Spoutana.cz (243)

Die kleinäugigen Herren Doktor Makarios und Doktor Pichelstein bewegen sich schwerlich an Deck. Hart war das Ei, härter der Abend nebst Konzertnacht zuvor. Nichts wie unter die Sonne, auf zur Josefina, der schlanken, drahtigen Fährverbindung zum anderen Moldauufer. Doktor Makarios dichtet derweil am Epos "Der Fluss". Leider dauerte die Überfahrt nach Smíchov ganze zwei Minuten, entsprechend kurz gehalten ist die Lyrik: "Oh Fluss, Fluss, oh Fluss. Schlingst deinen Arm um die Stadt." Ende, alles ist gesagt. Eigentlich wäre man dann gerne noch mit der Seilbahn gefahren, doch mindestens 23 Schulklassen hatten dieselbe Idee. Bleibt die Flucht und der Trend zum zweiten Frühstück hält an. Das Handtelefon steht nicht still; in der Heimat glühen die Denkerköpfe – die neue Art-CD/DVD steht kurz vor Abgabe ins Presswerk. Ein feiner Tag wird’s, der letzte Sommertag im Herbst. Auch wenn man’s beim Pivo an der Karlsbrücke kaum zu glauben vermag. Schweinern geht’s gebraten weiter: Erntemarkt. Dazu Starkbier der Brauerei Ferdinand. Grundsätzlich müsste sich mal folgendes gefragt werden: Wenn alle hier in Prag immer so viel trinken, Touristen wie Prager, wer um alles in der Welt braut so viel Pivo? Da müssen ja ständig Sonderschichten gefahren werden. Und erst der Export! Wahnsinn. Asiatische Verhältnisse in fleißig. Deutsche, Griechen, Spanier, schaut auf dieses Land.

 

 

Žížkovs imposanter Fernsehturm mit den Krabbelkindern dran wird vom Taxifahrer recht waghalsig erreicht. Der zottelige Steuermann hustet dazu in einem fort, mit jedem Schlagloch wird es schlimmer - beide Doktoren würden gerne Mundschutz tragen. Bloß sich keinen böhmischen Killervirus einfangen, wie beim letzten Intensiv-Pragausflug 2009, der Doktor Pichelstein wenige Tage später ohne Umwege direkt in die nächtliche Notfallaufnahme führte. Schüttelgefrostet, mit einer Gartemperatur von knapp 40 Grad Celsius. Wenn einem, so erschienen, die nicht mehr sehr junge Krankenschwester offeriert: „Gehen Sie mal morgen zum Hausarzt, wir können nachts um drei überhaupt nichts für Sie tun“, weiß man spätestens, dass der Dienstleistungssektor, speziell im Leipziger Osten Deutschlands, wenig hinzugelernt hat. Die Sache ging dennoch gut aus; Doktor Pichelstein täuschte eine mittelschwere Ohnmacht vor und wurde wenig später mit einer längerfristigen Arbeitsunfähigkeit beglückt.

 

 

Schon steht man vorm Berg, dem Paruká?ka; wie eigentlich immer wird sich mit geschultertem Equipment bis ans Ziel gekeucht. Und das Ziel ist groß! Jolana, zurück aus Ägypten, Goldeck-Geiger-Pavel, Phil, Jarda und: tata, da isser: DJ MC Špína, gestern noch einer der Langschläfer im Oka, heute bereits wieder redselig angetütert. Špínas vordere Zahnverluste der letzten Zeit führen allerdings dazu, dass kaum ein Wort (im Kauderwelsch aus Tschechisch-Deutsch-Englisch) zu verstehen ist. Doktor Pichelstein versucht in einer ruhigen, abgeschiedenen Schnapsbarminute einem gewiss weltgewandten Satz zu lauschen. „Pivo, Schnapps-Shots“ – mehr ist beim besten Vokabular-Willen nicht zu eruieren.

 

Der Soundcheck eilt voran; der doppelte Jarda weilt nämlich zugleich im Oka, ergo muss alles rasch über die Bühne gehen. Der Wirt ist glücklich und wird es, zumindest heute, die ganze Nacht über bleiben. Am Tresen wird gefeiert, besser: getrauert, denn vor genau einem Jahr starb einer der Paruká?ka-Gänger. „Wir machen das in seinem Sinne“, erläutert ein kleines Blechmädchen mit einem Randvollglas Slibowitz in der Hand. Dann los, Grillsenf von den Backen gewischt, The Russian Doctors spielen um ihr Leben. Das klingt fürwahr übertrieben, doch dem ist nun mal so. Doktor Pichelstein: kaum zu bändigen, Doktor Makarios Ansagen sind kurz gehalten, doch was sie verkünden, trifft die Menschen ins Herz. Die Rede ist natürlich von Pratajev, seiner Zeit in Prag. Die Rede ist von heute dito wieder ausgelegten Gedichten des großen, russischen Poeten. Und schon bald, das Konzert schwitzt sich in die Pause, wird allen Anwesenden historisches Gewahr: Die erste, öffentliche Pratajev-Lesung in tschechischer Landessprache beginnt. Die Lyrik „Gefesselt“ hat es allen besonders angetan, wird rezitiert in ihrer ganzen tragischen Weite bis Lüsternheit. Selbst der Wirt macht schließlich mit, umarmt dankbar Doktor Makarios glühenden Auges, führt Doktor Pichelstein geschultert an die Schnapsbar. Hier angekommen macht es auch nichts, dass mitunter der gesamte Becherovka-Vorrat ausgetrunken wurde. „Das gab’s noch nie“, jammert die Tresenfrau. „Das gab’s bei den Russian Doctors schon oft“, bemerkt Pichelstein voller Stolz. „Slibowitz“, wird gerufen und „Fernet für The Russian Doctors“. Weiter geht’s.

 

 

MC Špína war der Letzte am Mikro; Doktor Makarios versucht fortan, der nunmehr triefnassen Sangesgerätschaft nicht mehr allzu nahe zu kommen. Doch dann ist alles egal. Die Zugaben führen einige Mädchen aus besseren Kreisen in den Club hinein. Eine wird später von Pferden berichten. Die andere, im verknüllten 45-Grad-Winkel, auf einer Bank liegend, sehr herzhaft brechen müssen. Weniger im leisen Schwall, eher brachial, ja überzeugend. Macht nichts, wird schon wieder, kümmert gerechter Weise keinen. Schließlich, nach ergreifenden Verbrüderungen, müssen die Doktoren ins SMS-Taxi, ins Botel zurück. Es geht einfach mal nichts mehr; draußen hat’s geregnet und ein kalter Wind weht über das anbetungswürdige Antlitz des Paruká?ka. „Kommt wieder!“, ruft der Wird. „Machen wir“, winkt Doktor Makarios in die letzte kleine Menschenmenge hinein. Dann ist kalter Herbst und man wird sich beim Tesco am nächsten Tag wohl oder übel eine dicke Jacke kaufen müssen.

Krásná žába - schöne Frösche (242)


Die braunen Entenweiber auf der Moldau schnattern sowohl Doktor Makarios (Kajüte 32) als auch Doktor Pichelstein (Kajüte 34) auf dem Botel wach. Natürlich, kein Wunder. Bereits ab halb 10 scheint die Sonne so, als wäre bereits erneut Frühling im Anmarsch. Bunt gefiederte Erpel geraten schwärmerisch ins Grübeln: „Schon wieder Paarungszeit? Warum nicht.“ Doch weit gefehlt; alle Entenweiber wissen’s besser und hacken erfolgreich zurück.

 

Auf dem Frühstücksdeck versucht sich Doktor Pichelstein mit einem herkömmlichen Schmiermesser am kunstvollen Zerteilen störrischer Backwaren. Bald regnet es allenthalben Brotbröckchen hernieder, obsiegt die Erkenntnis, dass nur böhmische Scharfmesser in der Lage sind, frische Hörnchen in bestreichfähige Zustände zu versetzen. Sehnsucht und Jieper auf leckere Chlebí?ek wachsen. „Mein Doktor, vor dem Frühstück ist nach dem Frühstück, wir müssen los“, ist dann auch der gerechte Satz nach Erwerb eines 24-Stunden-Tickets für sämtliche, öffentliche Prager Verkehrsmittelchen. Motto übrigens: „Flott durch die Stadt“. Aber wer will das denn?

 

 

Auf geht’s nach einer Portion Sonnendeck hinein in den Konzerturlaub. Denn: Man will und darf ja wenigstens auch ein bisschen Praha 1-Tourist sein. Chlebí?ek auf dem Wenzelsplatz, Karlsbrücke und Moldauufer lassen grüßen; hier ein Gulášová, dort ein Pivo dazu. Oder beides zusammen, schmeckt am besten. Karl Gott! Neue CD! Ganze Schaufenster schnappen daran über, Eindrücke überwältigen. Doktor Makarios erweist sich mal wieder als wahrer Gourmetentdecker. Aufgepasst werden muss nur, dass keine hörige Reisegruppe (Schirm voran) einen als Gefangenen mit in die Khakihosen-Herden reißt. Diese armen Menschen. Grausame Anführer rufen stadtführend ins Headset, Ohrstöpsel transferieren Informationen; am Revers der Herdentouristen steckt ein Empfänger. Echt Hightech. Dumm nur, wer ein Hörgerät trägt, daran zeternd leidet, wie die paarungsbereiten Frühlingserpel auf der Moldau. Und wie sie fließt und glitzert, wie Bötchen auf ihr fahren, schwarze und weiße Schwanenpaare Kreise ziehen. Eigentlich möchte man gar nicht auftreten heute, vielleicht noch ins nächste Restaurant verschwinden, all das. Doch Schluss, solchen Gedanken sollte nicht nachgehangen werden. Heute ab 20 Uhr: The Russian Doctors zum wiederholten Mal im Oka, in Žížkov – wunderfein war’s dort bisher immer. Schön, dass aus gestrigem Anlass alles Equipment dort bereits auf der Bühne steht. Es folgt ein Nachmittagsschlaf, folgen Botel-Pivos auf dem Sonnendeck beim Untergang des orangenen Feuerballs. Möwen umsegeln den Angler bei seiner harten Arbeit in der Flussmitte. Absurd: Junge, rudernde Menschen in Kajakbooten lassen sich von anderen, via Motorboot-Megafon, zusammenschranzen. Das möchte man nicht haben.

 

 

Später im Oka: Jarda hat’s eilig mit dem Soundcheck; einem Šaman obliegt es aber an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Im eigenen Club, dem Nuclear Bunker, ebenso wie hier im Oka. Wie schnell doch alles geht! Nur: Wenn in einem Bandvideoportal die Überschrift „Live vom Bunkr Praha“ geschrieben steht, tjaha, dann habt Ihr Bands das Mitleid der Doctors. Und durftet wohl nicht ins Oka, wo sich langsam die Tische besetzen, Zuzana, Phil, erneut zur Freude: die Nürnberg-Delegation, Azalea So Sweet und gar eine der Berliner Pratajev-Sektionen eintreffen. Ebenso fast vollzählig versammelt: Die Band Secret 9 Beat, deren neue CD zwar noch im Taufbecken verweilt - mit Producer Phils Hilfe indes gewiss schon bald das Gott’sche Karelgen in Punkrock eingehaucht wird. Es kreisen die Rauchwerke, noch ein Becherovka an der Theke und los geht’s mit dem ersten Set: Männer die am Feldrand stehen…

 

Selten waren Doktoren so fotogen wie heute; ein Kulturschaffender in Leipzig-Lindenauer Tracht dreht mal gleich einen ganzen Film samt Interviews am Schluss und stellt Doktor Pichelstein u.a. folgende Frage: „Was hast du vor der samtenen Revolution über Prag gewusst?“ „Das lässt sich auf wenige Ebenen reduzieren“, wird der bereits sehr angeschlagene Schnellgitarrist zu später Stunde antworten. „Pan Tau, tschechische Märchenfilme, Luder in Hackschuhen und natürlich Becherovka.“

 

 

Am Ende des 2. Konzertsets, die erste Gitarrensaite riss darin im Überschwang recht bald, wird schnell klar, dass es heute mit wenigen Zugaben nicht getan ist; die Wirtshaustochter trägt emsig Durstlöscher gen Bühne, ausgegebene Pratajev-Texte in tschechischer Übersetzung werden bereits heftig singend rezitiert. Aus dem Nebenraum eilen die Menschen bis nach ganz vorne. Die Spendendose für die notleidenden Wirtsleute von Miloproschenskoje enthält gar zwei T-Shirts mit lauter schönen Fröschen drauf. Ist doch tatsächlich ein echter Froschzähler, ein Feingeist Pratajevscher Fluss- und Agrarromantik, im Publikum. Dafür und zum Schluss kann’s nur eine letzte Ode geben: Das Lied vom gelben Fettfrosch. „Pivo ist das Brot für die Tschechen“ ruft noch einer, bevor ihn Gevatter Schlaf zu sich holt.

 

 

Fotos 2-4: Zuzana Oplatková

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