Fake von Folk bis Jazz-Roh-Tull (406)

 

Im Saal des Beierhauses läuft Fußball. Hertha BSC verteidigt mit Mann und Maus ein 0:3 gegen RB Leipzig. Es missling gründlich. Leipzig schießt erst das vierte, dann das fünfte Tor und schon kann der Honky Tonk losgehen. Bestenfalls steigt man im Beierhaus dafür hinunter in den Gewölbekeller, um einer im Saal drohenden Fake-Folk-Party zu entkommen. Neben Fake-Blues und Fake-Metal eine weitere Stilblüte, um Musik in Schubladen packen zu können. Viel zu oft wird kolportiert, dass es Musik gibt, die in keine Schublade hineinpasst. Das ist totaler Unsinn. Jede Musik hat ihre Schublade. Wie eine alte, vergessene Socke möchte man nicht hinter besagte Schublade fallen und nosferatulike grausam verstauben. Auf den Folk bezogen: was wäre kein Fake-Folk? Eine Handvoll allererster irischer Musiker, die vor mehr als 1.000 Jahren einem schief gerollten Fass Whiskey zum Opfer fielen. Als sie starben, war hinterher alles Fälschung und Abklatsch. Doch! Wenige Dekaden nach der Geburtsstunde des Fake-Folks schlug jemand mit einem Holzlöffel auf eine Milchkanne, stolperte stumpf über eine Zaunlatte und rief auf den nassen Boden klopfend: „Oh Yeah!“ Immer wieder. Das war die Geburtsstunde des Jazz. Als der Mann starb, war alles nur noch Fake-Jazz. Auch Jazz-Roh-Tull änderte später nichts mehr dran. Oftmals mischen sich die Stilrichtungen, dann krabbelt die Blues-Pumper aus der Schublade zu den Grunge-Schals und so weiter. Musikstile kreieren kann interessant sein. Vergleichen wir Musik mit Kräutertee. Kräutertee schmeckt komisch genug und erinnert sehr ans Kranksein. Dann gibt jemand ein Obststück hinzu und wenig später wird einem ohne Not ein kompostierter Rotbusch-Haufen in heißem Wasser aufgetischt.

 

 

Solche Gedanken beflügeln einen, wenn man lange auf Konzertfreuden warten muss. MTL Steam rocken ab 21 Uhr (Cover alter Schule, sehr gut, harte Basslinie, mächtige Sologitarre, Hütte brennt, alle Kerzen an, wow). Das Bier schmeckt warm wie Bienenhonig auf einer Frühlingswiese, Katja von der Bandcommunity hat den Abend im Klemmbrett, ergo im Griff. Fürst Fedja möchte nie mehr als Fischentschupper arbeiten, Doctor Makarios und Robert vom Major Label schmieden überbordende Pläne. Glücklich strahlen alle übers ganze Gesicht. Eben erst kam die zweite LP der Docs aus dem Presswerk. Ein Produkt aus recyceltem Vinyl. Jede Menge Fake-Musik musste geteert und gefedert werden, bis aus Vinylmatsche die himmlische Langspielplatte „Tote Katzen im Wind“ (Seite A) feat. „Gefesselt“ (Seite B) geschnitten wurde. Darauf Bulbash aus viel zu großen Wal-Mord-Plastikbechern. So vergeht die Zeit und potzblitz wird die Bühne frei für den Line-Check der Docs.

 

 

 

23:00 Uhr. Das Publikum drängt sich, zwängt sich durch den Gewölbekeller. Mit dem „Rotarmisten“ beginnt sie, die heutige Pratajev-Revue. Schon stehen „Panzer im Land“ als Strophenadaption von „Löcher im Strumpf“. Fürst Fedjas Tank Company lässt grüßen. Da noch eine dritte Band heute mit den Hufen scharrt, rasen die Docs durchs Hitparadies als gäbe es kein Morgen. Pichelstein gelingt es kaum den zur Bühne gelieferten Wodka in entspannten Zügen die Kehle hinunterrinnen zu lassen. Eine Stunde und 15 Minuten später ist schon wieder alles vorbei. Keine Zugaben sind heute drin, der Zeitplan ist straff. Dafür gibt’s ein flottes Set für die Fitness-Coaches im Publikum. Ach so? Ja! Nachdem die Docs bereits in einigen Grundschulen und Kitas mit „Gefesselt“ oder „Biber“ Mitsing-Hits auf Pausenhöfen und in Sandkästen landen konnten, sind jetzt die Fitness-Studios dran. Doctor Pichelstein ließ es sich auf der After-Show-Party im Beierhaus erklären. „Wir nehmen zum Beispiel . Die Damen rufen: . Stepp und rechts und links und weiter: “ Toll! Vier Buchstaben, zum Ruf geformt, die den Honky Tonk-Abend treffend beschreiben: Toll! Mit Dank an die Bandcommunity. Und Lob und Dank hagelt es dito auf den eigenen Pelz. Nehmen wir gerne an. Denn, wie sagte es Sigmund Freud so schön? „Gegen Angriffe kann man sich wehren. Gegen Lob ist man machtlos.“ Eure Fake-Blues-Pop-Folk-Post-Doom-Schlager-Post-Punk-Docs. Steigerung jederzeit möglich.

 

Hall, Halle, Halleluja (405)

 

Auffallend ist an diesem Spätnachmittag eindeutig die Höflichkeit der Navi-Dame. Das haben die Doctoren auch schon ganz anders erlebt. Nur wird das R heute gerollt, als bestünde der Weg in die Derby-Stadt Halle aus einem Rock and Roll-Paternoster. „Rrriebeckstraße, Rrrrackwitzerstraße …“ so geht das in einem fort bis das Ziel, der Kaffeeschuppen an der Kleinen Ulrrrichstraße 11, erreicht ist. Ob die Navi-Dame mit der Zunge im Stacheldraht hängengeblieben ist? Nein, dann würde sie lispeln. Es soll ja auch lispelnde Wegweiserinnen geben, wie ein SUV-Forum verrät. Das Forum der Präriefahrer, die sich mit pupsenden Kuhpanzern in die Städte verirren. Sicherlich gibt es auch Wegweiserinnen, die nur Gebärdensprache können, ergo: sehr schweigsame Zeitgenossinnen sind.

 

Eine Pause von Zuhause. Während in Leipzig Buchmesse ist und gut 300.000 Menschen dem „Sog der Worte“ folgen, gastiert der Pratajev-Tross also in Halle. Dafür sind Nachbarstädte prädestiniert. Man fährt hin, wenn es zuhause ungemütlich wird. Mal eben schnell in die Leipziger Innenstadt, um einen Milchkaffee zu schlürfen? Keine Chance. Die Buchmesse ist ein viertägiger Weihnachtsmarkt mit dichtem Gedränge von der Neuen Messe bis zum Lindenauer Hafen. Man steht sich, man liest sich quasi in den Schuhen und trägt dabei ein Kleid aus Buch. Kulturell wertvoll, zweifelsohne. Toll, Bücher, super, auch Lesungen, all das. Oft genug traten die Doctors im Buchmesse-Rahmen auf, spielten Konzerte vor der Wurstabteilung im Marktkauf, im Artpa, im Kunstgeist, in der Naturbäckerei, mit Konstantin Wecker in der HGB. Nicht zu vergessen, tata, wo fand das allererste Konzert vor 16 Jahren statt? Genau. In der naTo. Zur Buchmesse. Doch heute ist man irgendwie froh, dem ganzen Bohei entfliehen zu können. Drum nichts wie raus an die Hallenser Schnapsbar. Schnapsbar geht schließlich immer. Wer noch nie in Halle war, der besuche bitte den Kaffeeschuppen und verkoste irische Kaltgetränke, Starkbier, Schnitzelteller … dazu die Leckereien der Tank Company, denn das Wodkartell des Fürst Fedja ist um eine Herrlichkeit reicher. Ab sofort wird gepanzert und Doctor Pichelstein erscheint als Role Model auf dem Catwalk zur Bühne.

 

 

Der Kaffeeschuppen ist voll. Kann losgehen, der Techniker hebt den Topdaumen, moderiert die Pratajev-Show an und kümmert sich in der Folge hochkonzentriert um das Leben und Gedeihen der Mischpultknöpfe. Hall, Halle, Halleluja! Da kann jetzt nur der „Rotarmist“ antworten. Das Ambiente verlockte zuvor derart zum Herumhängen, dass die Doctors glatt vergaßen laut über eine ungefähre Liedfolge nachzudenken. Bald wird den Impfgegnern, aka: Seuchenfreunden, ein Denkmal gesetzt, Bald rührt der „Löffel aus Holz“ durch den Schuppen und Wodka, der alte Schlüpferstürmer, wird in gläsernen Kübelchen zur Bühne gereicht. Die selige, trunkene Stimmung ist nicht mehr aufzuhalten. Neue Gäste akklimatisieren sich sofort. Makarios läutet schließlich mit einer ersten „Schnapsbar“ galant die Pause ein.

 

 

Gleich im Anschluss legt Pichelstein nach dem „Lied vom guten Leben“ mit der „Harten Wirtin“ los. Tja, das ist der Yo-Yo-Effekt. Eine Gesetzmäßigkeit, der zufolge sich ein abwärtsgerichteter Trend (beim „Guten Leben“ handelt es sich zweifelsohne um eine Ballade) an seinem Tiefpunkt gleichsam automatisch ins Gegenteil verkehrt. Vergleiche: Diät oder? Blues! Blues ist nichts anders als eingeschlafener Heavy Metal. Kein Yo-Yo-Effekt, immer nur: Bluuuuues. Und Bierglaaaas! Und: "Ritaaaa, ich geh mal eine rauuuuchen, gib mir mal die Kuuute." Kurzum: schon wieder wird ein Weltrekord geknackt. Das Enfant terrible auf der akustischen Schnellgitarre ist für den Rest des Konzertes nicht mehr zu bremsen. Dazu führt Makarios wie ein Bolschoi-Zeremonienmeister durch Pratajevs Themenparcours und die ewigen Fragen in den Zugaben: „Was soll’s sein? Was sollen wir noch spielen?“ werden mit Contenance und einem Gitarren- und Stimmgewitter rechtschaffen beantwortet. Wenn der heutige Abend ein Buch wäre, würde eine verdammt spannende Story mit extravagantem Plot dabei herauskommen. Doch der heutige Abend ist ein Konzert, ein ziemlich verrücktes obendrein. Wohl bekommt’s und Danke, Halle.

 

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