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tour_tagebuch

01. August 2015, Pirna/Hofnacht

Griechischer Schnaps zur Russian-Speed-Lyrik (325 & 326)


Hofnacht in Pirna! In der Langen Straße, am Elberande, nahe der Schifftorvorstadt, beim verehrten Teilzeit-Privatier Ulf. Im Hof der Höfe, wo Keks und Kuchen sich „Gute Nacht“ sagen und junge Naschkatzen, die davon probierten, in tiefste Traumtiefen fallen. Dortselbst also, wo jeder gelungene Abend nur ausufern kann. Und die Doctors dazu auf der Hutbühne. Was will man mehr? Jahr für Jahr eine unverkennbare Größe im Kalender und jedes Mal ist neues Publikum da. Publikum, das sich beinahe stapelt, denn der Ulf‘sche Hinterhof ist nicht besonders groß. Was liegt da näher, als mal wieder gleich zwei Konzerte hintereinander zu spielen? Natürlich mit unterschiedlichem Liedgut. Wir wollen es vorwegnehmen: 51 Titel gab es in summa summarum 3,5 Stunden auf die Ohren. Stellen Sie sich vor, wie nassgeschwitzt, wie sweet salzig beide Doctors am Ende waren. Die Salinen von Sečovlje und auch die von Salzuflen hätten einpacken können. Tsipouro, griechisches Feuerwasser, nonchalant serviert vom Gastgeber persönlich, assistiert von Fürst Fedja, machte es möglich. Betont und weise waren es am Ende nicht genauso viele Schnäpse wie Pratajev-Lieder. Doch zurück zum Urquell des Abends.

 

„Sonst verschlossene Höfe laden zu kühlen Getränken in lauschiger Atmosphäre ein. Auf der Langen Straße 36 rocken The Russian Doctors einen Privathof“ – der Pressetext der Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna bringt es unverwunden auf den Punkt. Makarios und Pichelstein werden also rocken müssen. Kein Problem. Die Luft ist schwül, die Wolken sind dick wie Elefantenhaut, kein Regen, die ganze Zeit kein Regen während der Hofnacht. Das hat es lange nicht mehr gegeben. Fürst Fedja und Doctor Pichelstein „schleppen sich einen Ast“, wie man so sagt, wenn man schwere Dinge (Anlage zur Beschallung, Backline, Merchkoffer) bewegt. Ob es dafür ein Synonym gibt, welches milde sächselnd für eine solch große Tat angeführt werden könnte? „Anna Bärne gerämmlt“ wurde sich jedenfalls nicht und so steht beizeiten die Bühne, die ersten Kaltgetränke mit Schuss sind wegtrinkbereit. Eine Wohltat fürs Bonusheft.

 

 

Getrost könnte man bereits den Soundcheck als erstes, kleines Konzert anführen. Eine Reisegruppe älterer, das Leben bereits länger studierender Semester, setzt sich erschöpft nieder. Brav wird nach jeder Lied-Testosteronung applaudiert. Und als Doctor Pichelsteins obligatorisches „Hollaröhdulliöh“ aus dem göttlichen Rustikal „Der Watzmann“ zur Stimmprobe gelangt, wird gar ein wenig geschunkelt. Die in unbedarften Kreisen beliebte Frage: „Singt ihr gleich auf Russisch?“ bleibt diesmal unbeantwortet. Und da besagte Reisegruppe das echte Konzert dann – auf Drängen der weiblichen Frauen-die-wie-Katzen-kreischen-Parts („Trink aus, Rudi, trink aus, wir müssen gehen“) – schlussendlich verpasste, werden sich einige der gebildet dreinschauenden Damen und Herren bis tief in der Nacht durch staubige Lexika gewälzt haben. Immer auf der Suche nach einem russischen Dichter namens S.W. Pratajev.

 

20:30 Uhr schlägt es krach im Gebälk der Kirchen, dann ist die Hutbühne proppenvoll. Das 325. Konzert beginnt mit den „Feldmännern“ und endet nach einer zweistündigen Reise, ausgeführt in Maximalgeschwindigkeit. Doctor Pichelstein gewinnt im weißen Trikot die Tour de Pirna, Doctor Makarios im schwarzen Salzhemd das Elbe-Windschatten-Steherrennen. Ausgebremst werden die Könige der Russian-Speed-Lyrik lediglich auf einer Bergetappe durch einen marodierenden Zwischendefekt am Tonmischgerät - doch eine kleine Umsteck-Aktion nebst Kontaktspraygabe bereinigt das Malheur in Windeseile. Fast hätte man meinen können: Das gehört alles zum Programm. Eine Weltpremiere wird feilgeboten: „Die Schwimmerin“ – ein 45-Sekünder gleich nach den „Veterinären aus Murmansk“. Wie passend. „Schnapsbar!“ heißt es am Ende und die ist heute – wie bereits geschildert – lecker griechisch bestückt. Solidarität mit Griechenland ist das Motto.

 

 

Eine halbe Stunde später startet das Konzert mit der laufenden, nein, rasenden Nummer 326. Der „Rotarmist“ hält als Dosenöffner her und wieder ist’s voller als am Tag vor Sylvester im Kaufland um die Ecke. Bis zur Straße stehen sich die lieben Menschen in den Schuhen. Doctor Pichelstein macht eine für zukünftige Wirte-Booker der Konzerttour 2016 ganz entscheidende Entdeckung: Je schneller er spielt, umso schneller wird im Publikum getrunken. Ein Schnaps auf E-Dur7, ein Wein auf cis-Moll6. Man solidarisiert sich. Sehr gut! Beim „Jägerlatein“ rast er Doctor Makarios im Sprintspurt davon. Makarios muss aufgeben, zündet sich erst mal eine Zigarette an und Pichelstein singt allein weiter. Lange nicht dargebotenes Liedgut kommt zu Gehör. Die Ballade vom „Gelben Schnaps“ etwa oder eine „Bebende Brust“. Im Zugabeblock bleiben kaum Wünsche offen, doch nach der vierten Schnapsbar muss es genügen. Die Doctoren liegen sich in den Armen und hätten sich auch in Schlamm wälzen können vor Glück. Doch es regnet glücklicherweise heute nur Beifall, tosenden Beifall und dann regnet es bis früh in den Morgen lange in durstige Kehlen hinein. Danke, danke, danke.

 

25. Juli 2015, Leipzig/Mischhaus

Zeljko, der Bühnenkiller (324)


Sturmtief Zeljko hat mächtig Verspätung, sollte längst über Leipzig hinweg gezogen sein, doch dem Hausrüttler gefällt’s prächtig in der Tieflandsbucht. Mit ihm zu spaßen ist nicht. Spaß haben wohl nur die Wettervorhersager, bedeutet doch der kroatische Jungenname Zeljko „Der Erwünschte“. Wie werden sie das nächste Wolkenmonster nennen, das Keller und ganze Städte flutet? Felicitas, die glücksbringende Fröhlichkeit? Es sollte Kevin heißen, Alpha-Kevin. Ein Name wie eine Diagnose, von dem man nichts Gutes erwartet. Seit dem Abschied Jörg Kachelmanns aus den großen TV-Anstalten ist eben nichts mehr, wie es einmal war und der Beruf des Wettervorhersagers ist seitdem so unnütz wie der des Prozessbeobachters oder der des Adelsexperten. Muss man diese Aussage näher begründen? Benjamin Stöwe! Einfach mal das Erbe des seligen Ben Wettervogel im ZDF-Morgenmagazin anschauen und kräftig nicken.

 

 

Heute beginnt „Parcours 2015“, die Sommerausstellung im Mischhaus zu Leipzig-Stötteritz öffnet ihre Pforten, Künstler diverser Sparten trugen allerlei Elemente bei. Dass ein Parcours „eine Strecke mit vorbereiteten Hindernissen“ bezeichnet, wird synonym zum Beispiel durch in den Boden eingelagerte Badewannen verdeutlicht. Das Cafe Westen-Personal stemmt den kulinarischen Part – es lodert der Grill, fleißige Zapfer schenken kühle Getränke aus und mit letzter Kraftpuste zerfetzte Zeljko eben erst die liebevoll angerichtete Gartenbühne. Als die Doctoren eintreffen, flattern die Planen im Wind. Also muss umgedacht werden. Der Auftrittsort wird in den Eingangsbereich verlagert. Nun darf es nur nicht regnen. Wird es auch nicht, Glück gehabt.

 

Die Technik steht, der Garten ist proppevoll. Lange nicht gesehen: Die Dame Ane und Spaniens Leonard Emaro. Natürlich – es wird über den 3. Pratajev-Film gesprochen, gemutmaßt und vielleicht sollte es ihn wirklich noch geben. Eine herzergreifende Anmoderation folgt, Geschwätzigkeiten enden. Steffen Birnbaum stellt die einzelnen Künstler qua Laudatio vor, Assistentin Franziska verteilt Sonnenblumen und hernach feuert das Intro aus den Boxen.

 

 

Es ist immer wieder eine große Challenge, sich neues Publikum erspielen zu dürfen. Der überwiegende Teil der Kunstfreunde hat vor diesem 25. Juli 2015 noch nie ein Pratajev-Gedicht gelesen, geschweige denn sich ein Lied der Russian Doctors ins Ohr gestöpselt. Doch heute ist es, wie es eigentlich immer ist: die anfängliche Skepsis weicht rasch und dank Makarios‘ poetisch-praktischem Erzählritt gelingt der Pratajev-Parcours ab 20 Uhr ohne Pause mit Wodka-Sahnehäubchen obenauf. Nach mehr als zwei Stunden sind wieder einmal knapp 40 Weisen gespielt, Mundschenk Fürst Fedja sorgte zwischendrin mit ausreichenden Gelbschnapslieferungen für Belohnungsmomente bis zur letzten Zugabe, die bereits in tiefster Dunkelheit gespielt wird. Dann erlischt das Scheinwerferlicht, wird’s Backstage ein Middlestage und manch einer möchte mit den Doctoren unbedingt noch wohin, ins Cafe Westen vielleicht, ins NBL. Aber nein, sagen sich da die Herren Makarios und Pichelstein: für heute muss es reichen, die Arbeit ist getan. Noch ein letzter Gelbschnaps, dann nichts wie ohne Umwege ins sanfte Weich.

 

  1. 11. Juli 2015, Piesteritz/An Willis Garten
  2. 28. Juni 2015, Dresden/Elbhangfest, Grottenwirtschaft
  3. 27. Juni 2015, Dresden/Elbhangfest, Alte Feuerwache
  4. 26. Juni 2015, Struppen/Secret-Garden Privatparty

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