Kalte Conchitas und kein Netz (408)

 

So beginnt es, das Tourwochenende zweier 40. Geburtstage: An der Total-Tankstelle in Leipzig-Liebertwolkwitz bietet das studentische Philosophen-Personal, ausgestattet mit dem Merkzeichen „H“ (für hilflos) im Schwerbeschädigtenausweis, ganze drei Bockwürste im Erhitzer feil. Doctor Pichelstein hat Glück. Seine Wurst ist lauwarm. Fürst Fedja und Doctor Makarios wird nach längerer Senftubensuche erörtert, dass die restlichen Conchitas (wer „Wurst“ googelt, wird leichthin Bilder der Sängerin, wahlweise des Sängers Conchita Wurst finden) justament in den Erhitzer gelegt wurden und Folge dessen eiskalt seien. Blicke trüben sich vor Sorge. Es rumort in der Tanke. Keine 16 Uhr-Bockwurst für niemanden. Die Stimmung ist am Boden. Bauerarbeiter fluchen auf Polnisch, auf Sächsisch. Doch Zeit für Revolution ist nicht; Pichelstein kaut, Makarios raucht sich den Hunger weg und Fürst Fedja ist im Torpedo-Geiste bereits in Thüringen, im Saale-Orla-Kreis, wo die Gemarkung Weira verortet ist. Dorthin geht es heute. Thomas und Ralf, zwei Brüder, gesegnet mit dem belgisch anmutenden Nachnamen Bitterbier, laden zur Geburtstagsfeier in einer nicht beschilderten und somit namenlosen Kneipe ein. Wir wollen sie „Zum gemütlichen Kohlekraftwerk" nennen, denn Weira wurde zuletzt über die Landesgrenzen hinaus für den unermüdlichen Widerstand gegen Windräder, Stromtrassen und Mobilfunktürme bekannt. So ist das einstmals arg durch das Schweinezuchtkombinat Neustadt/Orla gebeutelte Kleinod eines dieser schnuckeligen Kirmes-Dörfer mit nostalgischer Sogkraft, in denen es zwar unbefleckte Landstriche gibt, aber eben auch „kein Netz“ auf allen Handys angezeigt wird. Und zwar gar keins. Selbst zum Telefonieren sind Hügel zu erklimmen, die erst aufgeschüttet werden müssen. Schlecht ist das alles nicht, Doctor Makarios fühlt sich mehr oder weniger darin bestätigt, dass Smart- und iPhones nicht opportun, sondern ganz und gar überflüssiger, dauernd piepender Geißelmist sind. Nun denn. Thomas, eigentlich ein Zwillingsbruder des älteren Robert Smith, ist 40 geworden, von Ralf weiß man das Alter bis zum Schluss nicht. Wohl aber, dass sein Spross großer Russian Doctors-Fan ist. Später am Tag wird noch ein kleines Tierlieder-Konzert extra für den Nachwuchs gespielt.

 

 

Unterm militanten Ignorieren mehrerer Rauchwünsche braust Fürst Fedja mit Wonne an Parkplätzen vorbei. Erst als die Murrgeräusche auf den billigen Plätzen Bauchredner-Qualitäten eines Tourette-Syndrom-Trägers annehmen, wird an diesem längsten Tag des Kalenderjahres 2019 gehalten. Man lässt sich von der Sonne überfluten, die Frisuren und die kurzen Hosen sitzen. Nein, sie kleben. Pichelsteins Auto-Lektüre „Kalte Füße in der Karibik“ von Joesi Prokopetz ändert nichts daran. Schließlich ist Weira erreicht, wird man mit größter Hingabe begrüßt, werden Getränke kredenzt. Nach dem Soundcheck gibt’s herrliche Suppen, Salate und noch mehr Getränke. Die Doctors schwitzen und treffen eine Entscheidung: Heute bleibt es bei kurzen Hosen, heute wird das erst dritte Konzert in kurzen Hosen gespielt. Es geht nicht anders, denn die Temperaturen im parkettverlegten und frisch gebohnerten Kneipensaal steigern sich, je später die Stunde, zum Diskant.

 

 

Gespielt wird ein klassisches Geburtstagskonzert, Makarios nimmt das Publikum mit in eine schonungslose, rasante Pratajev-Revue. „Der Gärtner“ ist mit dabei, „Die Zarte“ auch. Man probt für die neue Platte, die im nächsten Jahr erscheinen soll. Nach der letzten Zugabe gibt’s Dark-Gothic-Post-Wave-Rock auf die Ohren, MacBASS! Fledermäuse schwirren mit buddhistischer Gelassenheit durch die Nacht, denn besonders für Fledermäuse ist das Fehlen von Windrädern, Stromtrassen und Mobilfunktürmen eine lebensbejahende Gemengelage. Darauf einen Gin, einen Tonic, eine Zitrone, ein lauwarmes Beck’s und einen Bulbash, wie er im Buche steht. Schon geht’s mit viel Netz und Effet zur Frühstückspension Franzenshof in den Pößnecker Ortsteil Jüdewein und nach einem letzten Getränk aus dem Greta-Zahnputzbecher (echt Plastik) mit wenigen Umwegen in die Waagerechte.

Leckerlis im Brühl-Viertel (407)

 

Wenn ihr Lieblingsveterinär zur Live-Operation bittet, reisen die Doctors mit Liebe im Herzen und Wodka in der Flasche an. Ab sofort dabei: Mundspray-Bulbash für die schnelle Heilung zwischendurch. Anlass des heutigen Konzertes ist die Eröffnung eines neuerlichen Highlights im Chemnitzer Brühl-Viertel, die Eröffnung einer Tierarztpraxis, denn die fehlte hier noch. So darf jetzt mit Fug und Recht behauptet werden: Projekt „Auferstanden aus Ruinen“ abgeschlossen.

 

 

Nachgesagt wird zwar, dass Haustiere den Gang zum Arzt nicht so dolle finden, doch Hand aufs Herz, auch der Mensch, sofern er über ausreichend soziale Kontakte verfügt, scheut einen solchen Aufwand unter spontanem Knurren. Dennoch möge die hübsch und funktional eingerichtete Behandlungsstätte für alle Brühlaner, für Hund, Katze oder Krokodil, ein Segen sein. Leckerlis für alle sind garantiert und im Wartezimmer bietet eine reichhaltige Bibliothek Lesestoff für Narkosezeiten feil. Wenn aus der fauchenden, rolligen Kratzkatze ein zutrauliches Wesen gebastelt wird, kann ein Fachbuchstudium, das verrät, wie aus einem plötzlich ganz viele Tierchen werden, sehr beruhigend sein.

 

 

 

Rasch ist die Bühnenecke aufgebaut, der Soundcheck ist wie immer die Probe, und darin geht’s heiß und bedächtig her. 93 veröffentlichte Titel umfasst das Doctors-Repertoire laut Liederbuchverzeichnis mittlerweile. Im nächsten Jahr möchte man bei 107 ankommen. Heißt: eine neue Platte ist im Köcher, mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Wer sich heute zur Praxis-Eröffnung trollt, erlebt Weltpremieren, Titel wie „Die Zarte“, „Der Gärtner“, „Der Katzenstreichler“ oder „Die Assistentin (Schweigende Schwester)“ … schöne, böse Pratajev-Lieder. Vorab schafft es „Der Satte“ noch auf eine Sampler-LP und jetzt gibt’s erst mal Futter nebst Flüssignahrung im Innenhof, während Jung und Alt durch die Praxisräume stromern.

 

 

 

Schlag 20 Uhr stehen die Docs Gitarre bei Fuß, zum Auftakt gibt’s, wie sollte es anders sein? Tierlieder! Lieder aus dem Leben eines Veterinärs, inklusive „Der Tierarzt“, den hatte man lange nicht mehr auf Liste. Und vorausschauend auf die Zugaben geblickt, in denen u.a. ein gelber Frosch als fett und ungelenk, somit als reichlich menschlich beschrieben wird, darf der befeierte Abend als Spektakel betrachtet werden, als gelungen und mit reichlich Wodka garniert. Das eingangs kolportierte Mundspray kam nicht zum Einsatz, nein, Fürst Fedja schenkte Becher aus. Und im Freiluftbereich, so ist es und so wird es immer bleiben, gab‘s sogar Kännchen. Summa summarum wünschen wir der neuen Praxis im Chemnitzer Brühl-Viertel spannende Momente und Glück. Mögen freudige Schwänze wedeln und jeder Racker den Ausflug dorthin stets in guter Erinnerung behalten. Ob Tier, ob Mensch: beste Freunde verdienen beste Versorgung und Leckerlis in jedem Fall obendrauf.

 

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