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tour_tagebuch

21. Mai 2020, Frankenberg/Biergarten an der Fischerschänke

Herrentag (420)

 

Bedingt durch das böse Wort mit „C“ fielen zuletzt eine ganze Reihe von Konzerten aus. Man hockte herum, wurde fatalistisch, wehmütig und einem freudenfeindlichen Nussknacker immer ähnlicher. Urlaub war passé, Tschechen-Kippen, einfach alles. Jeden Abend trat wer in einem Livestream auf und hatte was zu verschenken. Musik, Literatur - geiler als Geiz ist völlig umsonst. Was 1918 als „Spanische Grippe“ um den Globus zog, kam ausgerechnet jetzt in verwandter Form wieder. Shutdown auf der heißen Autobahn des Lebens, nicht mal die Achterbahn ließ einen rein. Schwer tat man sich mit der Phase der Akzeptanz, trank darunter Gutes aus Bulbashiskan und sah Buschtomaten, Erdbeeren und prachtvoll knospenden Sträußen beim Wachsen zu. Fuck. Wann die Pest vorbei ist, weiß man nicht. Da kann man die Glaskugel noch so sehr polieren und Wittgenstein mit „Die Welt ist alles, was der Fall ist" zitieren. Hoffen wir das Beste und warten auf den Impfer.

 

 

 

Doch! Heute ist das Leben schön. Knall auf Fall kam die Einladung in den neu eröffneten Biergarten an der Fischerschänke zu Frankenberg. Am Feierdonnerstag, dem Herrentag. Die Doctors strahlen wie Murmansker Atom-U-Boote im Sonnenschein um die Wette.

 

 

 

Früh am Mittag dieselt der Volkswagen los. Pichelstein muss aus guten Gründen fahren. Die Schmette des Fürst Fedja unterzog sich zuletzt rätselhaften Operationen und nahm auf Ebay erworbene Organspenden an. Die Fahrt verläuft ohne Fallstricke, verlässlich warnt Fedja wie eine piepende App vor Blitzern am Wegesrand, die ihn samt und sonders bereits abschossen. Dann nickt er ein, Makarios navigiert Richtung Festspielort, Showtime: 14 Uhr.

 

Anderswo hätte eine Hundertschaft den Biergarten in Schutt und Asche gesprengt, so ist das in Corona-Zeiten. In Sachsen, zumindest in Frankenberg, wird heute lediglich auf Abstand geachtet, die Tische stehen trotz großen Andrangs fachgerecht-metrisch auseinander. Wer trunken in den Staub fällt, wird nicht aufgefallen, muss sich alleine aufrappeln und prügeln ist reinstes Schattenboxen.

 

 

 

Beim ersten Kaltgetränk werden Textilstudien unternommen. „Kotzen macht durstig“ fällt sofort ins Auge. Auf dem nächsten Shirt steht: „Ich bin vom Dorf“. Die schönste Wäsche enthält wenig bis keine Buchstaben. Wir reimen: Blaues Kleid, du Augenweid / Schwarzes Ding, du Heilsbring. Und erinnern uns: Fürst Fedja, auf der Suche nach einem Putztuch in der Küche zum Kellner: „Wo ist denn hier der Lappen?“ – „Ich bin der Lappen“ (sagt der Kellner). Aha.   

 

Kreative Unruhe muss her, ein Soundcheck auf der Bühne am Schieferhang gelingt nach dem Verzehr herrlicher Butterfischbrötchen umso mehr. Noch ein Kaltgetränk, ein warmes hinzu, schon schallt das Intro durch den Biergarten. Ja, Pratajevs Gefolge ist zahlreich erschienen. Aus der Frankenberg-Fraktion fehlt nur Schlafes Bruder Bulbashoff. Vielleicht kein Wunder; als die Docs das letzte Mal hier waren, wachte der Gute des Nachts in einer Hofeinfahrt auf. Es war nicht die eigene.

 

 

 

Los geht’s, das Konzert mit eingebautem Spektakel. Unterm Himmel, so blau wie ein Kandinski auf Speed. Ohne Setlist, einfach drauflosspielen, abgebrüht. Den Stil Pratajevs zur verdienten Geltung bringen und wenn jemand im Publikum Vorschläge hat, her damit. Logisch, „Der Raucher von Bolwerkow“ darf nicht fehlen und wird gleich eingebaut. Was soll man schreiben über einen so würdevollen Nachmittag?

 

Im Rund überrascht jemand seine Leber und trinkt zur Abwechslung ein Glas Wasser. Es wird geklatscht, gejohlt und auch nur mal so mit dem Fuß gewippt. Fürst Fedja ist kurzfristig verschwunden. Nach der Konzertpause taucht er wieder auf. Mit einer Kiepe voller Brötchen für Fische und Würste - alle Tankstellen leergekauft, der Nachschub ist gesichert. Die Leute hungerten und dürsteten in den letzten Wochen, doch heute nicht. Heute ist man wieder näher an allem dran, möchte die ganze Welt umarmen, doch genau das geht nicht. Die Docs geben den Abstand auf der Bühne vor.

 

Bei „Schnaps und Weiber“ liegen sich alle zumindest gedanklich in den Armen und beim letzten Lied, natürlich ist es die vierte oder fünfte Schnapsbar, erst recht. Danke für die Einladung. Mehr Freude hätte man den Docs nicht machen können. Biergarten an der Fischerschänke zu Frankenberg, du magische Insel.

 

 

Fotos 2-4: DANKE an Claudia Hilgers

Foto 1: FraFö

 

14. März 2020, Radeberg/Privat im Biertheater

Das böse Wort mit C (419)

 

Guten Morgen! Pichelstein schreckt hoch. Es klopft an die Pensionstür. Ein Hallo-Wachturm-Regent bittet um Einlass und da er ein volles Tablett Frühstück dabeihat, wird er zerknautscht hineingelassen. Der Mann redet wie ein Verschwörungsbuch. „Corona“, sagt er, „ist doch bloß eine Laborzüchtung aus den USA. Das haben wir alles den Amis zu verdanken.“ Dann setzt er noch ein paar luftfüllende Kalaschnikow-Salven drauf: „Ist meine Meinung. Wenn ich mal ehrlich bin. Was ich nur sagen wollte.“ Umschwärmt mit einem mindestens dreifachen „Sozusagen.“ Pichelstein reibt sich die Augen. Fehlt noch, dass der Mann Buntstifte herausholt, um die Sache detailreich zu erörtern. Nein, da geht man eine rauchen. Das Naherholungsgebiet Balkonien wurde einst als Fluchtprinzip konzipiert. Vor Feuer und zwischenmenschlicher Distanzlosigkeit. Wie wunderbar so ein weitläufiger Balkon doch ist.

Makarios und Fürst Fedja sind unterdessen auf der Pirsch, werden aber in Kürze mit einem Sack gejagter Pfannkuchen eintreffen. Nach dem gestrigen Bockwursttag muss Abwechselung sein.

Am späten Vormittag geht’s über die innerstädtische Serpentinenhölle Richtung Radeberg, dem Ziel der heutigen Reise. Dorthin, wo Doktor Oetker die gleichnamige Pizza … nee, den Pudding … oder richtiger: das Bier braut. Ort des für 18 Uhr angekündigten Pratajev-Spektakels ist das Hotel „Kaiserhof“, als „Biertheater“ in aller Gaumen Freude und Munde. Anlass ist Holger, der Gastgeber. Holger wird um Mitternacht 60 und zur Verblüffung aller schaffte es dieser Teufelskerl innerhalb von nur wenigen Stunden eine gesamte Party von Hřensko in Tschechien nach Radeberg in Sachsen zu verlegen.

 

 

 

Warum das alles? Donnerstagabend war die Grenze dicht, alles stand auf Absage. Nur Holger-sei-Dank sind die Russian Doctors an diesem Samstag in der überaus glücklichen Lage, ein letztes Konzert auf unbestimmte Zeit zu spielen. Denn es ist so, wie es ist. Ein Virus hat das Land im Griff, das böse Wort mit C macht die Runde. Es wird Zeit, dass alle von der Straße kommen. Lasst uns diesen einen, vorläufig letzten Abend in unbeschwerter Freude verbringen und dass dieser Vorsatz am Ende gelingt, ist ein sehr schönes Geschenk an die verblassende Unbeschwertheit des goldenen Seins.

 

An Schloss Moritzburg wird gehalten, Aschenbrödels Schuh sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Gänse landen, grasen und kacken am See. Fürst Fedja seufzt, stellt sich das Federvieh schamlos nackt, schön gebräunt, mit tschechischen Klößen und Rotkraut auf dem Teller vor. Makarios beruhigt: „Die haben hier Suppen mit Linsen und Kartoffeln. Das ist ein Trost.“ – „Ein schwacher,“ findet Pichelstein, während Vollbluthengste in den Garagen stehen, wiehern und auf barocke Dinge warten.

 


 

 

Ein letzter Stopp vor Radeberg. Heiko Schnittecht überreicht Makarios eine Rarität. Der Vinylmeister fungiert als Produktionsleiter in einer jüngst umgesetzten Songpatenschaft-Serie. Als erstes wird in Kürze der Die Art-Klassiker „Ozean“ mit Urkunde und Platte vergeben.

(Intermezzo: Lust auf mehr? Auf Russian Doctors-Songpatenschaften?)

Dann auf zum Debüt-Eis des Jahres. Draußen, in der Sonne, die schön scheint aber kaum Kraft hat, schmeckt es am besten.      

 

Im Biertheater wird Kaffee für Fürst Fedja und Makarios gebrüht. Pichelstein macht dem Ort die beste Ehre. Bier für Doctor Pichelstein. Gleich noch eins? Mit dem größten Vergnügen, doch nein, der DJ rückt an, die Anlage muss aufgebaut werden. Gastgeber Holger wünscht sich „Auf dem Kanapee ein Girl“, doch Pichelstein hat die dazugehörigen sieben Seiten Text nicht dabei. „Sieben Seiten Text lassen sich schlecht merken“, spricht Makarios dazu wahr.

 

Das Programm wird erörtert, die Gäste tröpfeln ein. Jeder einzelne wird später bei Tische und Kuchen einzeln vorgestellt. Noch kommt es zu chinesischen Fußbegrüßungen, man hält so gut wie es eben geht Abstand zum nächsten. Seltsame Zeiten.

 

 

 

Los legen Pratajevs Erben mit einem ersten Songgewitter. Es endet im weichbutterzarten Duett „Die Enkelin und der Makarios.“ Gemeinsam wird die Kita-Version von „Auch die Ratte hat ein Herz“ dargeboten. Pichelstein spielt sanften Ska dazu, die Gäste klatschen vor Wonne. Herzergreifend! Manchem rutscht ein Tränchen aus dem Auge. Dem Doc ist die eigene Enkel-Erfahrung durchaus anzumerken; nicht umsonst wird er als Santa Claus gebucht. Dass Fürst Fedjas Wodkaknecht Ruprecht-Dienste bisweilen nicht abgefragt wurden, lässt sich gewiss bald korrigieren.     

 

Was folgt ist eine lehrreiche Verkostung bis zum Diskant. Am Ende wird Champagner-Bier für 12 Euro pro Flasche ausgeschenkt. Pichelstein schlürft's nur so weg. Ist das lecker! Der zweite Kellner nach dem ersten: „Oh, ein leeres Glas. Noch nichts bekommen?“ Der erste Kellner nach dem zweiten: „Da habe ich Sie wohl gerade übersehen?“ – „Und mich auch“ (Fürst Fedja, heutiger Saftschorlenmann, reicht das Glas weiter).

 

Der nächste Höhepunkt ist ein kulinarischer – die Buffet-Schlacht wird für eröffnet erklärt. Es bilden sich Trampelpfade. „Hm!“ und „Ah!“ entfährt es jedem bei vollem Mund. Bis zum Nachtisch und satt wie „Der Satte“ aus dem zweiten Doctors-Set lehnt man sich im Stuhl zurück und schafft es vielleicht noch mit letzter Kraft einen Radeberger Bitter zu schnabulieren.

 

Makarios gibt den Pratajev-Takt vor, es wird geschunkelt, die Füße trappeln. Noch einmal wird die „Ratte“ im Duett besungen und zum Schluss folgt die tragische Version der „Schnapsbar.“ Nicht einfach nur eine tragische Version im langsamen Tupf-Walzertakt. Nein. Viel tragischer. Die Docs verabschieden sich auf unbestimmte Zeit von der Bühne. Das böse Wort mit C wird Auftritte canceln und eine Woche nach diesem wunderbaren Abend möchte man die Zeit gerne zurückdrehen und wieder hier sein. Auf Holgers Geburtstag. Bleibt gesund.

 

  1. 13. März 2020, Meißen/Sachsenkeller
  2. 07. März 2020, Leipzig/Bandhaus
  3. 17. Januar 2020, Leipzig/Frau Krause
  4. 16. November 2019, Dresden/Zeitgeist

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