatical gerne unterbrochen.
