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tour_tagebuch

11. Juli 2015, Piesteritz/An Willis Garten

Wer schwankt hat mehr vom Weg (323)


Erstmals in ihrer langjährigen Tourgeschichte fahren die Doctors ohne Verkaufsstand auf Reisen. Tja, das kann schon mal vorkommen. Beim Eintreffen des Trosses in Wittenberg-Piesteritz sind sich noch alle Beteiligten sicher, dass die Merchkoffer im Auto weilen. Nach schweißvollendetem Bühnenaufbau ergibt sich dann ein anderes Bild. Nun, Zerstreuung kommt von Streuen, die Gedanken sind frei, und manchmal hauen die einfach ab und sagen sich: Seht mal zu, wie ihr ohne uns durch den Tag kommt. Sofern die Koffer wieder auftauchen, können den Doctors die ätschenden Gedanken aber nichts anhaben. Soviel ist mal sicher.

 

Gefeiert wird heute in Willis Garten, gefeiert werden 75 Jahre, powered by Kristin und Willi. Passionierte Läufer und – das muss unbedingt erwähnt werden: Große Eishockeyfans der Hannover Indians vom Pferdeturm. Im Juni 2008 weilten die Doctors bereits einmal in der vorstädtischen Idylle, damals gab es die Weise „An ihrem Garten“ noch nicht. Dafür spielte George Clooney im Tor der griechischen Nationalmannschaft. Die Fußball-Euro wollte es so. 2008 lernten die Doctors auch Nele kennen, doch dazu später mehr.

 

Denn kaum sind die Schlüssel für das wärmstens zu empfehlende Hotelrestaurant „Kajüte 7“ verteilt, locken Grillschwaden zu randvollen Tellerbefüllungen. Der Zwiebelkuchen ist ein Gedicht, die Beilagen müssen von der Piesteritzer Salatkönigin höchstpersönlich hergestellt worden sein. Willis in die Sonne geschmunzelter Satz: „Getränke wisst ihr ja, im Keller“, lässt man sich gerne im Ohr zergehen. Hat man den Keller erreicht, muss für das regelmäßige Verb „Staunen“ ein höherwertiges, ein viel Aktiveres gefunden werden. Vielleicht bemüht man Ingeborg Bachmann feat. Max Frisch und haut gleich mal drei Verben auf einmal raus: „Sprechen, Staunen, Schweigen“. Jetzt noch Charles Bukowski dazu (Trinken) und fertig. Willis Keller, durch eine Showtreppe in den Abgrund zu erreichen, ist heute fürwahr ein Pilgerort. Und wer zum Klo muss, nimmt einfach die darüber verortete Showtreppe zum Himmel.

 

 

Da den Russian Doctors einst im Juni 2008 zwei Schutzmänner den Strom abstellten, so dass wieder Ruhe und Friede in die Nachbarschaft einzog, startet das Konzert diesmal lange vor der blauen Stunde. Der damalige Anrufer ruht zwar mittlerweile so richtig dolle und mit viel Erde oben drauf in Frieden - doch man weiß ja nie, wer’s Kissen-am-Fenstersims-Erbe antritt.

 

Es dauert etwas, bis die Pratajev-Revue ins Rollen kommt. Die feucht-warme Luft meinte es mit den Potienziometern, kurz „Potis“ genannt, am Mixgerät nicht gut. Dann sorgt noch Pichelsteins Mikrokabel für Aufruhr, doch die Quintessenz aus stoischer Ruhe (Makarios) und hektischem Getue (Pichelstein) führt schließlich zu wohlig-heftigen Klängen an… Willis Garten, an Willis Garten. Es gibt nichts zu sehen! Und so peitschen sie dahin, die Erben Pratajevs. Brav wird jeder zur Bühne gereichte Schnaps verstoffwechselt, ein imposanter Holzlöffel wird geschwenkt, Kinder rennen umeinander und die mindestens 20 Biersorten in Willis Keller werden nach und nach geerntet. Nicht nur der Mitgesang kann sich hören und sehen lassen, nein, jetzt ist Weltpremieren-Zeit. Erstmals spielt eine talentierte junge Dame ein Lied mit den Russian Doctors zur Erlenholzgitarre. Eben jene bezaubernde Nele, die 2008 noch keine schwere Gitarre hätte stemmen können. Ausgesucht hat sie sich die „Ratte“ und so muss sich Doctor Pichelstein nur den Grundakkorden widmen. Den Rest erledigt Nele. Und nachdem der Applaus am Ende grenzenlos ist, darf man gerne auf eine Fortsetzung dieser bisher dreiminütigen Erfolgsstory hoffen.

 

 

So vergeht die blaue Stunde, so bricht die Nacht hinein. Zwei Schnapsbars werden in den Zugaben aufgetischt. Dann geschieht was? Am Unabhängigkeitstag der äußeren Mongolei, dem 11. Juli? Am Geburtstag der Herren Herbert Wehner, Yul Brunner, Friedrich I., König von Preußen oder (ein ganz großer): Peter Murphy? Tradition muss sein. Und so erscheinen zwei Schutzmänner in Grün und weisen auf das Einhalten der Nachtruhe in Wittenberg-Piesteritz hin.

 

Aber so schlimm ist das alles nicht. Es gibt ja noch Willis Keller, den stets auflodernden Grill, all die feinen Menschen und Gartengäste. Schließlich nimmt sich Doctor Pichelstein das Motto „Wer schwankt hat mehr vom Weg" sehr zu Herzen und verursacht nach einem spektakulären Auflaufunfall (Tisch gegen Pichelstein, Tisch fällt, Pichelstein siegt) nasse Beinkleider am Doctoren-Tisch. Herzlich wird gelacht, wird die nächste Runde eines gewiss hochpreisigen Whiskeys aus Schottland ausgeschenkt. Bis auch diese Flasche zur Neige geht - und da es selbst Fürst Fedja kaum mehr gelingt, ein Rauchwerk im 45-Grad-Winkel galant anzuzünden, entscheiden die Geister in den frühen Morgenstunden: Auf in die Kajüte Nr. 7. Danke, liebe Kristin, lieber Willi. Der Abend ist gelungen.

 

28. Juni 2015, Dresden/Elbhangfest, Grottenwirtschaft

Kabelmassage mit Happy End (322)


Das Ramada-Hotel in Laubegast ist für musizierendes Reisevolk zu empfehlen. Frühstück gibt es fürwahr an Wochenenden morgens bis halb 11! Da ein gesunder Doctorenschlaf ungefähr auch um diese Uhrzeit endet, passt das Timing zur Bäuchebefüllung gut. Rasch werden letzte Buffet-Reste in der Fahrstuhletage Null auf Teller geschaufelt, Kaffeekannen geordert und schon darf die Zeit verstreichen. Draußen scheint jene Sonne, die die Doctors gestern mit zum Elbhang brachten auf kleine Taten, die nun folgen, bis der BMW, wenn auch reichlich lädiert, in Wachwitz eintrifft. Denn in Wachwitz lässt die Grottenwirtschaft Hof halten. Um 15 Uhr sollen die Erben Pratajevs konzertieren.

 

Die Frage, warum „der BWM reichlich lädiert“, mit Fernlichtverlust rechts und eingedrückter Front, daherkommt, hm, die kann hier gar nicht beantwortet werden. Fragen Sie einfach den Fahrer. Wohingegen die Bemerkung „kleine Taten, die nun folgen“, mit einer Weltreise auf die andere Elbeseite nach Loschwitz, später dann nach Wachwitz, untrennbar verknüpft ist. An der Haltestelle, im Linienbus lassen Sätze freundlicher Menschen wie „Mutti, guck mal, das sind ja die Russian Doctors!“ Oder: „Na Jungs, ausgeschlafen? Sehen wir uns gleich an der Grottenwirtschaft?“ vermuten, dass eine gewisse Freude darüber herrscht, dem wandelnden Weltkulturerbe Pratajevs beim Schnaufen, Laufen und Sitzen zusehen zu dürfen.

 

Schon ist es halb drei, schon herzen sich die Herzchen mit großem „Hallo“ und „Holloröhdulliöh“. Fischsemmeln, leckere Suppen und Schmalzbrote werden verteilt, an der Draußenbar gibt’s flaschenweise Kaltgetränke und da die Doctors heute Abend nicht mehr nach Hause fahren werden, schlagen alle zu, als gäb es kein Morgen. Mister Sunny Side Up singt den Bluesrocker „Black Velvet“ von Alannah Myles. Der Schedule hängt etwa 30 Minuten hinterher, doch das macht nichts. Hier im Schatten der Grottenwirtschaft, wo die Heppmepps (wie wird denn das bloß richtig geschrieben?) und Hühnerschecks mit be-hüteten Menschen drauf vorbeiknattern. Am Merchstand der Doctors werden derweil Tonträger verteilt, denn nicht jeder CD-Käufer war am gestrigen Loschwitz-Abend noch in der Lage, Verpackungsinhalte zu prüfen, wollte den folgenden Tag musikalisch wertvoll beginnen, und staunte darüber, dass das erst mal nichts wurde.

 

 

Die Anlage zur Beschallung des Publikums ist vom Feinsten, gleich drei dynamische Techniker werden aufgeboten und entsprechend rasch steht einem gottergebenen Konzert der Doctors nichts mehr im Wege. Das Intro läuft, es gibt einen Knall (so „puff“ halt) und schon sagt ein Doctor zum anderen: „Irgendwas stimmt nicht so ganz…“ Und tatsächlich: Beiden Gitarren ist kein Laut mehr zu entlocken. Während Makarios die kleine Katastrophe galant mit pratajevschen Anekdoten überspielt, begibt sich Pichelstein, besorgt am Schnapse nippend und umringt vom Techniker-Know-How, auf Fehlersuche. Batterien? DI-Boxen? Signal zum Pult? Effekt- und Stimmgeräte? Stromzufuhr? Kabellage? Kabelmassage? Tata! Es streiken (erstaunlicherweise) die von den Gitarren wegführenden Instrumentenkabel. Beide erlitten in Minute 1 des Intros Brüche und müssen ausgetauscht werden. Yes und Ja und Yippie. Schnell einen lauwarmen Underberg und dann geht’s.

 

 

Und wie es geht, denn „it goes los“ mit den Doctors an der Grottenwirtschaft. Schweißtreibend, singend, trinkend, lachend, über drei Schnapsbars in den Zugabereigen hinein - da die Ärzte-Beipackzettelhelden von Cosmic Noise bereits verständlicherweise mit den Hufen scharren, müssen zwei Stunden Pratajev-Lehre heute reichen. Die Füße dampfen, der Bühnenumbau folgt auf der Socke, hernach darf ge-chillt werden, wie es seit einiger Zeit heißt, wenn man locker-flockig in der Ecke hockt und das Leben an einem vorüberzieht. Man macht quasi „einen auf Altersheim“. Und wie es zieht, das Leben, Stunde um Stunde vergeht, eine letzte Runde gibt’s mit dem Orga-Team der Grottenwirtschaft bis die letzte Elbefähre die Doctors zur Heimstatt Laubegast übersetzt. Was für ein Tag. Dafür einen erneuten Babberschmatz.

 

  1. 27. Juni 2015, Dresden/Elbhangfest, Alte Feuerwache
  2. 26. Juni 2015, Struppen/Secret-Garden Privatparty
  3. 10. April 2015, Leipzig/Flowerpower
  4. 27. März 2015, Torgau/Kulturbastion

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