• home
  • bio_logie
  • nächste auf_tritte
  • tour_tagebuch
  • disko_grafie
  • biblio_grafie
  • prawda
  • impressum
  •  
  • >>pratajev_bibliothek>>
  • >>pratajev_gesellschaft>>
  • >>videos_youtube>>
  • >>groß_markt>>

tour_tagebuch

19. September 2015, Klossa/Tierparkfest

Annemarie (332)


Weiter geht’s. Tag drei der mittlerweile ein klein wenig beschwerlich anmutenden Tour bricht an. Die Herren Fedja und Makarios ließen Pichelstein im Schlafgemach der Feuerwache zurück, um dem Substantiv Frühstück wahre Tragweite zukommen zu lassen. Gegen zehn klingelt das mobile Endgerät, ins Gitarristenohr fließen Worte des Bedauerns mit Aufforderungscharakter. Nun ja, dann eben: aufstehen, duschen, antreten, einsteigen, weiterfahren, Kaffee und Co. später an der Tankstelle. „Ita ius esto“, wie der Lateiner sagt. Bevor jetzt alle nachschlagen, Bedeutung: „So soll es rechtens sein“.

 

„Rechtens wie linkens no Pilze at all…“ Sind das die Gedanken des Doctor Makarios? Schließlich ist kalendarische Pilzsaison. Doch, oh weh. Es stand schon in der Zeitung: Durch die sommerliche Trockenheit dürften vielerorts Ernteausfälle zu erwarten sein. Die Route gen Sachsen-Anhalt führt zu großen Teilen über Landstraßen. Niemand möchte gerne zu keiner Zeit in einem kilometerlangen Autobahnstau stehen, so die logische Begründung. Außerdem wird ein hübscher Mittagstisch mit Elbeblick angestrebt und tatsächlich in einem der vielen auf –itz endenden Orte (hier: Diesbar-Seußlitz bei Nünchritz) gefunden. Lehmann‘s Weinstuben! Ja, hier lässt es sich sehr fein rasten. Und schwuppdiwupp senkt sich durchs Einkehren der Pratajev-Entourage das Durchschnittsalter der Gäste um mindestens 20 Jahre herab. Schön ist’s, die Sonne lacht, Weine wie hausgemachte Speisen sind geordert. Hm, ein bisschen Nachdenklichkeit kommt allerdings auf, als sich die dauerhaft schnitzelklopfende Köchin eine Pizza per Boten bringen lässt. „Die mag wohl ihre Kloße nicht?“, fragt man sich. „Die will sicher mal zur Abwechslung was exotisches“, so der später allseits akzeptierte, lösungsorientierte Lautgedanke.

 

Intermission: Es gibt natürlich auch den lösungsorientierten Leisegedanken. Der führt jedoch zu gar nichts.

 

Aufbruch, zurück auf die Weinstraße. Die Endphase der Motorradfahrersaison ist seit Beginn des Laubfalls angebrochen. Hüten muss man sich (immer noch) vor rasenden, unfreundlichen OT-Jungmännern (OT für: Ortsteil) mit Todessehnsucht. Fürst Fedja behält alle Nerven der Welt und lässt die Kurvenflieger vorbeiziehen. Dann ist Klossa erreicht. An einem Zaun prangt in Leuchtschrift „Tierparkfest“ und sogleich werden die Doctors wärmstens in Empfang genommen. Das ist allein deshalb wichtig, weil die Sonne aus Sachsen nicht über die Landesgrenze mitwollte. Später wird sie schon scheinen, keine Frage, findet die Doctors wieder und freut sich, ja! Und klar, einen Regenbogen wird’s auch geben, schöner noch als jemals in Sansibar.

 

 

Was geschieht vor einem Regenbogen? Genau. Heftiger Regen geschieht und so muss die Bühne nach erfolgreichem Soundcheck erst einmal abgesichert, müssen Laptop und Steckdosen ins Trockene gebracht werden. Ein Klacks für all die Helfer im Rund. Es wärmt das Gulasch aus der Kanone, die örtlichen Jagdhornbläser spielen auf. Die Rundführung quer durch das Tierparkareal beginnt. Esel, Hirsche, Kängurus, Wildpferde lassen grüßen. Dann werden Gänse gewogen, Kinder rennen durch Pfützen, am Bierstand bilden sich erwartungsfrohe Schlangen. Ach, es ist wirklich schön. Pratajev würde sein Gefühl von einem ländlichen Idyll bemühen und daran friedvoll verzweifeln. Überhaupt könnte Klossa heute Miloproschenskoje sein. Noch einen Birnenschnaps drauf und dann scheint sie, die Sonne aus Sachsen. Die Sonne über Klossa.

 

Simon Silver greift in die Saiten, spielt gottergeben Songs aus dem Repertoire seiner Pillbox Tales. Klingt nach …But Alive, nach Marcus Wiebusch, der einst den Satz prägte „Fußball ist ein dreckiges und nuttiges Geschäft“. Oh, dieser eine Titel „Erinnert sich jemand an Kalle 'del Haye?“ Na? Genau. Den kennt keiner mehr. FC Bayern München, Uli Höneß, Borussia Mönchengladbach. Was sagt Wikipedia? „1980 wechselte Del'Haye für die damalige Rekordablösesumme von 1,3 Millionen D-Mark zum FCB. Dort saß er häufig auf der Ersatzbank, sodass er zum Paradebeispiel für den Vorwurf wurde, der FC Bayern München würde Spieler von Konkurrenten abwerben, um diese zu schwächen, ohne jedoch die Spieler zu benötigen.“ Und dann beginnt der Pratajev-Reigen mit den Männern, die am Feldrand stehen.

 

 

Es wirkt zu Anfang etwas kurios. Makarios und Pichelstein mühen sich redlich. Lösungsorientierte Leisegedanken sind die Folge. Applaus gibt es zu Anfang wenig und dann platzt irgendwo ein Ballon oder ein Knoten oder eine Sternschnuppe fällt vom Himmel. Jedenfalls – mit einem Mal tobt die ganze Wiese. „Ich muss raus an die Schnapsbar“ – oh ja, diese ins Rund gebrüllte Parole Pratajevs wird es gewesen sein. Und so kommt man aus dem Spielen gar nicht mehr raus, reiht sich Zugabe an Zugabe zu einem dampfenden Zugabezug, der wie geschmiert auf Schienen läuft. Bis schlussendlich Makarios die Flucht nach vorne wagt, Pichelstein zurücklässt, der den Ausklang allerletzter Töne sichtlich genießt.

 

Birnenschnaps wird gereicht, eine ganze Wodkaflasche dazu. Fürst Fedja gibt den Schorla-Tan (synonym für jemanden, der noch Autofahren muss und deshalb Apfelsaftschorle trinkt) und schon erklingt sie, die Annemarie. Denn (das sollte jeder wissen): der Holzmichl ist out - möchten Sie einen neuen Tanz lernen? Dann ist die Cottbusser Annemarie-Polka genau das Richtige. Und so wird’s jetzt richtig fesch.

 

Wie heißt es noch gleich bei S.W. Pratajev? Genau: Junge Burschen, junge Burschen tanzen. Was für ein feines Erleben. Sehr vielen Dank dafür. Wir kommen gerne wieder.

 

 

Nachtrag Doctor Makarios:


Eigentlich ist´s nun vorbei, das sagenhafte Pre- und Post- und Real-Record-Release-Wochenende. Doch ein Begleiter hat sich bis nach Leipzig „mitgeschmuggelt". Des Doctor Pichelsteins Harz-Wander-Virus. Noch in der Nacht zum Sonntag fiel er Fürst Fedja an (hätte er mal mehr immunisierenden Schnaps getrunken) und am Montagabend versuchte er auch Doctor Makarios zu fällen. Doch Doctor Makarios deutete die Zeichen der Infektionszeit früh und bekämpfte den Eindringling erfolgreich mit in Portugal gewachsenen Heilkräutern. Zistrose, Cystus, allen zu empfehlen, die keine Grippeschutzimpfung über sich ergehen lassen wollen.

18. September 2015, Dresden/Alte Feuerwache, CD-Releaseparty

Die Klatschweltmeisterschaft (331)


Auf nach Dresden. In den Saal der Alten Feuerwache. Doctor Pichelstein ist von jetzt auf gleich schnupfgeplagt und hofft inständig, niemanden angesteckt zu haben. Ein Harzer Viruscocktail, hm, gar nicht gut. Es ist früher Freitagabend, als die Bockwürste, Autobahnkilometer, all die Rauchpausen, Unfälle und Staus hinter den Doctors liegen und Fürst Fedja den BMW galant in die Einfahrt kullern lässt. Nur nicht wieder gegen die Mauer fahren. Ein Unterfangen, was taghell natürlich gelingt.

 

 

Wieder ist’s wie am gestrigen Tage. Als eine bereits vorinstallierte Bühne freudig zur Kenntnis genommen wird, zischen sich erste Kaltgetränke mühelos wie von selbst. Diesmal gebührt der Dank dem begnadeten Technikus Eric. Nach dem Soundcheck gibt’s leckere Häpperchen und Päpperchen mit Gürkchen oben drauf. Satt bis zufrieden kann’s Konzert somit beginnen. Schön. Man muss nur sitzen, schwatzen, trinken und warten. Die Tische füllen sich – aber keine Sorge: es wird kein Sitzkonzert werden. Wir sind ja schließlich in Dresden und nicht, na ja, dort, wo die Leute eben (warum auch immer) Sitzkonzerte präferieren. An ein öffentlich zugängliches, bestuhltes Elbflorenz-Konzert in den letzten Jahren kann sich auch zuweilen niemand erinnern. Pirnas Gleichstellungsbeauftragter der Pratajev-Gesellschaft versucht den fränkischen Worten der aus Nürnberg angereisten Hufschmiedin zu folgen und scheitert. Mit großem Hallo wird die Grottenwirtschafts-Gemeinde begrüßt und so werden es am Ende knapp über 50 Gäste. Das ist schon viel für diese Gegend (außerhalb des Elbhangfestes), denn Loschwitz zu erreichen ist die eine Sache. Loschwitz mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder Richtung City oder meinetwegen Struppen zu verlassen, eine nachts schwer zu stemmende Angelegenheit. Doch soweit die Füße tragen sind wir noch nicht, zunächst gibt’s das Handzeichen vom Eric: Intro ist scharf gestellt, kann losgehen.

 

Und wie es losgeht. Von Anfang an geben verehrte rhythmische Klatschweltmeister den Ton an - die machen ihren Job wirklich gut. Aus 100 werden (gefühlte) 500 Hände und natürlich Kehlen, die lautstark grenzenlose Freude am Leben und Werk Pratajevs kundtun. Getanzt wird mitunter besorgniserregend. Pogo bei den Doctors, jawohl! Die Fidelio-F.-Finke-Straße draußen muss beben und es ist ein kleines Wunder, dass nicht ein besorgter Bürger das Ordnungsamt zum Herstellen der Schwarzkittelruhe nach 22 Uhr herbeizitiert. Vielleicht gibt es in Loschwitz ja keine wild um sich fuchtelnden, besorgten Bürger. DAS wäre wahrlich eine zu schöne Attitüde.

 

 

Mehr als schön ist’s Konzert. Es macht Spaß und Freude und soll nie zu Ende gehen. In der Pause lässt sich Pichelsteins Ungeduld aufs Weiterspielen nur mühsam durch ein paar Kaltgetränke bezähmen. Das klitschnasse Shirt muss er wechseln; ein Hockeydress der Edmonton Oilers wird dem nassen Corpus übergeholfen. Makarios hat, locker flockig den Drink kürzer nippend, noch ein Weilchen am Merchstand zu tun. Weg wie warme Semmeln gehen wie auch gestern die „neuen beiden Tonträger zum Preis von einem“. Heute ist schließlich der Tag der echten CD-Releaseparty. Dazu passt gerne: Ein herrlicher Milzbrand aus dem Hause Fedja.

 

Makarios beherrscht sie auch in der zweiten Konzertrunde galant, die hohe Schule der Pratajev-Inszenierung, nimmt das Publikum mit erlesenem Sendungsbewusstsein mit, was Doctor Pichelstein zu einer frenetischen Gitarrenreise inspiriert, ja förmlich aufstachelt. Mit jedem dargereichten Schnaps wird er schneller und schneller, so dass Konzertdirigent Makarios alle Mühe hat, dem rasenden Treiben stimmlich folgen zu können. Und dann geschieht es. Zack, erste Gitarrensaite gerissen, zwack zweite Saite durch. Auf der Überholspur greift Pichelstein zur Ersatzklampfe, setzt charismatisch „Da hält der Wind den Atem an“ drauf, winkt mit dem Gitarrenhals ins Publikum und schon wieder: ein Saitentod, ein gemeiner. Wenn das kein Zeichen von unten, aus Pratajevs Gruft, ist. Die (fast) letzte Zugabe gelingt ergo mit Ach und Krach: „Als das Eis kam“ – was wäre ein Dresden-Konzert ohne Pratajevs Bolwerkow-Hymne? Eine finale Schnapsbar gibt’s zum Schluss oben drauf. Fast schon A-Capella.

 

Herzliche Begegnungen, sinnliche Momente, neue Bekanntschaften, unvergessliche Erlebnisse, bewusste Selbsterfahrung und faszinierende Erkenntnisse bleiben haften. Und natürlich: am Ende ist die Schnapsbar in der Feuerwache bis auf den letzten Kümmerling leergetrunken.

 

PS: Der Satz vor dem Schnapsbar-Satz wurde einer Broschüre über Tantra-Massagen entliehen (passt aber ungemein hierher).

 

  1. 17. September 2015, Leipzig/Café Westen, CD Pre-Releaseparty
  2. 12. September 2015, Leipzig/1. Doctors-Grillen, Schleußig
  3. 04. September 2015, Prag/Parukářka
  4. 03. September 2015, Prag/ U vystrelenyho oka

Unterkategorien

  • 78
  • 79
  • 80
  • 81
  • 82
  • 83
  • 84
  • 85
  • 86
  • 87
impressum + Kontakt