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tour_tagebuch

04. September 2015, Prag/Parukářka

Bekiffte Fußhupen (328)


Nach vergeblichen Versuchen, Fürst Fedja ins Leben zurückzuwinken (das bis 10 Uhr-Frühstück ist im großen Ballsaal eingenommen worden, der Saft schmeckte nach Pulver, der Rest lockte dagegen sehr delikat), beginnt sie also, die Makarios-Pichelstein-Pirsch.

 

Žižkov war früher einmal ein Dorf, in dem vornehmlich Weinberge die Prager Schänken mit erlesenen Traubensäften beglückten. So geht es übers hügelige Kopfsteinpflaster quer hoch und schief zunächst gen Markt. Am Kaiser Franz-Stand werden frisch zubereitete Klopsburger erstanden. Noch ein großes Pivo dazu, schon darf die erste Zwischenmahlzeit als perfekt angesehen werden. Zwei Bäuche werden lustvoll gestreichelt, als die Metro am Fernsehturm (der mit den krabbelnden Babys drauf) das Doctoren-Duo quietschend ins Zentrum bugisert und da man die Prager City bereits wie eine Westentasche kennt, schleicht man auf leisen Sohlen an den Touristen-Schirmmenschen vorbei zur Moldau auf eine Wiener Schlürfspezialität: ein Drittel Kaffee, ein Drittel Eis, ein Drittel Schlagobers. Fertig ist der Einspänner, auch Fiaker genannt. Seinen Namen umgibt folgende Herzlichkeit: Als die Wiener Kutschmeister einst auf feine Damen und Herren warteten, bot man ihnen vor den Hotels etc. Kaffee an. Damit man den auch ohne Verbrühungen genießen konnte (die Wartezeiten für Herren waren ja noch nie lang, es sei denn, eine Dame betrat die Bildfläche mit der bis heute üblichen Verzögerungstaktik) wurden kühle Elemente hinzugefügt.

 

Zurück im Hotel bietet sich den Doctoren dasselbe Bild wie noch vier Stunden zuvor. Fürst Fedja, erschöpft vom Schimpfen mit dem Zimmermädchen („Nix putzen, gehen Sie, go go go…“) und vollkommen wundzäpfchengeschnarcht, liegt im Bette. Pichelstein lockt ihn schließlich mit einer frisch erworbenen Kalt-Cola ans Fenster auf ein Rauchopfer nach draußen. Gemeinsam wird beschlossen noch ein bisschen zu schlummern. Gute Idee - schließlich will man gut vorbereitet sein aufs Parukářka-Konzert, drüben auf dem künstlich angelegten Atombunker-Hügel. Jenem Sitz auf der Prager Landkarte, den man unbedingt einmal live gesehen haben muss.

 

 

Der Wirt stellt seine neue Freundin vor, der Koch bringt volle Pappteller und an der Schnapsbar läuft der Zapfhahn rund. Herrlich warm ist’s auf dem Freisitz, Hunde und Menschen tollen herum. Fehlt nur noch die Technik - gedacht, gesagt. Schon wird die Bühne unterm Sonnenschirm zusammengeschraubt. Der Mann an den Schalthebeln ist leider nur der tschechischen Sprache mächtig, sei’s drum: umso mehr wird mit Händen und Füßen gefuchtelt, gewedelt, dann stimmt der Sound und als er lauter als das Hundegebell rüberkommt, wirken alle Beteiligten sehr zufrieden. Auf zur Schnapsbar, zum Herzen der Pirna-Fraktion, auf zum langjährigen Freund Phil Shoenfelt, zum in sich ruhenden ex-Millionär Jarda, zur schwankenden Zuzana, zur ärmellosen Azalea So Sweet, zur glücklichen Ivana und und und. Sie sind alle wieder da. Selbst M.C. Schmutz ließ sich nicht zweimal bitten. Möge das Konzert beginnen. Man muss nur aufpassen, dass keine betrunkenen Parukářka-Pilger, keine bekifften Fußhupen gegen die Stative fallen oder laufen. Ein ums andere Mal torkelt so ein kleiner Hund, ein Mix aus Boxer und Terrier, Pichelstein vor die Füße und will ihm’s Pivo streitig machen. Doch nicht mit Doctor Pichelstein! Jedes Getränk wird eisern verteidigt, soll’s doch heute noch schneller gehen als gestern.

 

 

Makarios führt mit sonorem Bass durchs Programm, die erste Schnapsbar läutet die Pause ein und was im zweiten Block von der Schirmbühne schallt, sprengt alle Ketten. Kaum ein Halten gibt es, als Žižkov-Legende Jarda den Joint mit dem Saxophon tauscht, als Phil zu „In my hand“ in die Saiten greift, den Goldeck-Song wie ein junger Gott (versus: ein junger Iggy Pop oder Nick Cave – die beiden kennen sich ja bestens aus einem sehr speziellen Event) performt, als „Die Art“-Rufe im Publikum lauter werden, „Das Schiff“ und „Wide wide world“ zum Diskant gespielt werden. Der ganze Hügel steht Kopf; selbst die bekifften Hunde wollen kaum mehr Stöckchen spielen. Kein Wunder – die Herrchen und Damchen im Rund sind mittlerweile derart trunken, dass satte Tellerbefüllungen von den Vierbeinern im Ganzen verschlungen werden. Makarios kündigt nach weiteren Doctors-Eskapaden den Zugabereigen an und dann ist’s grundgut für den Moment.

 

Weitere Zeremonien führen ohne Umwege an die Schnapsbar; im Glashaus versucht sich ein junger Gitarrist mit schwarzer Lederjacke in die Herzen junger Zuhörerinnen zu spielen. Von draußen erkennt ein jeder, dass sich die gewählte Zielgruppe leider auf dem Weg ins Traumland befindet. Kein Wunder – der Becherovka ist alle. Die Doctors haben es wieder einmal geschafft, die Schnapsbar leer zu spielen. Tja, liebe Wirte. Ein Pratajev-Konzert ist eine lohnende Sache. Das weiß später in der langzeitlosen Nacht auch die Kellnerin einer Cocktail Bar namens „Cocktail Bar“ in unmittelbarer Hotelnähe. Jener letzten Station vorm glimpflichen Zubettgehen. Möge morgen genug Sonne scheinen, um unter Melniks Himmel lustzuwandeln. Das hat man sich nun redlich redlich verdient. Und genau – das Verdiente der letzten beiden Tage will auch noch ausgegeben werden. Tschechische Kronen tauschen sich bestenfalls in leckere Lebensmittel ein, wenn man halbwegs zu haushalten versteht.

 

03. September 2015, Prag/ U vystrelenyho oka

Wer mit Volldampf in den Briefkasten rennt (327)


Eine schöne Überschrift, nicht wahr? Auf welchen der drei Prag-Powerplay-Stürmer (Makarios, Pichelstein, Fürst Fedja) die wohl am Ende des Tages zutreffen wird? Bei Abreise im Leipziger Osten regnet es wie aus Kübeln. Doch je näher man der goldenen Stadt kommt, umso freundlicher scheint Mutti Sonne. Der herbstlichen Wetterarroganz wird Paroli geboten und Fürst Fedja gibt vor Freude Gummi. Sozius Makarios hält darob von Zeit zu Zeit die Luft an, Genosse Pichelstein lümmelt auf der Rückbank mit Werken von Harry Rowohlt und Max Goldt in Händen vor sich hin. Immer wieder heißt es: Raucherpause. Fürst Fedja, dem das gar nicht so gefällt („Ich will bloß ankommen“ – „Aber die schöne Landschaft!“), gibt sich gerne geschlagen. Schließlich wird bei Stopps zuweilen Nahrung aufgenommen und das erste Gulasch plus Pivo auf tschechischem Boden hat es fürwahr in sich.

 

Nach dem Einchecken ins Hotel Ariston (Seifertova 65, Praha-Žižkov, in sämtlichen Belangen sehr zu empfehlen), dem ersten Schlummer, folgt die Schnapsbar-Happy Hour. Gleich um die Ecke beherbergt ein schickes Barockhaus eine Cocktail Bar mit kleinem Freisitz und mannigfaltiger Getränkeauswahl. Starten wir also in die Aufwärmphase des Konzerttages. Die Tatras dröhnen vorbei, her mit großen, scheppernden Gläsern. Drin versammeln sich: Zitronen- und Apfelsaft, 4 cl Becherovka und ein Strohhalm. Letzterer wird als überflüssig erachtet. Schlürfen macht den Doctoren-Meister. Der Pietät halber bleiben indes freudige Rülpser noch aus, schon startet der BMW gen U vystrelenyho oka, auf geht’s ins „Zerschossene Auge“ von Žižkov, wo manch männlicher Kopf während des Pivo-Lassens im Wandleder zu ruhen vermag. Ein Open Air wird’s werden, denn der Prager Spätsommer ist kein Schlechter.

 

 

„Ahoi, herzlich vítejte”, begrüßt der Techniker die Doctors. Nicht schlecht, was alles am Start ist. Der junge Mann, dem man kein Coolness-Handicap andichten sollte, rechnete wohl mit voller Kapelle und nun erklärt ihm Pichelstein, was alles nicht zwingend gebraucht wird. „Dnes je are a little bit over-equiped”, folgt zur Antwort. Die Mischung macht’s. Vor allem jene aus englischen, deutschen und tschechischen Vokabeln. In den nächsten beiden Tagen werden allerseits Buchstabenreigen gesprochen, die ihresgleichen suchen. Ein Höhepunkt: „He overlived den boj (aka: Kampf) with the Tod“. Dazu muss man sich ein Ringen und Schwingen mit Händen und Füßen vorstellen. Nun, immerhin gibt es die glorreiche Zuzana, die spricht fließend Schweizerdeutsch, findet es aber mitunter derart anstrengend, dass sie darauf besteht, jeden dritten Satz englisch beantworten zu dürfen. Und über allen Köpfen schwebt ein bestechender Dunst aus pflanzlicher Herstellung, eine Mixtur aus Tabak und Marihuana. In Prag wird auch gleich mal im lichtdurchfluteten Fenster zum Hof gezüchtet.

 

 

Und los geht’s. Die erste Runde des Doctors-Konzertes läuft wie am Schnürchen. Geboten wird eine Pratajev-Revue rasanter Güte, denn Pichelstein (2. Gulasch, Becherovka, schwarzes Pivo, Züge von geschwängerter Luft intus, nicht inhaliert) ist kaum zu halten. „Langsamer, mein Doctor, langsamer“, versucht Makarios seinen Gitarristen zur Räson zu bringen. Aber die Euphorie kennt keine Grenze; ein „Soundtrack Suizidmusik“ ist mit Pichelstein heute einfach nicht zu machen. Auf in die Pause. Nass, schweißnass wird liebes Prager und auch Pirnaer Volk umarmt (M.C. Schmutz aber nicht, der kriegt bloß eine Zigarette). Žižkov liebt sein „Zerschossenes Auge“. Nur die Nachbarn nicht, also darf’s nach einem Schwung Kaltgetränke gleich weiter gehen.

 

 

Tja und dann sind The Russian Doctors nach einigen Pratajev-Weisen, unterstützt von Jarda Švec („Gelber Schnaps“, „Als das Eis kam“) on saxophone plötzlich mit Goldeck auf hoher See. Die „Samtmarie“ reißt „In my hand“ Matrosen in die Tiefe, bis schließlich doch wieder russisches Landleben am Horizont auftaucht. Oder: bis schließlich doch wieder russisches Landleben den Horizont aufraucht. Na, wie dem auch sei. Der Abend wendet sich allseits trunken der Nacht zu; die letzte Zugabe darf eine Walzerkönig-Schnapsbar sein. Dann muss es reichen, Techniker und Clubchefin werden geherzt. Mitsamt der Pirna-Fraktion geht’s reichlich später in die eingangs erwähnte Cocktail Bar namens „Cocktail Bar“. Drinnen fließen Bäche aus Milch und Honig. Ein Land von dem Doctor Makarios nichts hält. Wie wahr ist jener Satz: „Wenn mich da jemand in einen Honigbach schubst, wär ich schon sauer“? Sehr wahr. Drum bricht nun die Apokalypse des Fürst Fedja an. Rum-Cocktails werden zu Sturzbächen und das Land, in dem Milch und Honig fließen, kann einpacken.

 

Wer mit Volldampf in den Briefkasten rennt, hat am nächsten Tag Kopfweh. So heißt es im Eishockey-Slang über alljene, die mit wahrer Wonne in den sich bereits wegdrehenden Gegner sprangen, somit schlussendlich in die Bande krachten. Wir wollen es vorweg nehmen: Am nächsten Mittag nach dem Hotel-Frühstück gab’s 1/3tel Tross-Verluste; Makarios und Pichelstein begaben sich wohlgelitten allein auf die Pirsch.

  1. 01. August 2015, Pirna/Hofnacht
  2. 25. Juli 2015, Leipzig/Mischhaus
  3. 11. Juli 2015, Piesteritz/An Willis Garten
  4. 28. Juni 2015, Dresden/Elbhangfest, Grottenwirtschaft

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