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tour_tagebuch

17. September 2015, Leipzig/Café Westen, CD Pre-Releaseparty

Live in der Schnapsbar: Seltene Tomaten aus Teschendorf (330)

Was für ein Festtag! Nach zwei Jahren gibt es mal wieder eine Russian Doctors-CD. Und zwar gleich im Doppelpack. Titel: „Live in der Schnapsbar“. Eingespielt wurde der Ritt durch Pratajevs Leben und Werk (Länge: 2 Stunden, 5 Minuten und 28 Sekunden) im Februar dieses Jahres im Cafe Westen, gemixt und gemastert durch die Zauberhände des Dr. Jeans, seines Zeichens Schlagwerker der Band „Fliehende Stürme“. Aber halt – in Deutschland erscheinen alle neuen Platten immer freitags. Das hat die Industrie einst festgelegt und so wird es heute, am Ort der feierlichen Einspielung, eben zu einer Vorab-Release-Party kommen. Das ist durchaus in Mode. Messen, Spielkasinos, Puffs und Pommesbuden schmücken sich seit Jahren mit Events á la „Pre-Release“ oder „Pre-Opening“.

 

Der Wettergott meint es gut mit den Russian Doctors. Es regnet genau so, wie es sein muss, wenn nach all den Freiluftkonzerten mal wieder drinnen gespielt wird. Also nicht zu doll, dann geht keiner gerne vor die Tür und nicht zu wenig, was etwaige Grillunternehmungen von vornherein ad absurdum führt.

 

 

Fit wie sechs Turnschuhe betritt die Entourage das Cafe Westen und macht sich sogleich ans Werk. Die Bühne ist bereits bestens bestückt, was Makarios und Pichelstein immer sehr zu schätzen wissen. Nichts ist schlimmer als die Ungewissheit, wenn dem Wirt nichts anderes einfällt als: „Hm ja, der Techniker kommt gleich, war spät gestern. Vielleicht kommt auch sein Bruder. Oder dem seine Schwester. Aber die hat meistens keine Kabel da. Wollt ihr was trinken?“

 

Ein Dank an dieser Stelle der agilen Firma Naturton. Selten sonst wird Technik mit delikater Erlebnisqualität übersetzt. Man merkt es am Soundcheck, der keine zehn Minuten dauert. Doctoren lieben sowas, denn Punkt drei (nach Anreise und Bühneneinstellung) eines gelungenen Abends rückt somit zielgerichtet näher. Dabei handelt es sich um die Speisekartenauswahl unter Zufuhr besonderer Kaltgetränke. Geschlemmt wird im überdachten Biergarten; erste Ehrengäste aus nah, fern bis sehr fern treffen ein. Besonders freuen sich die Docs auf zwei herzallerbeste Teschendorfer Pratajev-Freunde. Baumfreund Ekmel und Vater Joachim präsentieren einen Bildband (Auflage: 1 Stück), der sämtliche Konzerte, die bis dato von Joachim besucht wurden, feilbietet. Doctoreske Tourtagebücher, Zeitungsschnipsel, bisher mehrheitlich unbekannte Fotos… Man kommt aus dem Staunen schwer raus. Zu allerletzt wird der Forscher-Abteilung Dachtarassow noch eine bestens bestückte Kiste voller Teschendorfer Tomaten aus eigener Züchtung überreicht. Pechschwarze sind sogar darunter. Herrlich. Wir werden das Erbe (vs. Saatgut) pfleglich behandeln und im nächsten Jahr gerne aussäen.

 

Fürst Fedja veräußert derweil Milzbrand und frische Tonträger, da dauert es noch eine ganze Stunde bis das Konzert überhaupt losgeht. Knackevoll ist’s. Selten wünschten sich zwei Kellnerinnen durchaus mehr als nur vier Hände zu haben. Doch mehr sind es nicht und so dauert die Versorgung der Gäste etwas länger. Die beiden meistern ihr Tagwerk fürwahr wie zwei Festzeltbienen, jedem Durst wird der Garaus gemacht. Ein Zustand, der sich noch lange über das Konzertintro „Leipzig West“ hinzieht.

 

 

Es wird ein grandioses, furioses Konzert. Makarios gibt den Howie in „Jeder Schluck“ huldvoll wie der Südafrika-Meister himself. Pichelstein stimmt ein und verpasst später nur knapp den auf der Live-CD enthaltenen Schnellgitarrenlauf in der „Harten Wirtin“. Die Pause von 16,5 Leipziger Minus-Minuten dient einer kurzen Rekonvaleszenz und schon wird das Pratajev-Feuer munter weiter abgebrannt. Das Publikum ist ebenfalls feurig und absolut textsicher; Makarios‘ hineingehaltene Mikrofonierung wird heftig besungen, auch Pichelstein hält sich stimmlich zeitweise vornehm zurück. Was dem Alpenländer sein „Schifoan“ beim Ambros-Gig ist, ist dem Doctors-Fan ein „Beim Bücken“ wert. Selbst „Ratte“ und „Biber“ sitzen wie angestimmt und begossen. Um Mitternacht steht spätestens fest: Der Gewandhauschor zu Leipzig kann einpacken. Die nächste Tournee übernimmt das Cafe Westen-Volk, verbunden mit sämtlichen Annehmlichkeiten.

 

Noch ist lange nicht Schluss – es folgen Zugaben, Zugaben, Zugaben. Womit die hier bereits genannte Spieldauer auf der neuen CD eindeutig getoppt wird. Dann sind alle nass. Den Doctoren kleben die Socken, kleben das Hemd wie das Shirt. Fürst Fedja zählt die leeren Schnapsgläser am Bühnenrand und sagt nur: „Junge Junge…“

 

12. September 2015, Leipzig/1. Doctors-Grillen, Schleußig

Gallenröhrling, Dawai! (329)


Lange Jahre geplant, immer wieder verschoben, doch heute wirft er sich in Schale, der leckere Tag der Belohnung. Für was? Na, was für eine Frage. Da spielt man das ganze Jahr über landauf, landab Konzerte, trägt das Erbe Pratajevs in den hintersten Winkel benachbarter Länder hinein, wird dafür von lieben Menschen ständig betrunken gemacht und hat die Folgen am nächsten Tag in einem gemütlichen Hotelbettchen auszubaden. Sofern nicht das Zimmermädchen klopft oder der Frühstücksweg ab 10 Uhr morgens versperrt ist. Zwischendurch sitzt man stundenlang im Tonstudio, am Tastentippgerät, im Wirtshaus, probiert sich durch Speisekarten („Das hat alles Pratajev bezahlt!“) und tüftelt an der Erweiterung der Liederliste. Die Folge: man muss sich das alles merken. So ein Leben als russischer Doctor ist nicht einfach. Also auf zum Instrument der Belohnung, Ein psychologisch sehr wichtiges Momentum. Und womit belohnen sich die Russian Doctors wohl gerne? Mit einer kulinarischen Armada im engsten Freundeskreis, in einem Schleußiger Hinterhof, in dem (natürlich) viele Katzen ihr Unwesen treiben.

 

 

Das 1. Doctors-Grillen kann beginnen. Am Himmel scheint eine Septembersonne schönster Güte, das Vorbereitungs-Komitee arbeitete bis zuletzt auf Hochtouren, damit der Riesenbohei gelingt. Gleich drei Grillstätten werden mit Holzkohle befüllt, die Gartentische biegen sich vor Salaten, ein liebevoll bestückter Käseigel thront in der Mitte und die eben erst aus Belarus eingetroffenen Schnapsvorräte sind der Vernichtung geweiht. Was ganz logisch ist; gleich drei weißrussische Staatsangehörige sitzen an der Tafel und Fürst Fedja nicht weit davon entfernt. Stets und jederzeit befüllt der zum Mundschenk auserkorene Becher wie Gläser. Ein Zustand des Dauerprostens dominiert das Geschehen. Gerufen wird: „Dawai, Dawai!“ Aber nein, Dawai heißt Los! Vorwärts! Gemeint ist der Aufbruch, der Sturm auf irgendetwas. So muss es richtig heißen, logisch: „Nastrovje“.

 

Zwischendurch, so gegen 20 Uhr, betritt eine sichtlich verblühte, mittlerweile gewiss bereits verrentete Aufseherin in enganliegenden Sportklamotten (Vermutung: Walken, Fußgängerwegwandernadel in Gold, mit Schleife) das Geschehen und teufelt auf das feiernde Volk ein. Die Rede ist vom Ordnungsamt, das sofort geholt werden müsse und so weiter und so fort. Nun, man weiß ja, wie diesen Gallenröhrlingen unter den weltunzufriedenen Kamillenteetrinkern beizukommen ist: mit gut dosierter Ignoranz und so stapft die Verwelkte von dannen durchs Gebüsch. Jetzt also erst Recht: Das Konzert kann beginnen. Denn was wäre ein Doctors-Treffen ohne pratajevsches Liedgut? Eben.

 

 

Nachbarn strömen herbei, Kinder liefern sich hanebüchene Bobby Car-Rennen, die Grills dampfen bis zum letzten Steak. In der Feuerschale brennen Scheite geschlagenen Holzes nieder. Makarios und Pichelstein spielen bis tief in die Dunkelheit hinein. Unterbrochen von trinkfreudigen Langpausen - bis mal eben ein Geburtstagskuchen angeschnitten wird. Dann schwindet die Erinnerung, was sicherlich gar nicht so verkehrt ist. „Dawai, Dawai“, heißt es reichliche Stunden später.

 

  1. 04. September 2015, Prag/Parukářka
  2. 03. September 2015, Prag/ U vystrelenyho oka
  3. 01. August 2015, Pirna/Hofnacht
  4. 25. Juli 2015, Leipzig/Mischhaus

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